Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Ein Kommandant kehrt zurück

Er war einst Türsteher in der Schweiz, später Befehlshaber der albanischen Guerillaorganisation UCK. Für die einen ist der neue Regierungschef des Kosovo ein heldenhafter Volksbefreier, für die anderen ein skrupelloser Clanchef. Wer ist Ramush Haradinaj?

Von Franziska Tschinderle, Pristina

In einer sterilen, abgedunkelten Lounge-Bar, gelegen im obersten Stock eines Shoppingcenters, sitzt einer, der einmal Soldat war und heute Massanzug trägt. Ibrahim Selmanaj nippt an einem Mineralwasser und blickt hinaus auf die dunkle, unbeleuchtete Hauptstrasse, wo der Platzregen auf den Asphalt trommelt. Die Bar liegt in einem Vorort von Peja, einer Stadt im Westkosovo an der Grenze zu Montenegro, umgeben von schneebedeckten Bergkuppen und schroffen Gebirgszügen. Die Hauptstadt Pristina, wo Selmanaj einst als Minister im Regierungsgebäude ein- und ausging, ist über eine Stunde Fahrt entfernt.

Dort wurde vor wenigen Monaten ein Mann zum Premierminister ernannt, mit dem Selmanaj im Krieg Seite an Seite gekämpft hat und der heute, zwanzig Jahre später, der vermutlich umstrittenste Politiker des ganzen Landes ist: Ramush Haradinaj (49), Exkommandant der albanischen Guerillaorganisation UCK, die Ende der neunziger Jahre gegen die Unterdrückung durch das serbische Regime von Slobodan Milosevic gekämpft hat, unter dem die albanische Bevölkerung zahlreichen Repressionen ausgesetzt war.

Im Westkosovo, wo der Krieg die meisten Opfer forderte, ist Haradinaj ein Held, dessen grimmiges Gesicht gerahmt in verrauchten Bars hängt. In Serbiens Hauptstadt Belgrad sprechen sie von ihm als einem Kriegsverbrecher, der ins Gefängnis gehört. In seiner Zeit als Gastarbeiter in der Schweiz bekam er den Spitznamen Rambo. So rief man ihn in den neunziger Jahren, als Haradinaj eine Art Doppelleben führte. Im Westkosovo schmuggelte er Waffen über die Grenze, im Westschweizer Skiort Leysin arbeitete er als Türsteher in einem Nachtclub. Wer ist dieser Mann, den die einen hochleben lassen und die anderen am liebsten tot sehen wollen?

Status: Ungeklärt

Haradinaj hat es vom Bauernjungen aus einem kleinen, abgelegenen Dorf zum Regierungschef von Europas jüngstem Staat gebracht, der am kommenden Samstag seinen zehnten Unabhängigkeitstag feiert. Es ist das Jubiläum eines Landes, das nach wie vor von fünf EU-Mitgliedsländern, darunter Spanien, Griechenland und Zypern, nicht anerkannt wird. Gleiches gilt für den Nachbarn Serbien, dessen autonome Provinz der Kosovo zur Zeit Jugoslawiens war. Als sich das überwiegend von AlbanerInnen bewohnte Gebiet in den neunziger Jahren lossagen wollte, entbrannte ein Konflikt, der später in einen Krieg ausartete und 1999 durch Nato-Bombardements beendet wurde. Der Kosovo wurde zuerst unter Uno-, dann unter EU-Verwaltung gestellt und erklärte 2008 seine Unabhängigkeit. Heute, zehn Jahre später, sind viele BewohnerInnen über die Lage in ihrem Land enttäuscht.

«Wir hatten den grossen Traum, dass alles besser werden würde, sobald wir ein eigener Staat sind. 2008 dachten wir, dass der Kosovo in hundert Tagen vom Grossteil der Uno-Mitgliedstaaten anerkannt werden würde. 2018 ist der finale Status noch immer ungeklärt», sagt etwa der Politologe Agron Demi vom GAP-Institut, einem unabhängigen Thinktank mit Sitz in Pristina. All die Jahre, kritisiert Demi, hätten sich die Regierungen des Kosovo und die internationale Gemeinschaft nur auf die Anerkennung des Landes konzentriert und dabei die sozioökonomische Lage ausser Acht gelassen. Obwohl die EU Milliarden an Euro in den kleinen Staat gesteckt hat, ist der Kosovo noch immer das ärmste Land Südosteuropas.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, bei Jugendlichen liegt sie sogar bei rund sechzig Prozent. Sozialleistungen und Arbeitslosengeld gibt es de facto nicht. Und wenn, dann sind sie so gering, dass man davon nicht leben kann, also nicht mehr als 150 Euro im Monat. Renten liegen zum Teil bei unter 60 Euro. Die wichtigste Einnahmequelle sind Familienmitglieder im Ausland, die monatlich ein paar Hundert Euro überweisen. Dazu kommt die hohe Korruption in Justiz und Politik, die trotz der Präsenz der EU-Rechtsstaatsmission Eulex nicht eingedämmt werden konnte. Am Ende stand Eulex selbst unter Korruptionsverdacht.

Der Osteuropahistoriker Oliver Schmitt von der Universität Wien kritisiert: «Der Kosovo weist ein politisches System auf, dessen Elite überwiegend darauf ausgerichtet ist, die staatlichen Ressourcen maximal auszubeuten. Dafür nimmt sie eine grosse Armut der Bevölkerung in Kauf.» Haradinaj passt in dieses Bild, das Schmitt zeichnet. So war seine erste Amtshandlung als Premierminister, das eigene Gehalt zu verdoppeln. Die Regierung, die er gebildet hat, wird vermutlich als die aufgeblähteste in die Geschichte des Landes eingehen: 17 Parteien, 22 MinisterInnen, 70 VizeministerInnen. Haradinaj selbst hat sechs Vizepremiers, darunter den schwerreichen Bauunternehmer und kosovarisch-schweizerischen Doppelbürger Behgjet Pacolli, der unter anderem den Kreml in Moskau restauriert hat.

Hochburg des Widerstands

In Gllogjan an der Grenze zu Albanien ist den Menschen egal, was für eine Politik Haradinaj betreibt und mit welchen Leuten er heute zusammenarbeitet. Sie sehen in ihm nur den Kriegshelden von damals, aufgewachsen in der Nachbarschaft als eines von neun Geschwistern. Einer, der ein Provinznest zur Hochburg der albanischen Widerstandsbewegung machte. Mehrere Strassen im Ort sind heute nach Familienmitgliedern der Haradinajs benannt. Auf einem Hügel über dem Dorf thront eine mit Pflastersteinen und Marmorplatten angelegte Grabstätte, in der ehemalige UCK-Kämpfer begraben wurden, unter anderem zwei von Haradinajs Brüdern. Dahinter hat Haradinaj für seine Eltern eine sogenannte Kulla bauen lassen, einen steinernen Wohnturm, wehrhaft wie eine Festung, auf der die albanische Flagge weht: ein schwarzer Adler auf rotem Grund. Wenn Haradinaj nach Gllogjan reist, macht er hier halt und legt Blumen nieder, umringt vom ganzen Dorf. Bei Festen kommt es vor, dass die Männer mit einer Pistole in die Luft feuern. Nicht als Warnung, sondern als Ausdruck von Freude.

In Gllogjan gibt es nur eine einzige Bar, und in dieser hängt ein einziges Foto. Es zeigt Ramush Haradinaj in Camouflageuniform zu seiner Zeit als UCK-Kommandant. Sobald man in das verrauchte Zimmer mit den vorgezogenen Vorhängen eintritt, verstummen die Gespräche. Es kommt nicht oft vor, dass Fremde in Gllogjan zu Besuch sind, Frauen schon gar nicht. «Das ganze Dorf hat sich damals der UCK angeschlossen», erzählt einer der Männer, der früher als Lehrer gearbeitet hat. «Die Serben haben uns aus den Schulen gedrängt. Ich musste meine Schüler im Geheimen in Privathäusern unterrichten», beginnt er. «Ramush war unser oberster Anführer. Dank ihm waren wir bereit, für unsere Rechte zu kämpfen.» Er erzählt, dass die gesamte Haradinaj-Familie, auch Mutter und Schwester, im Krieg gekämpft habe.

Die Männer von Gllogjan hat der Krieg zusammengeschweisst und auf ewig miteinander verbunden. Als der Strafgerichtshof in Den Haag 2005 gegen Haradinaj Anklage wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» erhob, fühlte sich das ganze Dorf in seiner Ehre verletzt. Der Vorwurf: Die UCK habe unschuldige ZivilistInnen – sowohl Albaner als auch Serbinnen – foltern und töten lassen. Haradinaj, damals schon einmal Ministerpräsident, trat nach hundert Tagen im Amt zurück und stellte sich dem Prozess, der mit einem Freispruch endete, obwohl mehrere Zeugen unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen und andere, wohl aus Angst, abrupt ihre Aussage zurückzogen.

Heute könnte Haradinaj erneut ein Strafprozess drohen. In Den Haag nimmt gerade ein Sondergericht seine Arbeit auf, das sich mit mutmasslichen Kriegsverbrechen der UCK befasst, die Haradinaj im Westkosovo einst angeführt hat. In weiten Teilen der kosovarischen Bevölkerung gilt das Sondergericht als Ungerechtigkeit, weil es ausser Acht lasse, welche Verbrechen SerbInnen an AlbanerInnen verübten. Es beschädigt das Bild des Volksbefreiers, das viele von Ramush Haradinaj haben. Ein Held, der unschuldige ZivilistInnen gefoltert und getötet haben soll?

Sozialleistungen für Veteranen

Ibrahim Selmanaj, der Mann aus der Bar im Shoppingcenter, war im Krieg Haradinajs rechte Hand, sozusagen sein Vizekommandant. Nach dem Krieg, 2001, trat er Haradinajs Partei bei, der Allianz für die Zukunft des Kosovo (AAK), die derzeit in der Regierung ist. Haradinaj ernannte ihn damals zum Bürgermeister der Stadt Decan, nicht weit von seinem Heimatdorf entfernt. Das Clandenken aus dem Krieg, das Einstehen der Soldaten füreinander setzten sich in der Politik fort. Ehemalige UCK-Soldaten wechselten in Politik und Wirtschaft. Haradinaj gab sich als Pragmatiker. Er kooperierte mit der Uno-Verwaltung und den USA und hielt seine erste Rede im Parlament auf Serbisch. Offenbar war ohne Haradinaj, der in breiten Teilen der Bevölkerung Ansehen genoss, kein Staat zu machen. So galt er für den Westen lange als Stabilitätsfaktor im kleinen Balkanland, obwohl ihm persönliche Verstrickungen in die organisierte Kriminalität und den Drogenhandel nachgesagt wurden.

Haradinajs KritikerInnen vermuten, dass die internationale Gemeinschaft deswegen mit ihm kooperierte, weil ihn diese Verstrickungen erpressbar machten. «Für die EU und die USA ist Haradinaj eine Puppe, die alles umsetzt, was man von ihr verlangt. Er versucht, sich an der Macht zu halten, indem er der Bevölkerung Jobs verschafft», sagt etwa Fitore Pacolli, Abgeordnete der linksnationalistischen Oppositionspartei Vetevendosje, bei einem Gespräch in Pristina. Agron Demi vom GAP-Institut glaubt, dass Haradinaj einen so guten Ruf hat, weil er selbst kämpfte, während andere Kommandanten Befehle von Albanien aus erteilten: «Seine Partei, die AAK, hat viele Leute im Westkosovo auf Kriegsveteranenlisten gesetzt, damit sie von Sozialleistungen profitieren. Im ganzen Kosovo haben rund 38 000 Menschen einen solchen Status.»

So wie Ibrahim Selmanaj, Haradinajs ehemaliger Weggefährte. Er legt seine linke Hand auf den Tisch, an der ein Finger fehlt: «Gestern war Ramush Haradinaj bereit, sein Leben für dieses Land zu geben. Deswegen ist er heute der Richtige, um es zu regieren.» Fast zwanzig Jahre nach dem Krieg scheint das im Kosovo noch immer ein Argument zu sein.

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