Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Ritt auf der Rakete

So gut wie auf «Tha Carter V» war der Rapper Lil Wayne schon lange nicht mehr. Das Album handelt auch von seinem wahnsinnigen Leben als Ausserirdischer.

Von David Hunziker

«Can’t be broken»: Auf seinem neuen Album erzählt Lil Wayne vom chaotischen Weg hin zur Stabilität. Foto: Erika Goldring, Getty

Wir kennen sie, die alte Rock-’n’-Roll-Weisheit von Neil Young: Lieber spektakulär ausbrennen als langsam dahinschwinden. Der Rapper Lil Wayne begann schon auszubrennen, bevor er richtig angefangen hatte. Im Alter von zwölf Jahren schoss er sich mit einer Pistole seines Stiefvaters in die Brust und schwebte monatelang in Lebensgefahr. Doch der Vorfall war kein Unfall, wie Lil Wayne immer gesagt hatte, sondern ein Suizidversuch. Das erfahren wir ganz am Schluss seines lange ersehnten und nun endlich erschienenen Albums «Tha Carter V». Dieses ist nicht nur eine beeindruckende Rückkehr zu alter musikalischer Stärke, sondern auch ein Zeugnis eines unglaublichen Künstlerlebens.

Ob Lil Wayne jetzt, mit 36 Jahren, in Pension geht, ist nicht mehr so klar. Angekündigt hatte er es bereits vor sechs Jahren und «Tha Carter V» zugleich als sein letztes Werk. In der Zwischenzeit hat er sich mit seinem Labelchef Birdman über juristische Fragen zerstritten, was die Veröffentlichung des Albums immer wieder verzögert hat. Mit Birdman, der mit Cash Money Records eines der wichtigsten Labels des Südstaatenraps gegründet hatte, ist Lil Waynes Karriere eng verknüpft: Bereits mit elf Jahren lernte Dwayne Carter, als der Lil Wayne 1982 in New Orleans geboren wurde, Birdman in einem Plattenladen kennen. Später brachte dieser seine Musik heraus und machte ihn zu seinem Geschäftspartner.

Hinreissender Flow

Wer ist dieser Mann, der bereits mit zwölf Jahren auf einem Album von The B.G.’z rappte, mit sechzehn zum ersten Mal Vater wurde – es folgten drei weitere Kinder von drei verschiedenen Frauen –, mit 23 auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt war und auf deren Tiefpunkt, als er fünf Jahre später wegen Waffenbesitz im Gefängnis sass, zum Schluss kam, er habe jetzt die Macht, die ganze Popkultur zu Gott zu führen? Nun, als Retter sah sich Lil Wayne einige Jahre zuvor tatsächlich – als Alien, der auf die Welt kam, um den Hip-Hop zu retten.

«Phone Home» vom Album «Tha Carter III» (2008) zitiert die berühmte Zeile von E.T. aus dem gleichnamigen Spielberg-Film. Die Message des Songs: Ich rappe so gut, dass mir weltliche Massstäbe nicht mehr gerecht werden («mein System ist das solare»). Ganz weit weg von den anderen Rappern sei er, und in dieser Line spricht er «others» so aus, dass es sich auf «solar» reimt – oder gehen sogar die Worte vor ihm auf die Knie?

Auf «Tha Carter V» nun ändert die Reise durchs Weltall die Richtung. In «Can’t Be Broken», seine melancholische Plastikpop-Hook ist ein Höhepunkt, erzählt Lil Wayne von seinem mittlerweile stabilen Leben und davon, wie chaotisch der Weg dahin war: 1982 habe ihn seine Mutter an ein Spaceshuttle geklebt, habe ihm gesagt, sie werde ihn aufziehen, aber die Babynahrung musste sie von den NachbarInnen stehlen. Lil Wayne spielt hier mit der Ähnlichkeit von «raise» (aufziehen) und «rise» (aufsteigen): ein Leben wie ein wilder Ritt durchs Weltall, ausgesetzt auf der Aussenseite der Rakete. An einer anderen Stelle des Albums sampelt Lil Wayne eine Rede von Obama, in der dieser an die Jugend appelliert: Manche von ihnen hätten vielleicht einen Flow wie Lil Wayne, doch die Schule beenden sollten sie trotzdem.

Tatsächlich ist Lil Waynes Flow wieder hinreissend, er hängt endlose Ketten von Assonanzen quer durch seine Zeilen, wie es sein Markenzeichen ist. Aber er klingt auch versöhnlicher, die Stimme näselt weniger aggressiv. Und dann sind da noch die Auftritte seiner Familie: Im Intro sagt seine Mutter am Telefon, wie fest sie ihn liebe; und in «Famous» singt seine älteste Tochter einen zuckersüssen Refrain, bevor Lil Wayne seine Mutter anspricht: «I was your main man, ’til I went mainstream.»

Als Lil Wayne mitten im Mainstream landet – «Tha Carter III» ist in den USA das bestverkaufte Album des Jahres 2008 –, prahlt er nicht nur rum, in einer Strophe von Rapper Ludacris’ «Last of a Dying Breed» stellt er auch eine Diagnose: «Der Hip-Hop ist nicht tot, er hatte nur einen Herzinfarkt.» In der geschäftsmässig schwierigen Zeit am Anfang des Downloadzeitalters bewies Lil Wayne, dass man mit Rapalben noch kommerziell Erfolg haben konnte. Ein Vorbote: 2017 erzielten Rap und R ’n’ B, auch dank Kendrick Lamars gefeiertem Konzeptalbum «Damn», in den USA erstmals mehr Umsatz als Rock.

Die Sprache als Abenteuerspielplatz

Auch wenn Lil Wayne zum millionenschweren Popstar geworden ist, hat sich das «little» in seinem Namen nicht erübrigt. Wenn man ihn sprechen sieht, strahlt er – wenn er nicht gerade zugedröhnt ist – eine kindliche Verschmitztheit aus, und die Sprache ist sowieso bis heute sein Abenteuerspielplatz. So wirkt auch «Tha Carter V»: Die 23 Stücke bilden eher ein bunt geschecktes Chaos als einen konsistenten Sound – umso mehr stechen die Treffer ins Schwarze heraus.

Zum Beispiel «Mona Lisa», ein Duett mit Lamar. Hier könnte man hereinfallen und diesem den pulsierenden Flow der ersten Strophe zuschreiben, so gut passt Lil Wayne sich an. Oder war es umgekehrt? Schliesslich gibt Lamar ihn als einen seiner wichtigsten Einflüsse an. Es liesse sich eine ganze Liste von angesagten RapperInnen schreiben, für die Lil Wayne ein solcher Einfluss war: Nicki Minaj, Drake, Future. Ein Vater, der Auftritt wie ein Kind – das kann nur ein Ausserirdischer sein.

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