Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

«Es kräht ja doch kein Hahn danach»

Im Laufe der Zeit gab es viele spannende Komponistinnen, die jedoch in Vergessenheit gerieten. Warum eigentlich? Das Festival Alte Musik Zürich geht in einem Symposium dieser Frage nach und stellt in Konzerten mehrere Komponistinnen vor.

Von Thomas Meyer

«Ein Frauenzimmer muss nicht componiren wollen – es konnte es noch Keine», notierte die zwanzig Jahre junge Pianistin und Komponistin Clara Wieck, später geehelichte Schumann, 1839 in ihr Tagebuch. «Ich glaubte einmal, das Talent des Schaffens zu besitzen, doch von dieser Idee bin ich zurückgekommen.»

Diese Sätze gehören zu den meist zitierten, wenn es ums Thema Komponistinnen geht. Sie fragen verzweifelt danach, warum denn so wenige von ihnen zu einer nachhaltigen Wirkung gelangt sind. Doch diese Sätze wären sogleich etwas zu relativieren. Tatsächlich nämlich gab es interessante Komponistinnen im Lauf der Jahrhunderte, und einige von ihnen stellt nun das Festival Alte Musik in Zürich vor: Hildegard von Bingen, Barbara Strozzi, Elisabeth Claude Jacquet de la Guerre, Marianna Martines, Fanny Mendelssohn. Man möchte ihnen Francesca Caccini, Louise Farrenc, Johanna Kinkel, Ethel Smyth hinzufügen, ausserdem zahlreiche Fürstentöchter und -schwestern sowie Klosterfrauen, ganz abgesehen von all den vielen Komponistinnen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Es gab und gibt also Komponistinnen. Wo ist dann das Problem?

Zu Lebzeiten hochgeschätzt

Das Problem ist, dass die Musik dieser Frauen, abgesehen von Hildegard von Bingen, deren tranceartige Gesänge bis in den Pop und in Esoterikkreise vorgedrungen sind, allenfalls KennerInnen vertraut und nur selten in Konzertsälen zu hören ist. Der musikgeschichtliche Einfluss dieser Komponistinnen wird eher gering eingestuft, und das lässt sich auch nicht einfach ändern. Wie sollte ein Meisterwerk wie zum Beispiel Fanny Mendelssohns Klaviertrio von 1846 auch Bedeutung erlangen, wenn es bis in die 1960er Jahre kaum öffentlich gespielt wurde? Und dies, obwohl diese Musikerinnen zu Lebzeiten durchaus hochgeschätzt wurden. «Nachdem der König ihre Sonaten über alle Massen gelobt hatte, sagte er ihr, dass sie unvergleichlich seien. Man hätte Mademoiselle de la Guerre gar kein grösseres Lob gönnen können, denn diese Worte lassen erkennen, dass der König ihre Musik nicht nur sehr schön gefunden hat, sondern dass sie auch originell ist, was man heutzutage immer seltener findet.» So wird über Claude Jacquet de la Guerre und Louis XIV. berichtet. Und der Musikreisende Charles Burney notiert 1772 über Marianna Martines: «Sie übertraf wirklich noch die Erwartung, die man mir von ihr beygebracht hatte. Sie sang zwo Arien von ihrer eignen Komposition über Worte von Metastasio, wozu sie sich selber auf dem Flügel accompagnierte, und zwar auf eine wohlverstandene, meisterhafte manier.»

Die Musikerinnen wurden also keineswegs verkannt – und doch hinterliessen sie nicht, was allein in der Musikgeschichte zur Bedeutung verhilft: das grosse geniale, in die Zukunft hinaus wirkende Meisterwerk. Warum das so ist, wird im Rahmen des Zürcher Festivals ein von der Musikwissenschaftlerin Cristina Urchueguía geleitetes Symposium beleuchten: Es geht um die Musikausbildung aus der Perspektive der Frauen. Und von daher dürfte sich auch zeigen, wie wichtig Frauen im Musikleben waren, wenn auch häufig nicht als Professionelle, sondern als «Amateurinnen». Tatsächlich erhielten gesellschaftlich bessergestellte Töchter eine gute musikalische Ausbildung. Jede aus gutem Haus stammende junge Frau der Mozart-Zeit, die standesgemäss heiraten wollte, lernte, ein Instrument zu spielen, vorzugsweise Klavier oder Harfe, eventuell beides und noch ein weiteres und Gesang dazu. Zu diesem Zweck studierte sie aber auch Harmonielehre. Wie uns die Lehrbücher jener Epoche zeigen, improvisierte und komponierte sie vielleicht auch für den Hausgebrauch. Die Grenzen waren da nicht so scharf gezogen.

Und einige entwickelten dabei ausserordentliche Fähigkeiten. Ein Blick etwa in die Notensammlung der britischen Schriftstellerin Jane Austen (1775–1817) beweist, dass sie leidenschaftlich und besser als nur passabel Klavier spielte.

Die Krux liegt im leidigen Wörtchen «Hausgebrauch». Die Musik von Frauen blieb allzuoft – es gibt auch da Ausnahmen – in den geschlossenen Räumen des Haushalts, der klösterlichen Klausur oder allenfalls des Salons gefangen. Während der Vater von Felix und Fanny Mendelssohn für seinen Sohn durchaus den Musikerberuf in Erwägung zog, könne und solle die Musik, so schrieb er, für die Tochter doch «stets nur Zierde, niemals Grundbass» ihres Seins und Tuns werden. Und für diese Zierde erhielt man auch keine Resonanz. «Was ist auch daran gelegen, kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife», schrieb Fanny Mendelssohn denn auch über ihr Komponieren.

Massgeblich mitprägend

Auch wenn die Männer zahlenmässig nach wie vor beim klassischen Komponieren dominieren, so hat sich doch etwas verändert. Komponistinnen wie – um nur drei herauszugreifen – die Russin Galina Ustwolskaja, die Finnin Kaija Saariaho oder die Amerikanerin Pauline Oliveros, die heuer den John Cage Award erhält, haben die Musik unserer Zeit massgeblich mitgeprägt. Auch an den Kompositionsklassen der Hochschulen sind längst Frauen tätig, wie in Zürich etwa Isabel Mundry. Für Kontinuität ist also gesorgt.

Festival Alte Musik Zürich in: Zürich, verschiedene Orte, Do, 8., bis So, 18. März. Symposium am Fr/Sa, 9./10. März 2012. www.altemusik.ch

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