Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Mit Bumm Bumm durch die neue Republik

Sven Regener schiebt seiner «Herr Lehmann»-Trilogie noch einen Roman hinterher. Das Buch ist unterhaltsam, witzig und kurzweilig – also eigentlich das pure Gegenteil seines Autors.

Von Etrit Hasler (Text) und Ursula Häne (Foto)

Nicht unbedingt ein angenehmer Mensch – aber wunderschöne Texte schreiben, das kann er: Sven Regener im Restaurant Ziegelhütte in Zürich Schwamendingen.

«Musikjournalisten sind nur Groupies ohne körperliche Absichten», schrieb der verstorbene (und immer noch schmerzlich vermisste) Ventil-Verlagsmitgründer Martin Büsser einmal in der «Fabrikzeitung». Wir treffen diese Menschen, die aus der Fiktion heraustreten, vom Plattencover, von der Leinwand und den Bildschirmen springen. Es ist ein aufregender «Purple Rose of Cairo»-Moment: herausfinden, ob denn hinter einem dieser Bilder ein echter Mensch steht. Den man mögen würde, wenn man ihn «in echt» kennen würde.

Im besten Fall trifft man dabei einen Quell der Weisheit, der einen in diese wohlgehüteten Geheimnisse einweiht, die aus einem ganz normalen Menschen einen Star machen können. Einem dabei zuzwinkert, als wären wir die erste Person, mit dem dieses Geheimnis geteilt wurde. Auch wenn es in Wirklichkeit schon ein Dutzend Mal erzählt wurde. Vielleicht schon ein Dutzend Mal am selben Tag.

Ein grosser Lyriker

Sven Regener ist so ein Mensch, der mit diesen Geheimnissen im Sekundentakt um sich wirft. Damit wie mit einem Maschinengewehr auf Fragestellende feuert und sauer wird, wenn sie in Deckung gehen. Kein Wunder, gibt er nicht gern Interviews. Und kaum mehr.

Sven Regener, falls Ihnen der Name nichts sagt, ist der Frontmann (und ich bin sicher, er hasst den Begriff) der deutschen Säufer-Chansonband Element of Crime und gleichzeitig erfolgreicher Roman- und Drehbuchautor. Die Berliner Kneipengeschichte «Herr Lehmann», verfilmt mit der in Ungnade gefallenen Viva-Moderatorenikone Christian Ulmen, wurde x-mal verkauft und in x Sprachen übersetzt. Seine tief lyrischen Songtexte – ein Bekannter nannte Regener im Vorfeld des Interviews «den kommerziell erfolgreichsten Lyriker Deutschlands» – stehen in bizarrem Kontrast zu seinem scheinbar angetrunkenen, schleppenden Gesang. Doch ist es gerade diese Kombination, die ihm unter Frauen und anderen Intellektuellen eine treue Fangemeinde eingebracht hat. Vielleicht könnte man ihn den Endo Anaconda Deutschlands nennen – nur ohne Anacondas Gemütlichkeit. Und getriebener.

Von Trunkenheit wimmelt es auch in Regeners Büchern. Aus der Distanz betrachtet mögen sie simple Kneipen- und Szenengeschichten sein, ohne politische Relevanz – in «Herr Lehmann» etwa passiert der Mauerfall so quasi nebenbei, ohne dass die Hauptfigur irgendwie dazugehört. Und nicht einmal dieser Absenz mag man noch irgendeine politische Aussage dazudichten.

Doch da sind Sven Regeners Sprachwitz, seine atemlosen Stream-of-Consciousness-Wurmsätze, die auch mal über drei Seiten gehen können. Dazu seine völlig wirren Dialoge, die nicht näher an der Realität der gesprochenen Sprache sein könnten: Missverständnisse, Wiederholungen, Szenejargon, der in zu grosser Dichte plötzlich zum babylonischen Kauderwelsch verschwimmt. Man könnte wohl, wenn man Regener richtig sauer machen wollte, von einer sprachlich grösstmöglichen Authentizität reden. Ein Begriff, von dem er nichts wissen will. Es gibt viele solcher Begriffe.

Berührend, komisch, tieftraurig

All das ist in Regeners neuem Roman «Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt» noch ausgeprägter als zuvor. Der Text spielt ein weiteres Mal im Universum der «Herr Lehmann»-Figuren, zur Hauptfigur ist inzwischen Karl Schmidt avanciert, der bildende Künstler und Technofreak, der im ersten Roman am Tag des Mauerfalls einen Nervenzusammenbruch erleidet. Nach fünf Jahren in der Psychiatrie und in betreuten Wohngruppen entflieht er dem sozial organisierten Albtraum, um mit einer Gruppe Elektromusiker durch Deutschland zu fahren.

Die «Magical Mystery Tour» des Technolabels «Bumm Bumm», in Anlehnung an den gescheiterten Konzertfilm der Beatles, führt die bunt gemischte Gruppe aus Altstars, unverstandenen Künstlern und dem «Next Big Thing» sowie dessen Hamstern durch die subkulturelle Welt der neuen Republik, von halb leeren Provinzclubs über die Rollstuhldisko in einem Bauernstall bis hin zum grossen Festival zum Abschluss – mit all den sterilen Plastikhotelzimmern und Autobahnraststätten und Alkoholleichen und Backstagepartys dazwischen. Nochmals: Wer dabei einen politischen Subtext, eine Erzählung über Deutschland nach dem Mauerfall erwartet, der wird enttäuscht.

Immer launischer

Stattdessen ist «Magical Mystery» eine fast nostalgische Erzählung über Subkultur in den neunziger Jahren, mit viel naivem Optimismus – kontrastiert vom Kampf der Hauptfigur mit der eigenen Nüchternheit und dem dunklen Gefühl des eigenen Wahnsinns, der nur darauf wartet, ihn wieder zu überfallen. Das ist berührend, unterhaltsam, zum Schreien komisch und tieftraurig in kürzesten Abständen. Kurzweilig allemal. Und erinnert immer wieder an Robert Pirsigs Kultroman «Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten» aus den siebziger Jahren. Nur im Unterschied dazu wunderschön einfach. Man könnte sagen, der Text ist so in etwa das Gegenteil davon, Sven Regener zu treffen.

Ich bin Sven Regener an einem regnerischen Samstagnachmittag in der «Ziegelhütte» in Schwamendingen begegnet, und wir haben knapp eine Stunde miteinander geredet. Das heisst, er hat geredet. Ich habe zwischendurch eine Frage oder zwei einwerfen können. Vielleicht hätte ich das einfach sein lassen sollen. Denn offenbar empfand er das als totale Zumutung. Seine Kaskaden wurden mit jeder Frage launischer und angriffiger.

Ich kenne nach diesem Gespräch viele seiner Meinungen. Zum Beispiel, dass er im Unterschied zu Raymond Chandler findet, dass Städte keine handelnden Figuren in Romanen sein können – womit er sich natürlich auch gegen die häufig geäusserte Bemerkung verwahrt, seine «Herr Lehmann»-Geschichten seien «Berlinromane». Ich weiss auch, dass er die deutsche Urheberrechtsgesellschaft GEMA eine gute Sache findet und dass er sich dagegen wehrt, dass man KünstlerInnen dem Schutz des Urheberrechts entzieht. Dass er findet, dass man illegale Downloads nicht dämonisieren soll, aber dass man den Leuten auch nicht sagen soll, dass es in Ordnung sei. So ist das nämlich, sagt er gern.

Und dass er überhaupt kein Problem damit hat, wenn gewisse MusikerInnen reich werden und andere nicht, und dass das keine Aussage über ihre musikalische Qualität zulässt. Ludwig van Beethoven sei auch steinreich geworden. Dass Crowdfunding Quatsch sei, weil das bescheuert sei, wenn Leute die Katze im Sack kaufen müssen. Dass es egal sei, ob die UBS oder die Polydor eine neue Platte finanziert. Dass es unglamourös sei, wenn Rockmusiker Strassenbahn fahren. Dass ohne Koks und Nutten Rock ’n’ Roll tot sei. Und dass ich ein alter Sack und ein Kulturpessimist sei.

Es war, das darf ich so sagen, das unangenehmste Interview, das ich je geführt habe. Und ich möchte diesem Menschen nie wieder begegnen.

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