Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Grosse Lieben

Von Karin Hoffsten

Vielleicht liegts am Frühling. Ich jedenfalls hätte Angela M. und Hassan K. gegönnt, dass sie ihre Liebe noch ein Weilchen leben können. Wie manch hiesige Medien das Video mit dem Liebesbekenntnis überm Schmetterlingstischtuch und die danach erfolgte Verhaftung kommentierten, fand ich ein bisschen gemein.

In der klassischen Literatur, Kunst und Musik wimmelt es schliesslich nur so von – meist unglücklichen – Liebespaaren, und das Bildungsbürgertum wird nicht müde, ihnen in tiefer Ergriffenheit bei ihrem hoffnungslosen Tun zuzusehen und zuzuhören. Und auch da sind die Männer nicht ohne Tadel.

So vergeht sich der weit ältere Hauslehrer Abaelard sexuell an der minderjährigen Héloïse und schwängert sie. Dass er zur Strafe kastriert wird, passt ja ins heute wieder aufblühende Rechtsempfinden. Auch Tristan hat schon ein paar Rachemorde erledigt, bevor er und Isolde sich ineinander verlieben. Und Clärchen vermag den Geliebten Egmont gar nicht erst aus dem Kerker zu befreien, in dem er wegen Hochverrat schmachtet.

Falls M. und K. allerdings wirklich weiter nach Syrien fliehen wollten, kann ich ihnen zur Verhaftung nur gratulieren. So bleibt wenigstens eine winzige Chance, dass aus der Liebe noch mal was wird.

Also wenn zum Beispiel … okay, okay. Man darf schliesslich auch mal ein bisschen träumen.

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