Nr. 35/2018 vom 30.08.2018

Die Nullnummer des Nicolás Maduro

Die indirekt ans Erdöl gekoppelte neue Währung wird Venezuela keine Erleichterung bringen. Die Wirtschaftspolitik der Regierung scheint am Ende. Längst sind auch internationale Konzerne hinter dem Reichtum des Landes her.

Von Toni Keppeler

Hyperinflation: Am 16. August kosteten 500 Gramm Margarine 3 000 000 alte Bolívares (Bild). Heute sind es bereits über 5 600 000 alte beziehungsweise 56 neue Bolívares. Foto: Reuters

Die Proteste gegen die Währungsreform in Venezuela blieben im kaum messbaren Bereich. Die Menschen sind mit dem Überleben beschäftigt und neuerdings auch mit Mathematik. Vor zehn Tagen hat Präsident Nicolás Maduro den bislang geltenden «starken» Bolívar durch den «souveränen» Bolívar ersetzt. Fünf Nullen wurden gestrichen: 100 000 alte sind ein neuer Bolívar. Mit einer Million wäre die Umrechnung leichter gewesen: Eine Tasse Kaffee, die vor zehn Tagen noch zwei Millionen alte Bolívares gekostet hat, würde dann zwei und nicht zwanzig neue kosten. So aber murmeln VenezolanerInnen erst lange Zahlenketten vor sich hin und streichen im Kopf eine Null nach der anderen, bevor sie einen Preis akzeptieren.

Ein Akt der Verzweiflung

Die neue Währung ist ein Akt der Verzweiflung. Die Inflation liegt bei über 30 000 Prozent und soll, so der Internationale Währungsfonds, bis Jahresende eine Million erreichen. Für ein Pfund Butter musste man mehr als ein Pfund Geldscheine hinlegen. Dieses Problem soll der souveräne Bolívar lösen. Denn der sei, so Maduro, an den Petro gebunden, eine Kryptowährung, die im Februar lanciert wurde. Der Petro wiederum sei durch die Ölreserven des Landes abgesichert. Doch ausser der Regierung weiss niemand, wie gross die Nachfrage nach diesem virtuellen Geld ist.

Maduro dekretierte gleichzeitig mit der neuen Währung eine Erhöhung des Mindestlohns auf das Dreissigfache – was der Inflation neuen Schub geben dürfte. Da nützen auch festgesetzte Preise für 25 Grundnahrungsmittel nichts. Trotz angedrohter Strafen wurden diese Waren schon am Tag der Verkündung auf den Märkten der Hauptstadt Caracas für vielfach höhere Summen angeboten.

So oder so ist der souveräne Bolívar auf Sand gebaut. Seine Bindung über den Petro an die Ölreserven ist reine Fiktion. Der staatliche Ölkonzern PDVSA ist so gut wie bankrott, die Anlagen verfallen, es wird immer weniger gefördert. Einst holte die Firma über drei Millionen Fass pro Tag aus dem Boden, im Juli waren es noch 1,2 Millionen. Verdient wird damit so gut wie nichts: Der grösste Teil der Fördermenge ist für Russland und China vorgemerkt, um damit Schulden zurückzubezahlen.

Verfahren wegen Verstaatlichungen

Als wäre das nicht genug, hat in der vergangenen Woche ein Gericht in den USA den kanadischen Minenkonzern Crystallex ermächtigt, von der PDVSA-Tochter Citgo Güter im Wert von einer Milliarde US-Dollar zu beschlagnahmen. Es geht dabei um eine Entschädigung, mit der Crystallex für die Verstaatlichung seiner Anlagen in Venezuela 2008 abgefunden werden will. Citgo betreibt in den USA mehrere Raffinerien und ein grosses Tankstellennetz. Ebenfalls in der vergangenen Woche hat PDVSA einem Schiedsspruch des Internationalen Zentrums zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten zugestimmt, gemäss dem der Erdölkonzern der US-amerikanischen Ölgesellschaft Conoco-Phillips zwei Milliarden Dollar Entschädigung für die Verstaatlichung seiner Anlagen 2007 bezahlen muss. Conoco-Phillips hatte zuvor Einrichtungen von PDVSA in der Karibik beschlagnahmen lassen, über die Erdöl in die USA und nach Asien exportiert wird. Die US-Firma hat ein weiteres Verfahren gegen PDVSA angestrengt, bei dem es um bis zu sechs Milliarden Dollar geht. Letztlich ist das unbezahlbar. Conoco-Phillips aber wird es ohnehin mehr darum gehen, im Fall des Sturzes der Regierung Maduro als Erste die Hand auf den Erdölreserven Venezuelas zu haben.

So gesehen hat Maduro recht, wenn er von einem Wirtschaftskrieg gegen Venezuela spricht. Freilich nutzt er das auch, um von den massiven selbstgeschaffenen Problemen abzulenken. Von Korruption zum Beispiel. In der vergangenen Woche wurde der Fall zweier Schweizer Finanzjongleure bekannt, die über ihre Vermögensverwaltung in Malta geholfen haben sollen, bis zu 1,2 Milliarden aus der PDVSA-Kasse abgezweigte US-Dollar zu waschen. Unter den Korrupten sollen auch Leute aus dem Umfeld Maduros sein.

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