Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Unter dem Einfluss eines Avatars

Total real: Warum uns der Erfolg der Influencerin Lil Miquela mit ihren 1,3 Millionen FollowerInnen zu denken geben sollte.

von Max Wild

Lil Miquela

Sie heisst Miquela Sousa, besser bekannt ist sie als Lil Miquela. Im Frühling 2016 erschien sie erstmals auf Instagram, heute zählt ihr Account über eine Million FollowerInnen. Als Social-Media-Influencerin zierte sie schon die Coverseiten von Mode- und Kulturmagazinen wie «Highsnobiety» und «032c», und während der Mailänder Modewoche im Februar überliess ihr das Luxuslabel Prada seinen Instagram-Account mit über fünfzehn Millionen FollowerInnen. Ausgestattet mit Prada-Outfits, führte Lil Miquela ihr Publikum dort eine Woche lang durch den Präsentationsort der neuen Prada-Kollektion.

Wer steht dahinter?

Aber Lil Miquela gibt es nur im Netz. Sie ist eine digitale Kunstfigur und die bislang erfolgreichste computergenerierte Influencerin. Dabei lässt sich nur schwer festmachen, wo bei ihr die Fiktion in die Realität übergeht und umgekehrt. Auf ihrem Instagram-Account zeigt sie sich beim Skateboardfahren mit Freundinnen aus Fleisch und Blut. In einem anderen Bild läuft sie durch den Design District in Miami, zu Jahresbeginn veröffentlichte sie gar einen Song auf Spotify. Dass sie sich in realer Umgebung mit realen Personen ablichten lässt, ist genauso ein zentrales Mittel ihrer Vermarktungsstrategie, wie sie sich gerne auf aktuelle Ereignisse bezieht: Lil Miquela ist bekennende Feministin, eine lautstarke Fürsprecherin von Black Lives Matter und der LGBT-Bewegung. Indem sie sich so in der physischen Realität verankert, versucht sie, sich wirklicher zu machen, als ihre wenig überzeugende digitale Erscheinung vorzugeben vermag.

Dabei kommt ihr der Wandel unseres Nutzungsverhaltens in den sozialen Medien zugute. Neben Fake News und den bekannten Echokammern, die die Wirklichkeit verzerren, präsentieren auch wir eine konstruierte Version von uns selbst. Die Frage, mit der uns eine virtuelle Figur wie Lil Miquela konfrontiert, lautet: Wenn alles inszeniert ist, was macht eine «reale» Person im Netz aus?

Um Lil Miquelas UrheberInnen ranken sich seit ihrem erstmaligen Erscheinen auf Instagram einige Theorien. Offenbar ist sie ein Geschöpf von Brud, einem Start-up-Unternehmen in Los Angeles, das sich auf Robotik, künstliche Intelligenz und deren Einbindung in die Medienbranche spezialisiert hat. Aufgedeckt wurde das im April 2018, als Lil Miquelas Account von einer Konkurrentin namens Bermuda gehackt wurde, die optisch wie auch politisch das krasse Gegenstück zu ihr verkörpert: Sie ist bekennender Trump-Fan und scheint keinerlei Affinität zu Mode zu haben. Die Pointe: Auch Bermuda, so stellte sich heraus, ist ein digitaler Avatar von Brud. Der Hack war also ein kalkulierter PR-Stunt, samt folgerichtiger Versöhnung zwischen den beiden, die auf Instagram inszeniert wurde.

Dabei bleibt immer noch vieles unklar: Man weiss nicht, wer genau hinter Brud steht, welche Absichten sie mit Lil Miquela verfolgen und ob und wie sie Geld verdienen durch ihre Avatare. Natürlich kann man computergenerierte Persönlichkeiten auf Instagram lediglich als Kunstfiguren oder Werbeträger abtun. Aber in Zeiten von Fake News, Troll-Bots und falschen Netzidentitäten sollten uns der Erfolg und die Reichweite einer Figur wie Lil Miquela doch zu denken geben.

Zwietracht säen

Zwar animiert Lil Miquela ihre mittlerweile 1,3 Millionen FollowerInnen regelmässig (und durchaus erfolgreich) zu Spenden für wohltätige Organisationen. Sie nutzt ihre Reichweite, um liberale Meinungen kundzutun. Auch die Aussöhnung mit Bermuda kann in einem gespaltenen Land wie den USA als erfolgreiches Beispiel für die Bereinigung politischer und kultureller Differenzen dienen. Aber es ist wohl unumgänglich, dass wir uns auch Avatare und inszenierte Plots vorstellen müssen, die genau wie Troll-Bots und Fake News politisch gezielt Zwietracht säen.

Lil Miquela wurde kürzlich von der Zeitschrift «Time» neben Schwergewichten wie Donald Trump, Rihanna oder Kanye West in die Top 25 der einflussreichsten Personen im Internet aufgenommen. Ob diese computergeneriert sind, ist anscheinend nicht mehr wichtig.

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