Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Schuld ohne Sühne

Wenn Schuld und Vergeltung dem gottlosen modernen Menschen selbst überlassen werden, kann das ganz schön brutal enden. Ein neuer Film und eine Serie erzählen aktuelle Rachegeschichten auf alten Folien.

Von Daniela Janser

Im Film «The Killing of a Sacred Deer» von Yorgos Lanthimos droht der Kardiologe Steven (Colin Farrell) seinen Glauben an die Vernunft und die Medizin zu verlieren. Still: Xenixfilm

«Operating theatre» – so heisst der Operationssaal auf Englisch. Und in einem solchen Theater beginnt «The Killing of a Sacred Deer», der neue Film des Griechen Yorgos Lanthimos («The Lobster»). Wir sehen in Nahaufnahme eine Operation an einem pochenden offenen Herzen, perfekt gerahmt mit grünem Tuch und chirurgischem Werkzeug.

Gleichzeitig eröffnet diese erste Szene eine Theaterbühne, auf der neben dem offensichtlichen Schauwert alles auch eine verrätselte Symbolik hat – nicht zuletzt der bärtige Chirurg selbst. Der Kardiologe geniesst eine Sonderstellung als Herr über Leben und Tod. Gleichzeitig muss er als tragischer Held von Lanthimos’ Geschichte beispielhaft erfahren, dass auch er zum Spielball von Mächten werden kann, über die er trotz seiner ganzen rationalen und wissenschaftlichen Virtuosität keine Kontrolle hat. Im Lauf der Handlung droht er nicht nur seinen Glauben an die Vernunft und die Medizin zu verlieren, sondern gleich seine ganze Familie.

Menschliches Mängelwesen

Einen «Prothesengott» nannte Sigmund Freud bereits 1930 den Menschen: allein unter dem leeren Himmel, aber ausgerüstet mit immer gottähnlicher werdenden «Systemerweiterungen». Freud hat das nicht nur als Kompliment gemeint. Und so sicher sich der Erfinder der Psychoanalyse war, dass es keinen Gott im Sinne der Religionen gibt, so besorgt schaute er in die Zukunft dieses menschlichen Mängelwesens, das die weggebrochenen religiösen Geländer mit allerlei cleveren Prothesen zu kompensieren sucht. Der Fortschritt von Kultur und Technik werde zweifellos weiterhin Unvorstellbares hervorbringen, schreibt Freud in «Das Unbehagen in der Kultur». Gleichzeitig müsse der Mensch diesen unaufhaltsamen Fortschritt mit seinen tief sitzenden zerstörerischen Trieben irgendwie in eine Balance zu bringen versuchen. Sonst sehe er schwarz für die Zukunft.

Man weiss nicht, ob Freud schmunzeln oder weinen würde, wenn er den taumelnden Prothesengöttern in «The Killing of a Sacred Deer» bei ihren diversen Operationen zuschauen würde. Oder was er ausrufen würde angesichts der womöglich direktesten filmischen Annäherung an seine schwarzgemalte Zukunft in der neuen Staffel von «Black Mirror». Seit Jahren erkundet die britische Serie mit hartnäckigem Pessimismus die neuen neurotechnologischen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschinen: zwischen uns und dem, was wir in Zukunft mit unseren digitalen Geräten alles anstellen könnten. Die Geschichten sind zwar Science-Fiction, aber so nah an der Gegenwart gebaut, dass es für uns ZeitgenossInnen automatisch unbehaglich wird.

Ein von «Black Mirror» schon mehrfach variiertes Motiv gibt vor, dass wir mithilfe digitaler Parallelwelten unser Leben nicht nur erweitern, sondern sogar verlängern könnten. Dank digitaler Klone werden Tote wieder «zum Leben» erweckt, und ein menschliches Bewusstsein – etwa das einer Komapatientin – kann per USB-Stick und neuronaler Standleitung in ein neues Trägermedium verpflanzt werden.

In «Black Museum», einer der neusten Episoden, entwickelt sich daraus die Horrorvision eines futuristischen Museums mit Exponaten, die aus solchen potenziell auf ewig eingeschlossenen digitalen Parallelseelen bestehen – mitsamt ihren herzzerreissenden Geschichten. Und damit nicht genug. Eine Tochter, die ihren Vater rächen will, der in diesem «Black Museum» als digitaler Klon seiner selbst immer wieder seine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl durchleben muss, bugsiert zur Strafe kurzerhand eine virtuelle Kopie des Museumsdirektors auf selbigen Stuhl, bevor sie gleich noch das ganze Haus abfackelt. Der alttestamentarische Gott könnte das Fürchten lernen von diesen menschlichen Platzhaltern im Workshop «Schuld und Rache 3.0».

Unerbittliche Blutrache

So verdienstvoll es ist, dass «Black Mirror» unserer digitalen Sorglosigkeit den Mahnfinger zeigt, so penetrant verwandelt der Kulturpessimismus dieser Serie fast jede Folge in ein überdeutliches moralisches Lehrstück. Weder die krassen Geschichten selbst noch das düstere Menschenbild, das ihnen zugrunde liegt, lassen viel Platz für Ambivalenz – und somit für Spielräume oder sogar einmal einen positiven Ausweg.

Wo «Black Mirror» allzu klar abgesteckte Thesen durchspielt, gibt sich «The Killing of a Sacred Deer» angenehm rätselhaft und vieldeutig. Der Chirurg Steven (Colin Farrell) verstrickt sich hier in ein irres Machtspiel, wie man es aus klassischen griechischen Tragödien kennt. Deren tragische HeldInnen schlafen ja bekanntlich ahnungslos mit ihren Müttern oder erschlagen ihre Väter. Sie werden geblendet oder bringen ihre Kinder um; wobei jeder Fehltritt unerbittlich wieder mit Blut gerächt wird.

Lanthimos’ zeitgenössische Variante davon geht so: Stevens sorgsam geordnetes Leben mit Gattin (Nicole Kidman) und zwei wohlgeratenen Kindern gerät jäh aus den Fugen, als der halbwüchsige Martin (Barry Keoghan), mit dem er sich regelmässig trifft, eines Tages verkündet, die ganze Familie müsse bald einen grauenvollen Tod sterben, wenn Steven nicht eines seiner Kinder oder seine Frau als Blutopfer darbringe. Der Hintergrund: Vor Jahren starb Martins Vater unter Stevens Messer, vermutlich weil dieser betrunken operiert hatte. Der Junge verkörpert also eine alte ungesühnte Schuld des Herzchirurgen.

Gebannt, aber auch zunehmend entgeistert verfolgen wir dieses gnadenlose Racheschauspiel im zeitgenössischen Gewand: Zwischen MP3-Playern und Dialogen über schöne Haare und teure Männeruhren steigen archaische Gewalten auf, die Stevens Kinder lähmen und sie Blut weinen lassen, ohne dass dafür eine rationale Begründung gefunden würde. Immer wieder schaut die Kamera wie ein ungerührter Maschinengott auf das menschliche Drama herab. Die ursprünglich ganz gegenwärtigen Figuren mutieren zu erstarrten MaskenträgerInnen einer viel älteren Ordnung, deren unerbittlichem Regelwerk sie sich scheinbar hilflos zu fügen haben.

Auch «The Killing of a Sacred Deer» wirkt in gewisser Weise wie ein schwarzes Museum, ein Museum aus geschickt zusammenmontierten, leicht verfremdeten biblischen, mythologischen und Horrorzitaten, die sich selbst überlebt haben. Erzählt wird das Ganze als klassische Tragödie. Doch auch dieses alte abendländische Gefäss wirkt angeknackst: Der bewährte tragische Trick einer reinigenden Affektentladung durch Schocktherapie angesichts des Gemetzels auf der Bühne funktioniert nicht mehr. Zumal Lanthimos auch nicht recht zu wissen scheint, wie er seine überwältigende Vergeltungsgeschichte beenden soll. Die unentschlossene letzte Szene wirkt wie ein hilfloser Versuch, die zuvor entfesselten Urgewalten einfach wieder in der Banalität des Alltags verschwinden zu lassen.

Notwendige Auffrischung

Doch birgt diese zerzauste Ratlosigkeit auch Wahres: Eine Rückkehr in die Arme der Religion und damit in die Versicherung, dass Schuld und Sühne im Jenseits schon gerichtet werden, kann es nicht geben. Ebenso wenig wie einen naiven Glauben an die weltliche Göttin, die Wissenschaft, etwa in Gestalt der Medizin.

Aber vielleicht könnte der Kulturfortschritt, an den ja schon Freud appelliert, auch bedeuten, dass in jeder Epoche wieder neue Formen von sinnstiftenden Geschichten erdacht werden müssen? So wie Shakespeares Neuerfindung von Tragödie und Komödie die Renaissance entscheidend mitgestaltete oder wie der moderne Roman auf der alten Folie der griechischen Heldenepen das Zeitalter der Aufklärung prägte. «Black Mirror» und vor allem Yorgos Lanthimos machen dafür einen Anfang – indem sie uns daran erinnern, dass wir aufgerüsteten ProthesengöttInnen mit unseren alten Trieben zwingend neue ausgeklügelte Erzählungen bräuchten.

«The Killing of a Sacred Deer» läuft neu in den Kinos. Die vierte Staffel von «Black Mirror» ist via Netflix Schweiz erhältlich.

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