Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Lob der Schifffahrt

Annette Hug tanzt vor der chinesischen Küste

Von Annette Hug

In Incheon, der Hafenstadt vor Seoul, hat am 8. Oktober das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) einen neuen Bericht vorgestellt. Der ist nicht nur alarmierend, sondern dramatisch. Er fordert «noch nie da gewesene Massnahmen», und zwar sofort. Trotzdem ist mir eine Nachricht zum Bericht vor allem deshalb ins Auge gesprungen, weil ich eine Fähre von Incheon ins chinesische Qingdao gebucht hatte. Diesen Sommer suchte ich nach Möglichkeiten, geplante Flüge durch Schiffsreisen zu ersetzen. Das ist wohl nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Der Klimabericht des IPCC fordert eine Reduktion des CO2-Ausstosses auf null bis 2050. Ein bisschen weniger fliegen wird da nicht reichen.

Immerhin sind Schiffe verträglicher als Flugzeuge, und die Überfahrt auf der Fähre war der Hammer. Sie dauerte siebzehn Stunden, wir waren 528 Passagiere, fast alle aus China. Es waren Bauarbeiter, die in den Urlaub nach Hause fuhren, wenige Studentinnen und viele ältere Touristinnen und Touristen, auch sie auf dem Heimweg. Die praktischen Vorteile der Schiffsreise wurden schnell deutlich: Auf einer Fähre hat es viel mehr Platz als im Flugzeug, das Handgepäck ist nicht beschränkt, Kleinhändlerinnen und Shoppingtouristen stellen sich vollbepackt in die Reihe. An Bord stehen ihnen für die Nacht richtige Betten zur Verfügung, in Fünfer- bis Fünfzigerzimmern. Das fördert den Kollektivgeist, denn für jedes Zimmer gibts nur einen Schlüssel. Ich hatte das Glück, mit einer Gruppe von Bankangestellten aus Shandong untergebracht zu sein – Frauen, die gerne zusammen auf Reisen gehen. Sie lösten das Problem des Schlüssels, indem immer eine Abordnung im Zimmer blieb. Es glich bald einem Mädchenparadies mit Schminkecke, Spielteppich und einer Matratze zur gegenseitigen Massage. Ein strenges Finkenregime sorgte dafür, dass wir einander nicht mit dreckigen Schuhen auf die Matten traten.

Im Zentrum des Schiffs, einem grossen, mit goldglänzenden Tapeten und rotem Samt ausgestatteten Spiralgang, vermischten sich die Klassen: First, Second und Royal Class, auch die BewohnerInnen der Massenschläge. Das Personal setzte den Konsumzwang nur zu Hauptessenszeiten durch, dazwischen belegten Bridge- und Mahjonggruppen alle Tische im Kaffee und im Restaurant. Auf den Sofas in der Lounge streckten sich SchläferInnen aus. Oben auf Deck sorgten die älteren Touristinnen für Stimmung. Ein Damenverein, der etwas auf sich hält, bringt auf Reisen sein eigenes Soundsystem mit. Als wir am Abend aus Incheon ausliefen, fanden die ersten Aerobicstunden statt, und als wir bei Sonnenaufgang chinesisches Festland sahen, war eine andere Gruppe schon am Tanzen. Wir fotografierten einander, als sei dies ein Schiff voller Filmstars.

Der IPCC, dessen Bericht in Incheon vorgestellt wurde, bereitet eine weitere Konferenz vor. Am 3. und 4. Dezember treffen sich die Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens im polnischen Kattowitz. Sie sollen die Details eines Massnahmenplans beschliessen. Wenn ich den IPCC richtig verstehe, müssten die Staaten zum Beispiel vereinbaren, dass Kerosin ab sofort mindestens so hoch besteuert wird wie normales Benzin, Flugreisen und Flugtransporte müssen viel teurer werden. Nach einer Nacht auf der «New Golden Bridge» schreckt mich diese Vorstellung etwas weniger.

Annette Hug lebt als Autorin in Zürich. An einem Literaturfestival in Seoul hat sie an Diskussionen über Desaster, #MeToo und den Kapitalismus teilgenommen.

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