Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Fast drei Kilogramm Jazz und Anekdoten aus dem Hinterland

Das Festival von Willisau und seine Jazzkonzerte gehören weltweit zu den am besten dokumentierten. Der Initiant und langjährige Leiter Niklaus Troxler und ein Team von der Hochschule Luzern haben eine schwergewichtige Chronik veröffentlicht.

Von Fredi Bosshard

Volle 2930 Gramm bringt der «Plunder» auf die Waage, den Niklaus Troxler seit 1966 zusammengetragen hat. Dies allerdings erst, nachdem ihn ein Team um Olivier Senn zusammen mit Troxler an der Hochschule Luzern gesichtet und in Buchform gegossen hat. Das Wort «Plunder» nahm der sichtlich gut gelaunte Grafiker und Veranstalter von Jazzkonzerten selbst in den Mund – an der Buchvernissage, die Ende August am Rand des Jazzfestivals Willisau stattfand. Er bezeichnete damit die rund 720 Stunden Tonaufnahmen von Konzerten aus der reichhaltigen Geschichte, die dazugehörigen Fotografien und Plakate, die er selbst für die Konzerte entworfen hatte und die ihm zahlreiche Auszeichnungen eingetragen hatten. Troxler scheint ein akribischer Sammler zu sein, der kaum etwas wegwerfen kann – so hat er auch alle Presseerzeugnisse, Konzertvorschauen und Kritiken archiviert. Teile davon sind im Buch wiedergegeben.

Familiengeschichten

«Willisau and All That Jazz» versammelt all die Schätze auf 704 Seiten in chronologischer Form. Troxler hat während dreier Jahre die MusikerInnen auf den meist unbeschrifteten Fotos identifiziert und dabei all die Konzerte und Festivals vor seinem inneren Auge vorbeiziehen lassen. Es sind die Augen eines visuellen Gestalters, dem dabei nicht nur die Namen wieder zufallen, sondern auch unzählige Geschichten und Anekdoten. Eine ganze Reihe davon hat er aufgeschrieben und im Buch zu den Fotos und Plakaten gestellt.

Troxler organisierte im Sommer 1966 mit neunzehn Jahren sein erstes Konzert mit der Zürcher Amateurjazzband The Swinghouse Six im «Kreuz» des Städtchens im Luzerner Hinterland. Es folgte ein Blueskonzert mit Champion Jack Dupree, und schon am 13. Februar 1968 hiess es «Free Jazz in Willisau». Es spielte das Pierre-Favre-Trio, dem auch Irène Schweizer angehörte. Die Pianistin wurde in den frühen Jahren zu einem regelmässigen Gast in Willisau und spielte dort insgesamt 25 Mal, – «einmal mehr als der Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer. Irène ist ‹number one›», so Troxler beim Apéro nach der Vernissage.

Es folgten weitere Konzerte, der Blues trat in den Hintergrund, und Jazz in seinen freien Formen wurde immer wichtiger. Der Horizont wurde erweitert. Musiker wie Evan Parker und Alexander von Schlippenbach traten auf, ebenso erste ExponentInnen der Black Music und solche aus Südafrika, die im Londoner Exil lebten. 1975 ging im «Mohren» das erste Festival über die Bühne und fand seither regelmässig statt. Es machte Willisau über die Grenzen der Schweiz und Europas hinaus in der Jazzwelt zum Begriff, wird oft liebevoll «Willi the Pig» genannt. Vor vier Jahren veranstaltete Troxler sein letztes Festival und übergab das Zepter seinem Neffen, dem Schlagzeuger Arno Troxler, der es seither mit Unterstützung durch den Familienclan und FreundInnen erfolgreich weiterführt.

Wieso gerade Jazz?

«Wenn ich mir heute überlege, weshalb ich mich gerade von dieser Musik begeistern liess, kann ich keine klare Antwort finden», schreibt Troxler im Vorwort und verbindet Jazz mit den Zeiten des Aufbruchs und der Aufruhr in den sechziger Jahren. Das genügt eigentlich schon. Er hat schon in den frühen siebziger Jahren Keith Jarrett und später auch Grössen wie Ornette Coleman, Cecil Taylor, Betty Carter, Sun Ra und John Zorn sowie unzählige andere nach Willisau gebracht. Parallel dazu hat er die einheimische und europäische Szene gepflegt.

In Troxlers kleinen Geschichten erfährt man, was das damals in diesem Landstädtchen bedeutete. Noch 1979 musste er sich von den Wirtsleuten im Gasthof Ochsen von Gettnau «Sie haben uns nicht gesagt, dass es Neger sind» anhören, als er mit der Gruppe des Schlagzeugers Art Blakey ankam. Troxler machte sich auf die Suche nach einem anderen Hotel. Pianist Chick Corea gefiel es so gut in Willisau, dass er nach einem Wohnsitz Ausschau hielt und in Triengen fündig wurde. Das Bauernhaus wurde später zu einem Zentrum für die Treffen seiner Scientology-FreundInnen.

Buch und Netz

Das schwere Coffee Table Book ist Fundgrube und Quelle zugleich, lädt zum Stöbern ein und regt an. Die Herausgeber Troxler und Senn haben zusammen mit ihrem Team alle Inhalte auch in elektronischer Form zugänglich gemacht. Auf der übersichtlich gestalteten Website kann man die Chronologie der Konzerte abrufen, nach einzelnen MusikerInnen suchen, alle Plakate sehen und sich an unzähligen Fotos aus der Willisau-Geschichte erfreuen. Der gesamte Pressspiegel ist einsehbar, und von einzelnen Konzerten lassen sich kurze Ausschnitte anhören. Alle veröffentlichten Tonträger sind dokumentiert, und das gesamte vorhandene Tonmaterial wurde von der Schweizer Nationalphonothek in Lugano digitalisiert. Diese Livemitschnitte können in gegen fünfzig Hörstationen in Bibliotheken der Schweiz angehört werden. Das Buch selbst ist «eine visuelle Chronik», wie es im Untertitel heisst. Im Netz wird es zu einer visuell-akustischen Chronik, die für alle zugänglich ist.

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