Nr. 50/2017 vom 14.12.2017

Der Wolf zerreisst das Land

Der Wolf breitet sich in Frankreich immer mehr aus. Viele NaturschützerInnen freut das, doch Landwirte und Hirtinnen fühlen sich im Stich gelassen: Dieses Jahr haben die Wölfe rund 10 000 Schafe gerissen. Was tun? Eine Spurensuche in den Alpen.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Fotos), Champoléon

Er sieht aus wie ein Hirt aus dem Bilderbuch: Bart, halblanges, grau meliertes Haar, Kappe auf dem Kopf, die Haut ledrig von der Sonne. Die Nase steht schief, mindestens einmal gebrochen. «35-Stunden-Woche?», ruft er. «Ha! Wir kommen schon bis Dienstagabend auf 35 Stunden! Der Rest der Woche ist Freiwilligenarbeit!» Seit der Wolf zurück sei in Frankreich, gehe gar nichts mehr. «Sollen wir Tag und Nacht arbeiten? Nein, die Wölfe müssen weg.»

Heute ist Lämmermarkt im winzigen Dorf Champoléon in den südlichen französischen Alpen. Er sitzt an einem Tisch mitten im Trubel und verkauft ein Buch, das er selbst geschrieben hat: satirische Geschichten eines Hirten. Alte und junge Menschen drängen vorbei, Plastikbecher mit Rotwein in der Hand. Manche bleiben stehen. «Der Wolf?», fragt ein alter Mann mit geröteten Augen. «Da bleibt nur eins: das Gewehr! Wie die Schafe leiden!»

Wie in vielen Ländern Europas war der Wolf in Frankreich ausgerottet. Doch 1992 wanderten Wölfe aus Italien in den Nationalpark Mercantour in den südfranzösischen Alpen ein. Heute wird die französische Population auf 400 Tiere geschätzt. In den Alpen und der Provence hat sich der Wolf fest etabliert; das Nationale Amt für Jagd und Wildtiere hat diesen Sommer 52 Rudel gezählt (in der Schweiz sind es 3 oder 4). Einzeltiere ziehen inzwischen auch im Zentralmassiv, in den östlichen Pyrenäen und in den Vogesen herum. Mit dramatischen Konsequenzen für die TierhalterInnen: Jedes Jahr reissen die Wölfe mehr Nutztiere, vor allem Schafe, aber auch Ziegen, Kälber und einzelne Pferde. Dieses Jahr sind zwischen Januar und Oktober über 9800 Schafe dem Wolf zum Opfer gefallen. Besonders dramatisch ist die Situation in den südlichen Alpen und in der Provence: Anders als weiter nördlich ist hier das Schaf das wichtigste Nutztier. Mehr als ein Viertel der toten Schafe stammt dieses Jahr allein aus dem Departement Alpes-Maritimes, zu dem Nizza gehört.

«Éradication totale»

Nun hat die Oktobersonne das enge Tal erreicht. Auf einen Schlag wird es zehn Grad wärmer. Hunderte Menschen bevölkern Champoléon heute. Der herbstliche Lämmermarkt ist der Höhepunkt des Jahres hier, wo es zwar ein neues Hotel, aber keine Schule, keinen Laden, keine Post mehr gibt. Die Berge auf beiden Seiten des Dorfes gehören zum Écrins-Nationalpark. Die Écrins sind ein schroffes Massiv mit riesigen Höhenunterschieden: Hier liegt der südlichste Viertausender der Alpen, doch in den Tälern wachsen Lavendel und andere mediterrane Pflanzen.

In einem Gehege am Wildbach drängen sich gut hundert halbjährige Lämmer aneinander. Sie sind im Frühling geboren und haben den Sommer auf der Alp verbracht. Bauern und Bäuerinnen stehen vor dem Gehege und fachsimpeln, hin und wieder greift jemand einem Lamm in die Wolle, um zu prüfen, wie feiss es ist. Doch die Lämmer sind nicht viel mehr als Dekoration – ein Händler hat bereits die ganze Herde gekauft. Mehr Platz als die Tiere nehmen die Marktstände ein: Wurst, Käse, Kürbisse, Stiefel, Matratzen, Honig, Glocken, Motorsägen, Sonnenbrillen, Spielzeugtraktoren und vieles mehr gibt es zu kaufen. Vor dem Hotel brennen zwei grosse Feuer, auf denen Lammfleisch brät. Schon eine Stunde vor Mittag ist die Warteschlange hundert Meter lang.

Schwarze Hütehunde flitzen zwischen den Ständen herum, zerren an Leinen, bellen in Kofferräumen. Auf der Wiese unter dem Dorf zeigen drei Hirten das Können ihrer Border Collies. Kaum hörbar blasen sie in Pfeifen – die Hunde reagieren sofort, umkreisen die Herde, treiben sie vorwärts oder legen sich flach hin und behalten die Schafe im Blick, als würden sie sie hypnotisieren. Doch zum Schutz vor Wölfen sind Hütehunde nicht geeignet. Dafür braucht es Herdenschutzhunde: grosse, starke Rassen aus den Pyrenäen, den Abruzzen oder – in Frankreich immer häufiger – aus der Türkei.

Die HirtInnen sehen wilder aus als die Bäuerinnen und Bauern auf dem Markt: zerzauste Haare und Bärte, geflickte Wollkleider, Tattoos. Und nicht alle gehen einig mit dem Kollegen, der am Stand über den Wolf schimpft: «Ich habe drei Herdenschutzhunde», erzählt einer. «Ich bringe meine Herde nachts in einen Pferch – der Wolf hat noch nie angegriffen. Die Franzosen schimpfen viel, das ist die gallische Mentalität. Sollten lieber ihre Hunde besser ausbilden.»

Aus den vielen MarktbesucherInnen sticht Maryline Moynier heraus. Sie ist immer in Bewegung, schüttelt Hände, macht Sprüche, lacht laut. Die Fünfzigjährige hat den Lämmermarkt 1996 neu erfunden; vorher hatte sich gut vierzig Jahre lang niemand mehr um die alte Dorftradition gekümmert. Moynier ist eine der letzten vier LandwirtInnen des Hochtals. Ihre Eltern hatten zwei Töchter, schon als Kind habe sie die Bubenrolle übernommen, erinnert sie sich. Dass eine Frau einen Hof führen könnte, wollte sich vor 35 Jahren noch niemand vorstellen. Also lernte sie Buchhaltungssekretärin. Doch im Büro hielt sie es nicht lange aus. «Ich wollte frei sein.» Mit achtzehn fing sie auf dem Hof an.

Heute führt Moynier eine Betriebsgemeinschaft mit ihrem Mann, der weiter unten im Tal einen Hof geerbt hat. Im Sommer geht sie mit ihren Schafen in ein steiles Seitental auf die Alp, während er zum Heuen unten bleibt. Mit den Tieren zu arbeiten, die eigene Chefin zu sein, sei grossartig, sagt die quirlige Frau. Aber seit der Wolf zurück sei, fühle sie sich nicht mehr frei. Er hat ihre Herde zwar erst ein einziges Mal attackiert, zwei Mutterschafe und ein Lamm getötet. Und das ist schon mehr als drei Jahre her. Trotzdem: «Man ist immer gestresst, immer in Sorge. Und die Schafe sind auch nicht mehr so frei wie früher. Wenn ich ein Schaf wäre, ich würde einen Aufstand machen!»

Jetzt, im Herbst, weiden die Schafe auf den flachen Parzellen, wo Mitte des 20. Jahrhunderts noch Getreide wuchs. Bewacht von einem massigen Tier mit imposantem Kiefer: der Anatolischen Schäferhündin Dolma. Sie ist noch jung und würde gern mit den Schafen spielen, doch diese verstehen ihre Annäherungsversuche nicht immer.

Was den Wolf angeht, ist Maryline Moynier kompromisslos: Sie fordert «éradication totale», die Ausrottung. «Nicht auf der ganzen Welt! In grossen, wilden Nationalparks, in Kanada zum Beispiel, hat es Platz für Wölfe. Aber nicht hier.» Sowieso: Das seien gar keine echten Wölfe hier in Frankreich. Hybriden seien das, halbe Hunde, heimlich aus Russland eingeführt: «Wir warten auf die Analysen. Wir werden das beweisen.»

Sind die Wölfe halbe Hunde? Diese Frage kocht in der französischen Wolfsdiskussion seit Jahren hoch. Sie zeigt, wie gross das Misstrauen der betroffenen BäuerInnen gegenüber den Behörden geworden ist. Demonstrationen aufgebrachter SchafhalterInnen gehören in Frankreich zum Alltag. Aber so irrational, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Hybridfrage nicht. Bekannt ist, dass sich in den italienischen Abruzzen, von wo die meisten französischen Wölfe ursprünglich stammen, immer wieder Wölfe mit streunenden Hunden kreuzen. Diesen Herbst präsentierte das Nationale Amt für Jagd und Wildtiere eine Studie. Es hatte die DNA von Wolfskot, -haaren und anderen Hinterlassenschaften analysiert und fand unter 130 untersuchten französischen Tieren 2 Halbwölfe und 8 Tiere, die sich in früheren Generationen mit Hunden gekreuzt hatten.

«Nie mehr auf die Weide lassen»

Édouard Pierre ist ein ruhiger, freundlicher junger Mann, keiner, der laut schimpft. Er bauert in Ancelle. Das Dorf liegt nicht einmal zwanzig Kilometer von Champoléon entfernt, aber die Landschaft ist ganz anders, weit und offen. Das Schmelzwasser der letzten Eiszeit hat hier einst einen See gebildet, daraus ist eine Ebene geworden, gutes Ackerland. Pierre ist aus dem Flachland gekommen, hat mit einem Einheimischen eine Betriebsgemeinschaft gegründet. Gerade stellen sie auf Bio um. «Das ändert nicht viel», sagt der 32-Jährige. «Wir haben vorher auch nur etwa zwei Säcke Kunstdünger im Jahr gebraucht.»

Die beiden Kollegen halten weisse Saanenziegen, verarbeiten die Milch selber und verkaufen den Käse im Hofladen. Und sie haben eine grosse Schafherde, die im Sommer auf die Alp geht. Aber dort hinten, unter dem Gipfel der Grande Autane, leben auch Wölfe.

Am schlimmsten sei es im Herbst, sagt der junge Bauer. «Dann bringen die Wölfe den Jungen das Jagen bei. Die kriegen es aber noch nicht richtig hin. Oft verletzen sie die Schafe nur.» Letztes Jahr töteten die Wölfe im Herbst kurz vor dem Alpabzug eines seiner Schafe – total 32 auf Gemeindegebiet. Dieses Jahr waren es 44 tote Schafe in Ancelle; er ist verschont geblieben, dafür hat es den Nachbarn getroffen. Die Betriebsgemeinschaft hat einen Alphirten aus Lyon angestellt. Der mache es gut, sagt Édouard Pierre – aber auch der beste Hirt könne Wolfsangriffe nicht immer verhindern. «Gut ist, wenn die Alp flach und übersichtlich ist, keine Bäume hat und der Hund überall hinkann. Steile, unübersichtliche Alpen kann man fast nicht mehr nutzen.» Pierre fühlt sich machtlos: «Als der Wolf zurück nach Frankreich kam, stellte man Zäune auf. Die Attacken gingen weiter – man stellte Hirten an, holte Herdenschutzhunde. Dann auch noch Hirtenhilfen. Jetzt hat man alles, und es reicht immer noch nicht.»

Und es gehe nicht nur um die Risse: «Wenn vier, fünf Wölfe um die Herde schleichen, stresst das die Schafe. Es gibt mehr Fehlgeburten, und sie setzen weniger Fleisch an, auch weil man sie jetzt am Abend in einen Pferch treibt und sie dort nicht weiden können.» Der enge, manchmal matschige Nachtpferch erhöhe auch das Risiko, dass die Schafe sich mit Moderhinke ansteckten, einer gefürchteten Entzündung der Klauen. «Der Staat entschädigt uns zwar für gerissene Schafe, aber für die anderen Verluste müssen wir selber aufkommen.» Sorgen macht ihm die weitere Ausbreitung der Wölfe. «In der Gegend von Lacaune im Languedoc gibt es Milchschafe, die 600 Euro wert sind. Wenn es dort losgeht wie hier – wie weit ist Frankreich in der Lage, das alles zu bezahlen?» Pierre kennt auch die Geschichten von Kollegen in der Provence. Dort weiden die Schafe das ganze Jahr draussen, es ist warm genug. Also können die Wölfe auch das ganze Jahr angreifen. «Ein Bekannter hat schon mehrere Hundert Tiere verloren.»

Wenn seinen Schafen Gefahr droht, nimmt Édouard Pierre das Gewehr und fährt auf die Alp, um den Hirten zu unterstützen. Im Gegensatz zu ihm hat er ein Jagdpatent und darf darum auf angreifende Wölfe schiessen, wenn er die Erlaubnis des Präfekten des Departements eingeholt hat. «Tir de défense», Verteidigungsschuss, nennt sich das. «Ja, der Wolf ist ein elegantes Tier. Ich verstehe, dass er die Leute fasziniert. Aber kommt einmal mit mir morgens um zwei auf die Alp, wenn es eine Attacke gab. Da frage ich mich manchmal schon: Warum mache ich das alles? Ich könnte auf Stallhaltung umstellen, die Tiere nie mehr auf die Weide lassen, sie nur noch mit Kraftfutter und Silage füttern – dann hätte ich keine Probleme mehr mit dem Wolf. Aber wäre das die Lösung? Auf der Alp kannst du kein Getreide anbauen. Die Weidewirtschaft ist die einzige Möglichkeit, unsere Berge zu nutzen.»

Die Berner Konvention, ein Vertrag des Europarats, stellt den Wolf seit 1979 unter strengen Schutz. Viele Länder erlauben die Wolfsjagd inzwischen – mit Auflagen – trotzdem. In Frankreich können die Departemente nicht nur «Verteidigungsschüsse», sondern auch die Gruppenjagd von ProfijägerInnen erlauben. Dieses Jahr legte Frankreich eine Quote von vierzig jagdbaren Wölfen fest. Es wird also gejagt – aber die Zahl der gerissenen Schafe steigt trotzdem.

«Mit der Natur teilen»

Julien Droz heisst in Wirklichkeit anders. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – einem Kollegen habe jemand die Pneus des Dienstwagens zerstochen, nachdem er sich positiv über den Wolf geäussert hatte. Droz arbeitet für den Écrins-Nationalpark. Oft ist er in der Kernzone unterwegs, beobachtet Gämsen, Rehe und Schneehasen. Auch Wölfe hat er schon gesehen. Die Neuankömmlinge faszinieren ihn: «Der Wolf zeigt, wie weit eine Gesellschaft fähig ist, die Natur zu schützen.»

Droz ist ungehalten: Am 20. September haben Jäger in Orcières, einer Nachbargemeinde von Champoléon, mit Erlaubnis des Präfekten eine Wölfin und einen Welpen erschossen. «Dort oben sind 9000 Schafe auf der Alp. Die Wölfe haben diesen Sommer 30 getötet. 30 von 9000, mein Gott! Daraus muss man doch keine Staatsaffäre machen!» Eine gewisse Anzahl Wolfsrisse müsse man akzeptieren, sagt der Naturschützer. Das bedrohe die lokale Wirtschaft nicht. Sechzig Prozent der Schafherden würden nie angegriffen, und mehr als die Hälfte der angegriffenen bisher nur ein einziges Mal.

«Der Wolf wird verteufelt», sagt Droz. Wird er nicht auch idealisiert? «Doch, zum Glück! Gut, dass es noch Menschen gibt, die Wildtiere verteidigen.» Den Bauern sei ja fast jedes unkontrollierbare Tier eins zu viel: «Am Fluss Drôme leben Biber, die manchmal einen Aprikosenbaum annagen – Biber gibts sowieso zu viele! Die Wildschweine machen Löcher beim Wühlen – Weltuntergang! Alle töten! Sogar die niedlichen Murmeltiere sind ihnen zu viel, die machen nämlich auch Löcher …»

Droz hält die Wolfsjagd grundsätzlich für falsch: «Die einzigen gerechtfertigten Schüsse sind Schreckschüsse.» Er verweist auf eine Studie aus Ligurien, die zeige, dass gefestigte Rudel mehr Wild jagten als Einzelwölfe. «Man muss dem Rudel Zeit lassen, sein Territorium kennenzulernen.» Aber vor einigen Jahren habe man sogar einen Wolf aus der Kernzone des Nationalparks vertrieben, um ihn ausserhalb abschiessen zu können. «Man kann nicht mehr von einer geschützten Tierart sprechen.»

Natürlich sei die Arbeit der Schafhalterinnen und Hirten mit der Rückkehr der Wölfe aufwendiger geworden, räumt Droz ein. «Aber sie wird auch entschädigt. Der Staat bezahlt den Lohn der Hirtenhilfen zu achtzig Prozent. Hier im Nationalpark bekommen sie sogar hundert Prozent.» Die Klagen der LandwirtInnen gehen ihm ohnehin auf die Nerven: «Warum beschweren sie sich? Sie bekommen ja Entschädigungsgelder für jeden Wolfsriss. Und sechzig Prozent ihres Einkommens sind Subventionen. Wenn man sie machen lässt, bringen sie dreimal mehr Schafe auf die Alp, als das Ökosystem verträgt, und hüten sie nicht einmal.»

Das Fazit des Nationalparkangestellten: «Entweder erlauben wir die Jagd auf den Wolf, aber zahlen keine Entschädigungen mehr für Risse. Oder umgekehrt. Aber nicht beides: jagen und Entschädigungen zahlen. Das passt einfach nicht zusammen.» Er verstehe, dass die armen Leute den Wolf früher erbittert gejagt hätten. «Sie konnten es sich nicht leisten, ein Tier zu verlieren. Aber heute leben wir in einem reichen Land. Warum schaffen wir es nicht, mit der Natur zu teilen?»

«Pech, dass sie keine Stämme sind»

Einen Tag nach dem Lämmermarkt ist in Champoléon wieder Ruhe eingekehrt. Das Hotel ist halb leer, die Maison du Berger, das Hirtenhaus, wieder geschlossen. Die Maison du Berger ist mehr als ein Museum. Es ist eine Institution, die versucht, Welten zu verbinden. Sie vermittelt bei Arbeitskonflikten zwischen LandwirtInnen und HirtInnen. Und vor allem bringt sie mit Exkursionen, Filmabenden und Ausstellungen den Feriengästen den «pastoralisme» näher. Das Wort lässt sich nur schwer übersetzen. Es bezeichnet die extensive Weidewirtschaft, die Kultur der HirtInnen und alles, was damit zusammenhängt – ökonomisch, ökologisch und sozial.

Der Ethnologe Guillaume Lebaudy, Direktor der Maison du Berger, ist ein Kenner und Anwalt dieser Kultur, die heute unter Druck ist – nicht nur, aber auch wegen der Rückkehr der Wölfe. «Wolf ja oder nein?», sagt Lebaudy. «Diese Frage dient nur dazu, die Leute zu trennen. Wer bei uns gewesen ist, soll danach komplexere Fragen stellen können.» Gleichzeitig positioniert sich der Direktor klar: Die Maison du Berger habe eine Pflicht zur Solidarität mit den Landwirtinnen und Hirten. «Es ist ihr Haus.»

Lebaudy ist ein kleiner, vergnügter Mann, der offensichtlich Freude daran hat, über sein Lebensthema zu sprechen. Er steht in der Tradition der EthnologInnen, die sich in den Jahren nach 1968 von der Erforschung «exotischer» Kulturen abwandten und begannen, sich für Europa zu interessieren. Um die heutige Situation zu analysieren, spannt er einen weiten Bogen: «Bis zur Ölkrise in den siebziger Jahren interessierte sich in diesem Land kein Mensch für Ökologie. Man verschmutzte die Umwelt bedenkenlos, völlig krank. Als Reaktion darauf entstand die Umweltbewegung, das war wichtig und nötig.» Aber seither fühlten sich die Leute schuldig. «Wer sich schuldig fühlt, sucht Zuflucht bei Symbolen, und der Wolf ist ein solches Symbol. Er steht für eine Natur, die wieder gesund geworden ist.»

Eine Sichtweise, die unvereinbar ist mit den Problemen jener, die im Alltag mit dem Wolf konfrontiert sind. «Man hat ihnen enorme Anstrengungen und Opfer abverlangt – sie haben ihre Berufe umgekrempelt, das ist beeindruckend. Aber ohne Erfolg: Die Verluste wachsen weiter. Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie wütend sind.»

Der Ethnologe vergleicht den «pastoralisme» mit einer indigenen Kultur: «Es ist das Pech der Bergbauern und Hirten, dass sie nicht in Stämmen organisiert sind wie etwa die Indianer am Amazonas. Dann würde man sich anders für sie einsetzen.» In den Cevennen versucht man, dem «pastoralisme» kulturellen Mehrwert zu geben: Man hat ihn als Unesco-Welterbe klassifiziert. Lebaudy hat daran mitgearbeitet.

Trotzdem sei die Hirtenkultur auch abgesehen vom Wolf «hyperverletzlich», sagt er: «Wir haben hier im Tal noch drei Bauernfamilien. Junge, die übernehmen wollen, sind nicht in Sicht. Alles wächst zu. Diese jahrtausendealte Kultur, die enorme Leistungen für die Landschaft und die Biodiversität erbringt und Lebensmittel von hoher Qualität produziert, hängt an einer Handvoll Menschen. Was geschieht, wenn sich die ökonomischen Bedingungen für die extensive Weidehaltung weiter verschlechtern? Nicht nur Wildtiere wie der Wolf, auch menschliche Kulturen brauchen eine gewisse Anzahl Individuen, um überleben zu können.»

Was tun mit dem Wolf? Darauf habe er keine klare Antwort, sagt Guillaume Lebaudy. «Aber man muss ihn regulieren, das ist für mich klar.»

Der Blick von aussen

Daniel Mettler ist Leiter der Schweizer Fachstelle Herdenschutz. Er beobachtet die Wolfsentwicklung in Frankreich schon lange, zunehmend besorgt. Leider sei einiges aus dem Ruder gelaufen: «Die Diskussion ist unglaublich politisiert und polarisiert. Was im grossen Stil in Frankreich abgeht, kennen wir hierzulande höchstens aus dem Wallis.»

Er wolle nicht sagen, in der Schweiz mache man alles besser. «Aber es zeigt sich immer mehr, dass die Schweizer Wolfsstrategie bisher aufgeht. Wir haben schadenstiftende Wölfe von Anfang an gezielt abgeschossen. Wenn ein Wolf zum Beispiel lernt, über Zäune zu springen, sollte er möglichst schnell weg. Dies ist in der Schweiz möglich, in anderen Ländern war es wegen der Berner Konvention tabu.» In Frankreich habe man zu lange gewartet und die Energie in die nationale Politik statt ins dezentrale Wolfsmanagement gesteckt. «Und jetzt breiten sich die Wölfe so schnell aus, dass die ziemlich willkürlichen Abschussquoten bisher die Situation nicht beruhigten.»

Der Umgang mit dem Wolf spiegle die politische Kultur, das komplexe zentralistische Verwaltungssystem in Frankreich genauso wie das föderalistische, pragmatische in der Schweiz. «Wir sind es gewohnt, die Leute lokal und regional möglichst früh einzubinden. All die partizipativen Prozesse und Vernehmlassungen – die Schweiz ist ein sehr prozessorientiertes Land. Wenn man drinsteckt, findet man das oft etwas übertrieben. Aber diese demokratische Kultur hat Vorteile. Dezentrale Verantwortung bedeutet lokale Auseinandersetzung mit dem Wolf, und daran wachsen wir.»

Frankreich sei ein gespaltenes Land, hiess es in den letzten Jahren oft. Das stimmt – bis hinauf in die hintersten Bergtäler.

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