Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Verschwunden in Adliswil

Die Wegweisungspraxis im Kanton Zürich steht immer wieder in der Kritik. Nun wird nach einem Polizeieinsatz ein elfjähriges Mädchen vermisst. Der politisch Verantwortliche schweigt.

Von Anna Jikhareva (Text) und Lika Nüssli (Illustration)

Plötzlich geht alles ganz schnell. Es ist halb neun in der Früh, als Sitora Mirsoschojewa* aus dem Schlaf gerissen wird. Mit ihren Eltern Ava und Bachodur bewohnt sie ein Zimmer in der Notunterkunft (NUK) Adliswil in der Zürcher Agglo. Wach wird die Elfjährige, weil die Polizei mitten im Raum steht. Sie schreit, weint – und will sich nicht beruhigen lassen.

Gekommen ist der Polizeitrupp, um den Vater festzunehmen. Weil auf das Asylgesuch der Familie aus Tadschikistan nicht eingetreten wurde, sollen die drei nach Litauen ausgeschafft werden – in das Land, durch das sie in die Schweiz gereist sind und das laut Dublin-Verordnung für ihr Asylverfahren zuständig ist. So schnell, wie sie kam, ist die Polizei wieder weg. Sie bringt den Vater in Ausschaffungshaft. Mutter und Tochter will sie am nächsten Tag abholen.

Von Sitora fehlt jede Spur

Zwei Tage später sitzt Ava Mirsoschojewa im schmucklosen Zimmer der Asylunterkunft. Sie friert. An der Wand hängen Kinderzeichnungen, durch die Vorhänge fällt spärlich Licht in das karge Zimmer. Unwirtlich liegen die rot-weiss gestrichenen Container und Baracken der NUK weit draussen an den Bahngleisen. Wer die Waschräume oder die Küche aufsuchen will, muss zuerst über den Innenhof.

«Sitora ist ein starkes Mädchen», sagt ihre Mutter. In Tadschikistan sei der Boxunterricht eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Nach der Verhaftung des Vaters aber weint das Kind unablässig. «Ich habe sie noch nie so gesehen», meint Mirsoschojewa. Sie werde auf keinen Fall nach Litauen gehen, soll sie immerzu wiederholt haben. An dem Tag, als ihr Mann mitgenommen wird, packt Ava Mirsoschojewa die Koffer, versucht, die Tochter zu beruhigen. Sie will parat sein, wenn die Polizei wiederkommt. «Ich war bereit, mich in mein Schicksal zu fügen.» Als sich das Mädchen schliesslich beruhigt, ist es schon spät in der Nacht.

In den frühen Morgenstunden kehrt die Polizei zurück. Doch von Sitora fehlt jede Spur. Sie ist verschwunden.

«Die Polizei redete auf mich ein, ich aber hatte nur meine Tochter im Kopf», erinnert sich Mirsoschojewa. «Ich würde meine Tochter niemals alleine lassen.» Sie beteuert, das Mädchen nicht zu verstecken. Dies ist der Ablauf, wie ihn Ava Mirsoschojewa schildert.

«Vorwürfe unbegründet»

Die Anwältin Lena Weissinger hat Mutter und Tochter nach der Verhaftung des Vaters getroffen. «Sitora wirkte apathisch, wie abwesend», sagt sie. Auf Interaktion habe sie kaum reagiert. Zwischen dem Einsatz der Kantonspolizei und dem Verschwinden des Mädchens sieht Weissinger einen klaren Zusammenhang: «Es mag ein Extrembeispiel sein, doch leider ist es keine Ausnahme, dass solche Einsätze Kinder traumatisiert zurücklassen.»

Die NUK Adliswil, in der mehr als achtzig Personen – Familien und alleinstehende Frauen – leben, gerät nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen: Im Dezember berichtete der «Tages-Anzeiger» von der Ausschaffung einer Eritreerin. Trotz ärztlich attestierter Fluguntauglichkeit setzte man die junge Frau mit ihrer einjährigen Tochter in eine Maschine nach Italien. Anwältin Weissinger, die das Zentrum seit Jahren kennt, erzählt von weiteren Fällen: etwa dem einer russischen Familie mit vier kleinen Kindern. Als die Familie nach Litauen ausgeschafft wird, ist die Frau im sechsten Monat schwanger.

«Bei Ausschaffungen aus der NUK werden die Kinderrechte praktisch nicht beachtet», sagt Weissinger. Das Bündnis «Wo Unrecht zu Recht wird» geht noch weiter. Gerade gegenüber Frauen und Familien gehe die Kantonspolizei «mit äusserster Brutalität» vor, heisst es auf der Website. «In den meisten Fällen führt die Polizei die Ausschaffungen in den frühen Morgenstunden und ohne Ankündigung durch. So werden Kinder unvorbereitet aus dem Schlaf gerissen und in keinster Weise psychisch auf die Situation vorbereitet.»

Auf Anfrage an Migrationsamt und Polizei des Kantons Zürich zum Polizeieinsatz und den Umständen der versuchten Ausschaffung antwortet Urs Betschart, der Chef der Migrationsbehörde, höchstpersönlich. Nach einer ausführlichen Schilderung der Rechtslage schreibt er zum konkreten Fall: «Die Rückführung konnte nicht durchgeführt werden, weil die Tochter bei Ankunft der Polizei in der Notunterkunft nicht aufgefunden wurde und der Vater die Rückführung verweigerte.» Zu Sitoras Verschwinden heisst es: «Der Aufenthaltsort des Mädchens ist uns derzeit nicht bekannt.» Generell würden die Vorschriften zu Rückführungen «massvoll und verhältnismässig» umgesetzt. «Sie kamen auch im erfragten Fall zum Tragen. Die erwähnten Vorwürfe betreffend das Vorgehen der Kantonspolizei sind unbegründet.»

Terrorjäger wird zum Gejagten

Knapp ein halbes Jahr sind Sitora und ihre Mutter schon in der Schweiz. Die Geschichte ihrer Flucht beginnt im vergangenen Jahr in der tadschikischen Hauptstadt. Der Vater arbeitet für das Innenministerium, Abteilung für organisiertes Verbrechen. Seine Aufgabe ist es, TerroristInnen zu jagen. 2015 war einer der ranghöchsten PolizistInnen des Landes zur Terrormiliz Islamischer Staat übergelaufen. Seither wächst die Zahl derjenigen, die aus dem mehrheitlich muslimischen Land in den Dschihad ziehen. Bachodur Mirsoschojew scheint seinen Job gut zu machen, er steigt zum Hauptkommissar auf.

Zum Verhängnis wird dem Juristen schliesslich, dass er einen islamischen Gelehrten festsetzt, der die Al-Nusra-Front unterstützen soll. Bald kommt der Verdächtige wieder frei. Dank guter Verbindungen zum tadschikischen Sicherheitsapparat, wie Ava Mirsoschojewa vermutet. Nun gerät ihr Mann selbst ins Visier.

Er wird beschattet, verliert schliesslich seinen Job. Weil er sich mit den Falschen angelegt habe, sagt seine Frau. Wegen «grober Verstösse», heisst es aus dem Innenministerium auf Nachfrage eines lokalen Radiosenders, der einen Beitrag über Mirsoschojew veröffentlicht. «Mein Mann ist furchtlos, er hat immer alles richtig gemacht», sagt Ava Mirsoschojewa. Ein Schlepper bringt Mirsoschojew aus dem Land, später fliehen auch Ava und Sitora. Nach einer Odyssee, die sie auch über Litauen führt, landen alle drei schliesslich in der Schweiz, beantragen Asyl.

Mitte Februar erfolgt der Bescheid aus Bern: Auf das Asylgesuch der Familie werde nicht eingetreten, heisst es im Schreiben des Staatssekretariats für Migration (SEM). Kurze Zeit später bestätigt das Bundesverwaltungsgericht die Wegweisung. Diese komme «einem Todesurteil gleich», gibt Mirsoschojew den Schweizer Behörden damals zu Protokoll. In postsowjetischen Ländern wie Litauen lebten zahlreiche der Personen, die er als Polizist verfolgt habe. Dennoch soll die Ausschaffung vollzogen werden.

Mario Fehrs Pingpong

Die Geschichte setzt Bachodur Mirsoschojew auch gesundheitlich zu. Er nimmt Medikamente, wird in der Psychiatrischen Uniklinik stationär behandelt. Posttraumatische Belastungsstörung lautet die Diagnose. Die ÄrztInnen empfehlen «dringend eine Traumatherapie», weil «bei Verschärfung der Belastungssituation» ein erhöhtes Suizidrisiko bestehe. So steht es in einem Bericht der Klinik.

Ende April bestätigt das SEM allerdings die «Flugtauglichkeit», wie das Zürcher Migrationsamt schreibt. Die Ausschaffung soll auf Vollzugsstufe 2 erfolgen, begleitet von PolizistInnen in Zivil. Sie missglückt, weil sich Mirsoschojew widersetzt. Gemäss Anwältin Weissinger versucht er in der Ausschaffungshaft, sich das Leben zu nehmen.

Eine Woche nach dem ersten Gespräch klingt Ava Mirsoschojewa erschöpft von der Suche nach ihrer Tochter: Mit den AktivistInnen hat sie in Adliswil Flugblätter aufgehängt, doch die Suche blieb bisher ergebnislos. Ihr Handy hat die Tochter in der Unterkunft zurückgelassen. Die Mutter ist wütend auf die Behörden. «Wenn Sitora wieder auftaucht, bleibe ich keine Sekunde länger in der Schweiz», sagt sie.

In der Gemeinde Adliswil steht nicht nur die Notunterkunft für Asylsuchende. Hier begann auch der politische Hauptverantwortliche für die rigide Ausschaffungspraxis im Kanton Zürich seine Karriere: Mario Fehr war hier Gemeinde- und später Stadtrat, heute ist er Regierungsrat und Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich. Die WOZ hat auch ihm Fragen zum Verschwinden von Sitora Mirsoschojewa geschickt. Auf mehrere E-Mails und ein Telefonat antwortet Fehrs Sprecher nicht. Das Migrationsamt teilt mit, seine Antworten würden auch für die Sicherheitsdirektion gelten. Mit den Verantwortlichkeiten wird Pingpong gespielt. Bei Redaktionsschluss ist das elfjährige Mädchen noch immer verschwunden – seit nunmehr neun Tagen.

* Namen der Betroffenen geändert.

Nachtrag vom 14. Juni 2018

Elfjährige aufgetaucht

Die Geschichte von Sitora* hatte für Aufsehen gesorgt: Vor rund einem Monat verschwand die Elfjährige aus der Notunterkunft Adliswil, in der sie mit ihren Eltern lebte. Zuvor hatte die Kantonspolizei Zürich versucht, die aus Tadschikistan stammende Familie nach Litauen auszuschaffen. Weil die drei über das baltische Land in die Schweiz gekommen waren, ist es gemäss Dublin-Abkommen für den Fall zuständig.

Vergangene Woche ist Sitora wieder aufgetaucht. Wie Mutter Ava Mirsoschojewa gegenüber der WOZ sagt, hat die Familie die Schweiz inzwischen verlassen und im norddeutschen Bremen um Asyl ersucht. Zurzeit befänden sich Mutter, Vater und Tochter in einer Kölner Asylunterkunft. Laut der Mutter hat eine Frau das verängstigte Mädchen gefunden und bei sich versteckt, später aber die Eltern kontaktiert und ihnen das Kind übergeben. Dann sei die Familie über die Grenze gefahren. «Wir wollten nur noch weg aus der Schweiz.»

Dass sich Sitora mit Familie in Deutschland befindet, bestätigt auch die Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich. «Wie das Mädchen wieder zu ihren Eltern gefunden hat, ist unklar. Sie dürfte sich aber schon länger bei Verwandten in Deutschland befunden haben», schreibt die Behörde in einer Mitteilung vom 6. Juni. Zum Aufenthalt der Tochter habe die Mutter «wiederholt widersprüchliche Angaben» gemacht. Was die Direktion damit meint und wie sie darauf kommt, das Kind habe sich bei Verwandten versteckt, und ob sie weitere Informationen über Sitoras Aufenthaltsort hat, bleibt ihr Geheimnis. Sprecher Urs Grob will «keine zusätzlichen Informationen zur Medienmitteilung» geben.

Anna Jikhareva

* Namen der Betroffenen geändert.

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