Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Wenn die Linke zu ihren Sünden steht

Von Toni Keppeler

Der Wahlsieg zweier schwer rechtslastiger Unternehmer in Argentinien und Chile und ein kalter Staatsstreich in Brasilien genügten, und schon wurde die Zeit der Linken in Lateinamerika für beendet erklärt. Unsinn. Dass dies nicht so ist, deutete sich bereits in Kolumbien bei der Stichwahl um die Präsidentschaft Anfang Juni an: Da hat der ehemalige Guerillero Gustavo Petro zwar nicht gewonnen, aber mit 42 Prozent der Stimmen das weitaus beste Ergebnis eines bekennenden Linken in der Geschichte dieses Landes erreicht. Diese 42 Prozent hätten am vergangenen Sonntag Andrés Manuel López Obrador genügt, um Präsident von Mexiko zu werden. Es wurden 53 Prozent. Im nach Brasilien bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas wird seit Lázaro Cárdenas (1934 bis 1940) zum ersten Mal wieder ein Linker die Staatsgeschäfte führen.

López Obrador hat gezeigt, wie es gehen kann. Der Mann ist seit vierzig Jahren in der Politik und wohnt noch immer in einer bescheidenen Wohnung in einem Mittelstandsviertel von Mexiko-Stadt. In seinem Kleiderschrank hängen nur wenige, meist schon etwas abgetragene Anzüge. Er hat sich von zwei früher einmal linken Parteien getrennt, nachdem in diesen – wie in den anderen Parteien Mexikos – das Handaufhalten wesentliches Instrument von Politik geworden war. Der Mann ist glaubhaft nicht korrupt. Obrador dürfte so auch nicht den Sündenfall anderer mächtiger lateinamerikanischer Linker begehen: Sie wurden nicht wegen der Inhalte ihrer Politik abgewählt, sondern weil auch sie im Korruptionssumpf steckten. Von Rechten erwartet man nichts anderes, Linken aber verzeiht man das nicht.

Was also kann die Linke Lateinamerikas von Mexiko lernen? Sie muss sich öffentlich und glaubwürdig zu ihrem Sündenfall bekennen. Und sie muss erklären, wie sie diesen in Zukunft verhindern will. Als Erste trifft das die Arbeiterpartei in Brasilien, wenn sie denn die Präsidentschaft bei der Wahl im Oktober zurückerobern will. Linke Politik ist für die Mehrheit überall in Lateinamerika weiterhin interessant. Was abstösst, ist der Schmutz, der sie begleitet, sei das nun die Korruption wie in Argentinien und Brasilien – oder gar der immer brutalere Autoritarismus wie in Nicaragua und Venezuela. Doch zumindest in diesen Ländern deutet sich die Bereitschaft zu einem Schuldbekenntnis noch nicht einmal an.

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