Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Ausstellung

Doris Stauffer

In ihren Notizen zum Hexenkurs beschreibt Doris Stauffer, was es für sie persönlich bedeutet, eine Hexe zu sein: «Ich bin stark, ich bin in Ordnung, ich habe Mut, ich höre auf mich selbst, ich bin unfolgsam geworden und frech.» Unfolgsam und frech, das war sie längst geworden, als sie zum Hexenkurs einlud, zumindest in den Augen der KunstverwalterInnen. 1969 hatte sie begonnen, an der Zürcher Kunsthochschule zu unterrichten. Ihre Vermittlungsformen, bei denen die SchülerInnen und die Lehrerin als Team zusammenarbeiteten, sorgten bald für einen kulturpolitischen Eklat: Stauffer verliess die Schule und gründete mit ihrem Ehemann Serge und weiteren Lehrern die «F+F Schule für experimentelle Gestaltung».

Von den Notizen zum Hexenkurs bis zu Collagen aus Geschirr, von bemalten Lebkuchen zu gestrickten Peniswärmern, als Orden zu verleihen an die grössten Macker: Im Zürcher Ausstellungsraum Les Complices ist derzeit ein Überblick über das Schaffen von Doris Stauffer zu sehen, kuratiert von Simone Koller und Mara Züst. Stauffer begann mit ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen, während sie drei Kinder grosszog. Sie verwendet deshalb häufig Alltagsgegenstände und macht keinen Unterschied zwischen Privatleben und Öffentlichkeit. Die Ausstellung bietet eine übermütige Lehrstunde in Selbstbewusstsein, Zusammenarbeit und Feminismus. Ja, man wäre gerne zu Doris Stauffer in den Unterricht gegangen. Und darf sich umso mehr freuen auf das Buch, das im kommenden Jahr über sie erscheint.

«Doris Stauffer – der januar, der februar, 
der märz, die april, die mai, die welt». 
In: Zürich Les Complices, Anwandstrasse 9, 
bis 13. Dezember 2014. www.lescomplices.ch

Kaspar Surber

Film

«Iraner»

Es herrscht ein reges Treiben auf der Strasse: Motorräder und Autos fahren vorbei, und FussgängerInnen schlendern vorüber, über allem erklingt die Stimme eines Muezzins. So beginnt der Dokumentarfilm «Iraner» von Mehran Tamadon. Später sehen wir Fotos von Männern, während der Regisseur aus dem Off spricht: «Das sind die Männer, die ich gefilmt habe von 2010 bis 2012, sie sind Verteidiger der Islamischen Republik. Ich bin Iraner, der nicht so denkt wie sie, und ich sage es ihnen. Ich erkläre ihnen, dass ich von einem Iran träume, in dem es Platz für alle hat. Ich sage ihnen, dass ich auch ein Iraner bin. Kann es eine gemeinsame Basis geben zwischen uns?»

Tamadons Film ist eine Versuchsanlage: Der in Paris lebende Regisseur, der mit einer Christin verheiratet ist, brauchte drei Jahre, um vier Mullahs für seine Idee zu gewinnen. Er überzeugte sie, zwei Tage gemeinsam mit ihm in einem Haus im Iran zu verbringen. In diesen Tagen wird Tee getrunken und viel diskutiert. Dies ist zum Teil spannend und erhellend, jedoch auch ermüdend, da die Mullahs keinerlei Verständnis für Tamadons atheistische Lebensweise haben und so häufig auch kein wirklicher Dialog zustande kommt. Eine gemeinsame Basis gibt es nicht – und genau das ist der Schluss, den der Regisseur aus seinem Experiment zieht, wie er in einem Interview erklärt hat: «Es geht darum, wie wir mit Haltungen umgehen, die den unseren diametral widersprechen.»

«Iraner» in: Bern Kino Kunstmuseum, 
www.kinokunstmuseum.ch ; 
Zürich Kino Houdini, www.kinohoudini.ch

Silvia Süess

Festival

Porny Days

Für ihren Diplomfilm hätte Jela Hasler einen Pornomacher porträtieren wollen, Arbeitstitel: «Hier fickt der Chef noch persönlich». Doch dann, kurz vor dem Dreh, ist ihr der Protagonist abgesprungen (hier nach Belieben einen Kalauer mit «eingezogenem Schwanz» einfügen). Jetzt heisst Haslers Abschlussfilm halt «Kein Porno», und die Regisseurin zeigt darin ihre Eltern und ihre Schwester, wie sie ihre Erleichterung darüber kundtun, dass sich die ursprüngliche Filmidee vom Blick hinter die Kulissen des Pornogewerbes zerschlagen hat. Der Vater, ein Turnlehrer, hätte «etwas mit Flüchtlingen» sowieso spannender gefunden, die Mutter ist Schulleiterin und findet: «Tabuthemen soll man Tabuthemen bleiben lassen.»

Das sieht die Crew hinter den Porny Days in Zürich natürlich etwas anders (vor allem, wenn es um Tabus geht, die schon längst keine mehr sind). Für die Premiere vor einem Jahr war man noch im Sexkino Roland zu Gast, jetzt ist das blutjunge kleine Festival schon im Riffraff angekommen, also raus aus der Schmuddelecke. Mit 55 aktuellen Filmen rund um Sexualität, Pornografie und Liebe wollen die Porny Days zwischen Kunst und Kino einen spielerischen «Kontrapunkt zu Mainstream-Pornografie und Neoprüderie» setzen. Das passiert etwa in den drei Programmen mit kurzen und mittellangen Filmen: «Swedish Pussy Power» stellt die feministische Körperpolitik von drei schwedischen Regisseurinnen ins Schaufenster, «Sex Under Pressure» fragt nach dem Sexleben unter strengen moralisch-politischen Regimes, und «Swiss Sex Shorts» versucht, das Klischee von der prüden Schweiz zu entkräften (inklusive «Kein Porno»).

Zum Auftakt der Porny Days gibts allerdings Hardcore fürs Hirn, eine Stunde lang: In seiner neusten Arbeit, «Everything that Rises Must Converge», begleitet der israelische Videokünstler Omer Fast vier Pornostars durch den Alltag, von der Morgentoilette bis zum Dreh und wieder zurück ins Bett. Doch was wie ein Dokumentarfilm im Splitscreenverfahren beginnt, weitet sich schleichend zu einem wahren Spiegelkabinett zwischen Fiktion und Wirklichkeit, bis man bald nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht.

Daneben gibts Dokumentarfilme übers Sexleben im hohen Alter («69: Love, Sex, Senior») oder über Prostitution zwischen Mexiko und Bangladesch («Whores’ Glory», der letzte Film des im Frühjahr verstorbenen Michael Glawogger). Das eigentliche Ereignis der diesjährigen Porny Days ist aber einer der sieben Spielfilme: «The Tribe», in Cannes preisgekrönter Erstling des ukrainischen Regisseurs Miroslaw Slaboshpitsky, ist in einem Heim für gehörlose Jugendliche angesiedelt, wo Prostitution und Gewalt an der Tagesordnung sind. Geredet wird naturgemäss nicht, zur Gebärdensprache gibts auch keine Untertitel – so stürzt uns der Film in eine Welt der prekären Körper, deren Sprache wir nicht kennen.

«Porny Days» in: Zürich, Kino Riffraff, Fr–So, 
5.–7. Dezember 2014. www.pornydays.ch

Florian Keller

Markt

Artsouk

Brauchen Sie noch ein paar Weihnachtsgeschenke und haben keine Lust, sich in die überfüllten Einkaufsstrassen und Läden zu zwängen? Dann nichts wie los an den Artsouk im Dachstock der Berner Reitschule. Hier finden Sie liebevoll hergestellte Unikate von Berner DesignerInnen und Kunstschaffenden: selbst gedruckte kleine Karten, Kalender oder grössere Gemälde – je nach Budget gibt es ganz Unterschiedliches zu kaufen.

Doch nicht nur schauen und kaufen kann man hier: An dem von Kat Aellen kuratierten zweitägigen Kunstmarkt gibt es auch eine Auktion, Laufsteg-Acts, Toneffekte, eine Art-à-porter-Modeschau, eine Livevideodokumentation mit gleichzeitiger Projektion sowie Fingerfood, zwei Konzerte und Disco. Mit The Come ’n’ Go ist eine Bieler Rockabillyband zu hören, die seit gut vierzehn Jahren unterwegs ist, und das Trio The Jackets mit Frontsängerin Jackie Brutsche macht Garagesound aus den sechziger Jahren. Vielleicht kommt nicht gerade Weihnachtsstimmung auf, aber Stimmung gewiss.

Artsouk in: Bern Dachstock der Reitschule, 
Do, 4. Dezember 2014, 17–20 Uhr, Fr, 5. Dezember 2014, 
ab 17 Uhr, Auktion ab 20 Uhr, Konzerte 
ab 23 Uhr. www.dachstock.ch

Silvia Süess

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