Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Die grosse Bühne und das Kleingedruckte

Zum ersten Mal steigen zwei MusikerInnen freiwillig aus der Fernsehsendung «Die grössten Schweizer Talente» aus. Und berichten über die zweifelhaften Geschäftsprinzipien der gleissenden Castingshows.

Von Kaspar Surber (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Das hätte ja noch gefehlt, ein Familiendrama!» – Aurèle Louis und Maryam Hammad als Duo Marey am vergangenen Montag hinter der Zürcher Bosch-Bar.

Als Sängerin Maryam und Cellist Aurèle die letzten Töne ihrer Ballade verklingen liessen, brach die Jury in Begeisterung aus. «Viel Intimität» spürte Fernsehmoderatorin Susanne Kunz. «Sehr berührt» gab sich Fussballtrainer Gilbert Gress. Der sonst betont coole Musiker Bligg überschlug sich in einem Sprachbild: «Du hast in deiner Stimme einen eigenen Fingerabdruck, was viel wert ist.» Die Jurymitglieder nominierten das Duo Marey für den Halbfinal der Sendung «Die grössten Schweizer Talente», kurz «DGST».

Maryam Hammad und Aurèle Louis sitzen in einem Berner Dachcafé. Auch ohne gleissendes Fernsehlicht ergänzen sie sich als Duo perfekt. Maryam, die charmante Sängerin, und Aurèle, der verträumte Cellist. Sie von Beruf Detailhandelsangestellte in Bern, er Musiker und Tontechniker aus der Nähe von Neuenburg, beide sind 25 Jahre alt. Sie hat eine Vorliebe für Britpop, er für Death Metal, ihre Songs schreiben sie selbst. Der Traum jedes Musikmanagers, denkt man sich auf den ersten Blick: bestens geeignet, die alte Sehnsucht des Musikgeschäfts nach Authentizität zu befriedigen. «Am Anfang waren wir einfach neugierig, wie eine solche Show abläuft», erinnert sich Maryam. «Wir wollten zeigen, dass es uns gibt, und mit den Auftritten Erfahrungen sammeln», ergänzt Aurèle. Doch irgendwann liessen sie sich nicht mehr alles gefallen.

Bei Erfolg Knebelvertrag

Die Castingshow «DGST» findet bereits zum vierten Mal statt. Gesucht wird – ob Zauberer, Tänzerin, Comedian oder Musikerin – ein besonderes Talent. In neun Auswahlsendungen bestimmt eine Jury die zwanzig HalbfinalteilnehmerInnen. In den live gesendeten Halbfinals und dem Final ermittelt das Fernsehpublikum via Televoting die Siegerin oder den Sieger. In der letzten Auswahlshow teilte das Fernsehen in einer kurzen Einblendung mit: «Das Duo Marey hat sich entschieden, dass für sie die DGST-Bühne im Halbfinal zu gross ist und sie lieber weiterhin auf kleinen Bühnen auftreten.» Es ist das erste Mal, dass TeilnehmerInnen freiwillig aus der Castingshow des Schweizer Fernsehens SRF aussteigen.

Maryam und Aurèle erklären, dass sie bestimmt nicht aus Angst vor einer grossen Bühne aus der Show ausgestiegen sind. «Ich war vor dem Auftritt keine Sekunde nervös», sagt Maryam. Den Grund für ihren Ausstieg habe SRF ohne Rücksprache mit ihnen formuliert. Was die beiden störte, war nicht die grosse Bühne, sondern ein kleingedruckter, acht Seiten langer Vertrag.

Die Vereinbarung, die jede Teilnehmerin der Castingshow unterschreiben muss, wird nicht vom SRF, sondern von der Ufa Show & Factual GmbH abgeschlossen. Die deutsche Produktionsfirma stellt Sendeformate für öffentlich-rechtliche wie für private Fernsehsender her, eines der bekanntesten ist «Deutschland sucht den Superstar». Die Ufa wiederum gehört zu Bertelsmann, dem grössten europäischen Medienkonzern.

In den Vereinbarungen zur Schweizer Talentshow taucht mit Sony Music ein weiterer mächtiger Player der Unterhaltungsindustrie auf. Unter Paragraf 9 des Vertrags erhält der Musikkonzern die exklusive Option, mit den TeilnehmerInnen des Halbfinals einen Plattenvertrag sowie einen Managementvertrag abzuschliessen. Das heisst im Klartext: Sony kann einseitig einen Vertrag auslösen. Während der drei Monate, in denen Sony die Option ziehen kann, ist es den TeilnehmerInnen untersagt, Konzerte zu spielen.

Schlagzeilen wie «Nächste Haltestelle Sony» über die erste «DGST»-Siegerin, die «singende Busfahrerin» Maya Wirz, überraschen so kaum mehr. «Sony Deal perfekt», hiess es wenige Wochen nachdem als nächste Popsängerin Eliane Müller gewonnen hatte. Auch Kinderstar Flavio Rizzello erhielt einen «Exklusiv-Plattenvertrag» mit dem «Branchenriesen Sony». Die ersten beiden Alben von Wirz und Müller wurden von den Zürcher Hitmill-Studios produziert. Auch die neuen TeilnehmerInnen lud die Hitmühle bereits zu einem Workshop in Aufnahmetechnik ein.

Lieber nichts Persönliches

«Am Anfang waren wir etwas naiv, dass wir diesen Vertrag unterzeichnet haben», räumt Maryam ein. Sie hätten die Sache spielerisch genommen, sich wenn immer möglich den Mechanismen der Show verweigert, die auf Emotionalisierung abzielen. In einem Fragebogen gaben sie zum Verhältnis zu ihrer Familie bewusst keine Antwort. «Das hätte ja noch gefehlt, ein Familiendrama!», meint Maryam. Als bekannte Covers, die sie spielen könnten, nannten sie Songs kruder Metalbands. «Man hat uns trotzdem eingeladen», sagt Aurèle lachend.

Je näher die Halbfinals rückten, desto stärker wurden bei den jungen MusikerInnen die Zweifel. Der Gewinn von 100 000 Franken, die der Siegerin oder dem Sieger winken, hätte sie schon gereizt – allerdings für eine Eigenproduktion. Warum hat gemäss Vertrag nicht nur die Jury beim Casting eine Entscheidungsbefugnis, sondern auch die Produktionsfirma und das SRF? Warum haben bei der Show bisher immer SängerInnen gewonnen – wo doch ganz unterschiedliche Talente am Start sind? Müssten sie sich am Ende sogar noch mit einem allfälligen Preisgeld an der Produktion oder der Promotion eines Albums durch Sony beteiligen? Fragen über Fragen, die sie sich selbst stellten oder die von Bekannten aufgeworfen wurden.

Schweigen bei Sony

Maryam und Aurèle zogen vor dem Halbfinal die Notbremse. Aus den darauf folgenden Reaktionen schliessen die beiden, dass man seitens der Show durchaus an ihnen interessiert war. «Hey tschau Maryam, bisch der sicher?» – nach der Absage hätten sich die Verantwortlichen der Produktionsfirma Ufa und des Tonstudios Hitmill im «Best-friends-Ton» gemeldet. Doch auch das Argument, dass sich mit den Sony-Anwälten bestimmt reden lasse, konnte die beiden nicht erweichen.

Auf Anfrage bestätigt SRF den Vertragszwang für die TeilnehmerInnen. Während einer gewissen Sperrfrist dürften keine Verträge mit anderen Labels als mit Sony abgeschlossen werden, teilt die Medienstelle mit. Auf Nachfrage räumt man ein, dass sie nicht nur in einen solchen Vertrag einwilligen dürfen, sondern auch müssten. «Natürlich gibt es immer einen Handlungsspielraum, und bisher konnte mit allen Talenten eine Lösung gefunden werden.» Die Zusammenarbeit mit Sony geschehe zum Wohl der TeilnehmerInnen: «Wer eine nachhaltige Karriere aufbauen möchte, braucht verlässliche Partner. Es geht auch darum, die Kandidaten vor unseriösen Angeboten zu schützen.»

Im genau gleichen Wortlaut von wegen «nachhaltige Karriere» und «vor unseriösen Angeboten schützen» meldet sich auch die Pressestelle der Ufa. Beide schreiben, dass Sony finanziell nicht an der Produktion beteiligt sei. Sony selbst will keine Stellung zur Frage nehmen, wie sie zum Exklusivrecht gekommen ist, die GewinnerInnen zu vermarkten – deren Namen immerhin mit öffentlichen Gebührengeldern aufgebaut werden. Auch die Vertragsdetails mit den KünstlerInnen seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Von Konzert zu Konzert

Maryam und Aurèle sind froh, dass sie fürs Erste nichts mehr mit der Talentshow zu tun haben, die am 9. April in den Final geht. Aufgrund der Erfahrungen wollen sie trotzdem positiv darauf zurückblicken. «Wir lernten viele freundliche Menschen kennen – einige waren halt bloss am Geschäft interessiert», sieht es Maryam pragmatisch. «Ich könnte mir schon eine Show vorstellen, in der es den Verantwortlichen tatsächlich um die Musik geht», meint Aurèle skeptischer. Vorerst wollen sie nun das tun, was sie vor der Castingphase machten: möglichst viele Konzerte spielen. Und dann vielleicht im nächsten Jahr eine Platte herausbringen, ein kleineres Label hat schon Interesse signalisiert.

Es ist Ostermontag, Marey treten in der Zürcher Bosch-Bar auf, diesem Ort mit Hintertür zur Limmat, wo man nie weiss, ob das Wochenende tatsächlich nun aus ist, ob es gerade erst begonnen hat oder ob es überhaupt ein Wochenende gibt – und damit ein geordnetes Leben von Arbeit und Freizeit, von Normalos und Stars. Auch wenn die Songtexte über den Sinn des Lebens bisweilen noch etwas stark an die Poesie von Castingshows erinnern, scheint die Stimme von Maryam auch hier einen Nerv zu treffen. Als sie mit ihrer Gitarre einmal aus dem Takt fällt, meint sie unbekümmert: «Wir probierens nochmals.»

Der Halbkreis der BiertrinkerInnen nickt zustimmend, im Verlauf des Konzerts wird der Applaus lauter.

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