Nr. 50/2017 vom 14.12.2017

Wie eine harte Kugel im Schädel

«Unter diesen Linden» handelt von der einsamen Trauer der Esther Montandon. Doch wer ist sie wirklich, diese in Vergessenheit geratene Grande Dame der Westschweizer Literatur?

Von Johanna Lier

Zu Beginn steht die Trauer darum, kein Kind bekommen zu können. Kaum hat Esther Montandon ihre Kinderlosigkeit akzeptiert, gelingt die Befruchtung überraschend doch. Die Trauer hat sich aber nicht verzogen, sie wartet hinter der nächsten Ecke, um bei Gelegenheit hervorzutreten und die Protagonistin erneut an der Kehle zu packen: Das wider alle Erwartungen geborene Kind stirbt mit drei Jahren. Der Verzicht ist nun ein endgültiger. Und das Wunder kann nur noch darin bestehen, im unauflösbaren Schmerz Momente des Glücks zu finden und neuen Mut zu fassen: Die Frage im Roman «Unter diesen Linden» lautet denn auch: Was ist Leben nach einem solch schlimmen Verlust?

Im Zentrum der Aufzeichnungen von Esther Montandon steht der tödliche Unfall der Tochter Louise im Jahr 1960 und die darauf folgende Trauerphase in absoluter Einsamkeit. Denn trauern kann die Protagonistin nur allein. Durch den Schmerz dringt sie in ihre intimsten Regionen vor. Dorthin, wo sie keinem anderen Menschen Zugang gewährt, als gäbe es eine unsichtbare Schwelle mit dem Hinweis: Zutritt für Unbefugte verboten. Nicht nur weil die Menschen in ihrer Umgebung Schwierigkeiten im Umgang mit dem Unfassbaren zeigen, nein, es ist die Trauernde selbst, die alles abstösst, was nicht Teil ihrer qualvollen Empfindungen ist.

Absolute Hingabe in der Trauer

Ihre Trauer ist unteilbar, lässt sich nicht mitteilen und schon gar nicht vertrösten. Es gibt keine Krücken, keine Prothesen und schon gar keine Schmerzmittel für diese Art der Verwundung. Man kann sie nur aushalten, indem man sich ungestört in ihr aufhält: Linderung findet Esther Montandon in der absoluten Hingabe an diesen unzumutbaren Zustand.

Der Schmerz ist als harte Kugel im Schädel verborgen, und Esther Montandon bewohnt ihren brennenden, abgenutzten Körper und erfährt ihn in völlig neuartiger Weise. Und wenn sie ihr nacktes Spiegelbild betrachtet, kann sie sich nicht mehr an Louises Nabel erinnern. Der Nabel steht jedoch für die Verbindung zwischen Mutter und Kind, die durch den Unfall in zweifacher Weise gekappt worden ist. Der Gedanke an das Verschwinden der Erinnerung ist fast so schrecklich wie der unmittelbare Verlust.

Doch wer ist Esther Montandon, diese unbekannte Grande Dame der Westschweizer Literatur? «Ich probiere Geschichten an wie Kleider: Es bleibt uns nur die Fiktion», schrieb Max Frisch in «Schwarzes Quadrat», einem seiner letzten Essays, und so ist auch Esther Montandon ein Produkt der Fiktion. Denn an einem Sommerabend auf dem Land trafen sich im Jahr 2014 achtzehn jüngere AutorInnen aus der Westschweiz mit der Idee, in einer Nacht Geschichten anzuprobieren und einen Roman zu schreiben. Im Kreis der Schreibenden sollte Esther Montandon, eine grosse Trauernde, geboren werden.

Das Kollektiv erstellte Themen, schrieb eine erste Serie kurzer Kapitel, ein Name musste gefunden werden. Stille habe sich im Landhaus ausgebreitet, die AutorInnen sassen nebeneinander, wussten nicht, was der jeweils andere schrieb, wie die jeweils andere kürzte oder feilte, alle waren sie ein Zahn eines Räderwerks, das sich, abgesehen von der grossen Linie, der Kontrolle der einzelnen AutorInnen entzog.

Entstanden sind in sich abgeschlossene Abschnitte, die ein bestimmtes Motiv verhandeln. Man könnte auch von poetischer Miniprosa sprechen, die manchmal durch sprachliche Verknappung hoch emotional, manchmal durch sachliches Erzählen eher distanziert wirkt. Und das Bemerkenswerteste an «Unter den Linden» ist, dass diese Erzählung über den Schmerz, die wohl radikalste Form untätiger Verlassenheit, von einem Kollektiv anonymer AutorInnen geschrieben worden ist, der wohl radikalsten Form produktiver Gemeinsamkeit.

Schutzlos und unwissend

Ajar nennt sich dieses 2012 gegründete Bündnis, kurz für Association des jeunes auteur(e)s romand(e)s. Zwanzig AutorInnen haben dafür eine einsame künstlerische Existenz gegen gemeinschaftliches literarisches Arbeiten getauscht. 2016 wurde das Kollektiv mit einer Ehrengabe des Gottfried-Keller-Preises ausgezeichnet, was zu einem Engagement im Jungen Literaturlabor in Zürich führte, wo drei AutorInnen von Ajar mit SchülerInnen einer Zürcher Sekundarklasse das kollektive Schreiben praktizierten.

Und was sagt Esther Montandon zu solch vielfältigen Beziehungsformen? Beim Anblick der neugeborenen Louise denkt sie über Begegnungen nach: «Das eine war schutzlos und musste dem anderen alles beibringen. Ich war diejenige, die nichts wusste, sie war die, die alles wusste, aber wir sprachen nicht dieselbe Sprache … Indem wir einander nach und nach zähmten und suchten, haben wir uns eine Verbindung entworfen.» Diese Gedanken könnte man auch auf die Beziehung von kollektiv arbeitenden Künstlerinnen übertragen, auf die Arbeit von KünstlerInnen mit SchülerInnen – wobei zwischen dem Schutzlosen und der Unwissenden immer mal wieder ein Rollentausch stattfindet.

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