Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

Der Glanz des Goldes, die Schuld des Geldes

Mit der Wirtschaftskrise haben Ideen rund ums Geld Hochkonjunktur. SVP-Kreise haben eben eine «Goldinitiative» lanciert, eine andere Initiative zur sogenannten Vollgeldreform steht kurz vor dem Start. Welche ökonomischen Ideen stecken hinter den Initiativen? Und wozu taugen sie?

Von Yves Wegelin

Der Aufruf war vor zwei, drei Wochen in meinen Briefkasten geflattert: «Rettet unser Schweizer Gold!» Nun steht Luzi Stamm, der Urheber des Papiers, von den Ferien gut gebräunt und gelaunt neben mir und klopft mir auf die Schulter, während er sich an der Bar des Bahnhofbistros Baden ein Cola Zero bestellt. Stamm ist SVP-Nationalrat im Kanton Aargau sowie Vizepräsident der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz. Kurz Auns.

Die Nationalbank soll kein weiteres Gold verkaufen und dazu verpflichtet werden, zwanzig Prozent ihrer Anlagen in Form des Edelmetalls zu halten. Das sind die Forderungen, die Stamm und seine beiden SVP-Mitstreiter Lukas Reimann und Ulrich Schlüer in ihrer eben lancierten Initiative stellen. Was nach einer komplexen Erklärung schreit, begründet Stamm mit einem einfachen Satz: «Man braucht kein Ökonom zu sein, um zu wissen: Gold wird auch in hundert Jahren noch Gold wert sein.»

Um die Jahrtausendwende begann die Nationalbank, einen Teil ihres Golds zu verkaufen. Für Stamm ist das ein grosser Fehler. Denn in der derzeitigen Wirtschaftskrise, in der der Wert der Reservewährungen US-Dollar und Euro unsicher ist, sei es wichtig, etwas Festes in der Hand zu halten: Gold. Und zwar nicht bloss eine Forderung auf Gold, das irgendwo im Ausland liegt. Das Gold soll auf Schweizer Boden gebunkert werden. Denn wie, so fragt Stamm, könnte die Schweiz etwa die USA im Fall eines politischen Konflikts zur Herausgabe von Gold zwingen?

Gold ist immer Gold wert. Doch das ist nicht immer gleich viel. Seit der Finanzkrise 2008 ist der Goldpreis zwar geradezu explodiert, da das Edelmetall als vermeintlich sichere Anlage gilt. Doch ist die Krise in zehn, fünfzehn Jahren überwunden, könnte der Goldpreis schneller fallen, als er gestiegen ist. Zudem wirft Gold anders als Wertpapiere keine Renditen ab. Und schliesslich kämen immense Transport- und Lagerungskosten hinzu. Führt die Initiative also wirklich zu einer sinnvollen Anlagepolitik? Stamm: «Das sind berechtigte Fragen. Doch für mich sind sie von weit untergeordneter Bedeutung.»

Geld als Ware

Den SVP-Initianten geht es um nationale Souveränität, nicht um Nationalbankpolitik. Beim Lesen eines Papiers zur Initiative wird jedoch offensichtlich, dass dabei auch althergebrachte Vorstellungen über Geld mitschwingen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein dienten auch hierzulande Gold- und Silbermünzen als Geld. Bis zur Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre herrschte zudem der internationale Goldstandard: Die Nationalbank war verpflichtet, Banknoten zu einem festen Wechselkurs in Gold umzutauschen – und auch nach dem Zweiten Weltkrieg behielt Gold unter dem sogenannten Bretton-Woods-System eine Rolle, da die Leitwährung US-Dollar an das Metall gebunden war.

Geld war Gold – oder zumindest mit Gold unterlegt. Es war eine Ware.

Unter dem Goldstandard war eine lockere Geldpolitik, die die Wirtschaft stützte, nur beschränkt möglich. Verlor die Währung an Wert, tauschten AnlegerInnen das Geld zum (überbewerteten) festen Wechselkurs bei der Zentralbank in Gold um – um es bei einer anderen Zentralbank in eine stärkere Währung umzutauschen. Um den Goldabfluss zu verhindern, war die Zentralbank gezwungen, die Zinsen anzuheben. Zwar verlangt die «Goldinitiative» keine Frankenanbindung an Gold. Dennoch könnte sie die Nationalbank einschränken. Die Zentralbank könnte zwar weiterhin unbegrenzt Geld in Umlauf bringen, sofern sie zwanzig Prozent davon in Gold anlegt.

Doch die erwähnten Anlageschwierigkeiten könnten die Zentralbank davon abhalten. Zudem würde ihre derzeitige Währungspolitik, mit der sie die Exportwirtschaft durch die Schwächung des Frankens stützt, erschwert: Die Nationalbank wäre gezwungen, einen Teil der Euros, die sie von den Banken gegen frisch gedruckte Franken kauft, wiederum für Gold zu verkaufen – was die Menge an Euros auf dem Markt erhöhen und damit erneut den Franken stärken würde. Und würde der Käufer die Euros wiederum in Franken tauschen, wäre die Nationalbankintervention vollends verpufft.

Hat Stamm sich all das wirklich gut überlegt? Er sehe keine Probleme, zumal der Kauf von Gold dessen Preis in die Höhe treiben würde, weshalb die Nationalbank nur wenig davon kaufen müsste. «Aber unser Gespräch zeigt: Der Punkt ist schwierig zu verstehen.»

Geld als staatliches Zahlungsmittel

Einer, der seinerseits eine zu lockere Geldpolitik ausdrücklich verhindern will, ist Hans-Christoph Binswanger. Ich finde den 83-jährigen emeritierten Wirtschaftsprofessor in der Bibliothekscafeteria der HSG St. Gallen – vertieft in ein akademisches Papier. Binswanger sitzt im Expertenrat des Vereins Monetäre Modernisierung (MoMo), der nächstens ebenfalls eine Initiative lancieren will. Binswanger propagiert dessen Forderung seit Jahren: «Wir sehen uns einer ausufernden Geldschöpfung gegenüber, die mitunter die letzte Finanzkrise verursacht hat.» Diese Geldschwemme soll eingedämmt werden.

Genau genommen wird Geld heutzutage von den Geschäftsbanken geschaffen. Quasi aus dem Nichts. Eine Bank A trägt einen Kredit etwa an ein Unternehmen einfach in ihren Büchern ein. Erst wenn dieses Unternehmen einem anderen Unternehmen Geld auf dessen Konto bei der Bank B überweist, braucht Bank A Liquidität, um ihre Schuld gegenüber Bank B zu begleichen. Dazu benutzt sie Kundengelder, leiht sich das Geld bei einer anderen Bank (Interbankenmarkt), oder sie besorgt es sich gegen Zins bei der Nationalbank. Das ist kein Hokuspokus: Indem das Unternehmen den Kredit verwendet, um etwas zu produzieren, schafft es den Gegenwert des Geldes.

Zumindest in der Theorie kann die Zentralbank jedoch die Geldschöpfung der Banken eindämmen. In erster Linie, indem sie durch eine Erhöhung des Zinses ihr Liquiditätsangebot verknappt. Doch in der Praxis, sagt Binswanger, sei sie sehr eingeschränkt. Die Zentralbank müsse bei der Erhöhung des Zinses das damit ins Land fliessende Kapital bedenken, das die eigene Währung verteure. Und viel wichtiger: Die Banken würden das Geld vorgängig schöpfen; und die Zentralbank sei gezwungen, die Liquidität nachzuliefern, um einen Kollaps der Banken zu verhindern. «Die Banken geben den Ton an», sagt Binswanger, Doktorvater des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann. Dieses Geld, so Binswanger, fliesse statt in Investitionen immer mehr in die Spekulation. Die treibe die Preise der Immobilien und Wertpapiere in die Höhe, was zu Finanzblasen führe.

Eine solche Finanzblase platzte 2008 – und führte zur grössten Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren.

Angesichts der Krise sind Binswangers Argumente schwer von der Hand zu weisen. Als 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers und mit ihr der Interbankenmarkt kollabierte, weiteten Zentralbanken ihr Liquiditätsangebot aus. Und seither wird überall versucht, mit tiefen Zinsen die Wirtschaft wiederzubeleben. Kommt hinzu: Die Banken können nicht nur auf die Liquidität der Zentralbanken zählen. Die Rettung der UBS sowie unzähliger anderer europäischer Grossbanken hat gezeigt, dass die Staaten den Banken auch die vergebenen Kredite abnehmen, wenn diese sich als faul erweisen. Die Banken sind «too big to fail».

Binswanger und der Verein MoMo verlangen nun mit ihrer Initiative eine Vollgeldreform. Damit soll die Geldschöpfung eingedämmt werden. Allerdings nicht, indem das Geld an die Ware Gold gebunden wird, deren Preis sich auf dem Markt ergibt. Im Gegenteil: indem die Geldschöpfung vollständig in die Hände des Staats gelegt wird. Jeder Kredit, den eine Bank vergibt, müsste zu hundert Prozent auf Nationalbankgeld beruhen. Das Geldangebot möchte Binswanger an drei Kriterien knüpfen: Erstens dürfte nur so viel Geld geschöpft werden, dass die Inflation sich in Grenzen halten würde. Zweitens wäre zwingend auch der Preisanstieg der Immobilien und Wertpapiere im Auge zu behalten. Und drittens wäre das Wirtschaftswachstum zu drosseln, um den Ressourcenverbrauch zu senken.

Die Idee der Vollgeldreform hat aber auch ihren blinden Fleck: In anderen Zeiten hätte eine übermässige Geldschöpfung zu einer entsprechend überbordenden Inflation der Güterpreise geführt. So wie in den siebziger Jahren, als nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods die Zentralbanken von ihrer neuen Freiheit Gebrauch machten, Geld zu drucken, ohne den Wechselkurs im Auge behalten zu müssen. In der ökonomischen Standardtheorie müssten Kredite die Investitionen fördern und irgendwann die Wirtschaft überhitzen. Doch die Inflation ist nirgends übermässig gestiegen.

Vor allem deshalb haben die Zentralbanken die Zinsen nicht angehoben. Diesen Punkt scheinen viele BefürworterInnen der Vollgeldreform zu ignorieren. Wäre die Inflation emporgeschnellt, hätten die Zentralbanken sehr wohl versucht, die Geldschöpfung der Banken in den Griff zu bekommen.

Geld als Rätsel

Warum ist nichts geschehen? Wegen der zunehmend ungleichen Verteilung der Einkommen und Vermögen. Zu diesem Schluss kommen zahlreiche Studien. Die Ungleichheit brachte die Nachfrage zum Erlahmen. Den Armen fehlte das Geld, die Reichen legten es auf die hohe Kante – was die Liquidität zusätzlich erweiterte. Wird wenig konsumiert, wird auch wenig investiert. Schliesslich zahlt sich eine Investition nur aus, wenn am Ende der wirtschaftlichen Kette ein Käufer ist. Das Ergebnis: Nur wenig Geld landete in Investitionen. Stattdessen wurde ein Teil als Konsumkredite vergeben, um die Nachfrage zu stimulieren. Ein anderer Teil landete auf den Finanzmärkten, wo er die Immobilien- und Wertpapierpreise in die Höhe jagte. Dieser Preisanstieg fiel bei den Zentralbanken jedoch nicht unter ihre Definition einer Inflation.

Die Geldschöpfung hat zwar eine Bedingung für die Schuldenkrise geliefert. Die tiefere Ursache liegt jedoch in der wirtschaftlichen Ungleichheit.

Und dann stellt sich noch die Frage: Wenn Binswanger das Wachstum drosseln will, um den Ressourcenverbrauch zu entschleunigen – würde das nicht zu Arbeitslosigkeit führen? Muss der technologische Fortschritt, der Arbeitskräfte einspart, nicht durch Wachstum kompensiert werden? Binswanger entgegnet, nicht jede Investition schaffe Arbeitsplätze. «Oft finanziert sie neue Technologien, die Arbeitskräfte wegrationalisieren.» Und: Mit einer Vollgeldreform könnten auch die Arbeitslosigkeit – sowie die Ungleichheit – angegangen werden. Das von der Zentralbank zusätzlich geschöpfte Geld könnte über die EinwohnerInnen in den Wirtschaftskreislauf eingespeist werden, indem die Nationalbank ihnen regelmässig einen Batzen gutschreiben würde.

Heute kommt den Banken das alleinige Privileg zu, Geld zu schöpfen. Mit den Renditen darauf verdienen sie einen Haufen Geld. Der US-Automobilpionier Henry Ford meinte, wenn die Menschen das Geldsystem durchschauen würden, bräche die Revolution noch vor morgen früh aus.

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