Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Ein Schnäppchen für Glencore

Die Klimaberichte werden immer alarmierender, nichtsdestotrotz investieren Konzerne weiterhin in klimaschädigende Energieträger. Doch es regt sich Widerstand.

Von Daniel Stern

Von Euphorie kann vor der Weltklimakonferenz in Kattowitz keine Rede sein. Nachdem das Klimaabkommen von Paris vor drei Jahren von vielen als Durchbruch gefeiert worden war, hat sich inzwischen Ernüchterung eingestellt. Viele Staaten haben bisher wenig Anstalten gemacht, ihre in Paris gegebenen Versprechen auch wirklich einzuhalten. In Kattowitz sollen jetzt die Umsetzungsregeln verhandelt werden. Doch gleichzeitig muss auch über weit ambitioniertere Ziele als jene von Paris gesprochen werden. Denn der Ausstoss von CO2 – der bedeutendste Treiber des Klimawandels – steigt auf neue Höchstmarken. 2017 wurden 1,4 Prozent mehr CO2 ausgestossen als im Vorjahr. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, setzt laut dem neusten Bericht des Weltklimarats IPCC «einen weitreichenden und beispiellosen Wandel in allen Bereichen der Gesellschaft voraus». Die CO2-Emissionen müssten bis 2030 um 45 Prozent sinken (im Vergleich zu 2010) und bis 2050 netto null erreichen. Das heisst: Alle weiteren Emissionen müssen ab diesem Zeitpunkt kompensiert werden – etwa durch Aufforstungen.

Inzwischen ist auch klar: Die Klimaerwärmung findet schneller statt, als lange angenommen wurde. Seit 2000 fanden neun der zehn tödlichsten Hitzewellen seit Messbeginn statt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der US-Regierungsbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration stellt fest, dass derzeit der Meeresspiegel jährlich um drei Zentimeter steigt. Auf allen Kontinenten gebe es Hitzerekorde, während die Häufigkeit und die Heftigkeit von Tropenstürmen weltweit zunehmen. Auch die Niederschlagsmengen seien stark angestiegen. Derweil verringere sich die Eisfläche der Arktis immer schneller. Jedes bisschen weniger Erwärmung zähle, heisst es im IPCC-Bericht. Erhöhe sich die Welttemperatur um über 1,5 Grad, steige die Gefahr von irreversiblen Schäden stark an.

PR-Geschwätz von «sauberer Kohle»

Trotz dieser alarmierenden Befunde nimmt der Verbrauch von Kohle, der klimaschädlichsten Energiequelle, wieder zu. Ein Profiteur dieser Entwicklung ist der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore. Das Zuger Unternehmen hat innerhalb eines Jahres allein in Australien drei Milliarden US-Dollar in den Ausbau der Kohleförderung investiert. Während Konzerne wie Rio Tinto aus der Kohleproduktion ausgestiegen sind, machte Glencore mit dem Kauf neuer Minen ein Schnäppchen. Mittlerweile besitzt Glencore 26 Minen in Australien, Südafrika und Kolumbien. Während der Konzern 2017 noch 120,6 Millionen Tonnen förderte – etwa gleich viel wie ganz Polen –, sollen es 2018 geschätzte 132 Millionen werden. Dazu kommen nochmals über 100 Millionen Tonnen, die Glencore von anderen Konzernen kauft, um sie gewinnbringend weiterzuverkaufen. Glencores oberster Kohleverantwortlicher, Peter Freyberg, erklärte jüngst in der NZZ: «Wir sind überzeugt, dass Kohle noch über Jahrzehnte nachgefragt sein wird.» Glencore macht inzwischen ein Viertel seines Gewinns mit Kohle, im ersten Halbjahr 2018 waren das über zwei Milliarden US-Dollar.

Auf die Frage, wie Glencore dieses Engagement mit dem IPCC-Bericht vereinbare, antwortet Konzernsprecherin Sarah Antenore per Mail ausweichend: «Glencore befürwortet die wissenschaftliche Forschung des IPCC und unterstützt den Übergang in eine Wirtschaft, die mit weniger Kohle auskommt.»

Wer verbraucht all die Kohle? Mittlerweile werden rund drei Viertel der geförderten Kohle in Asien verbrannt. Laut einem jüngst veröffentlichten Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) wird dort der Kohleverbrauch noch bis 2040 weiter steigen. In Ländern wie China und Indien werden immer noch neue Kohlekraftwerke gebaut. Andere Staaten folgen: Vietnam will seine Kohlekapazitäten verfünffachen; Bangladesch will bis 2030 fünfzig Prozent seiner Elektrizität mit Kohle produzieren, derzeit sind es vier Prozent. Auch wenn die Weltbank seit 2010 keine Kohlekraftwerke mehr finanziert, finden sich GeldgeberInnen – beispielsweise aus China oder Japan. So sind es auch japanische Firmen, die beim Bau in Bangladesch mitverdienen: Toshiba etwa erstellt im Hafen von Matarbari Island für vier Milliarden US-Dollar ein neues Kohlekraftwerk.

Man könne den Regierungen der Entwicklungsländer doch nicht verargen, dass sie ihrer jeweiligen Bevölkerung endlich Strom bereitstellen wollten, heisst es aus Kreisen der Kohleindustrie. Als ob es zu Kohle keine Alternative gäbe.

Länder wie Bangladesch haben gemäss dem Pariser Klimaabkommen tatsächlich das Recht, ihren CO2-Ausstoss zu erhöhen. Doch viel besser wäre es, sie würden direkt auf erneuerbare Energie setzen. Aber da fehle es an der Förderung, sagt Georg Klingler, Klimacampaigner bei Greenpeace. Das liege auch an der IEA, die Alternativen in ihren Zukunftsszenarien systematisch unterschätze. Ausserdem argumentiert die IEA, dass Kohlekraftwerke klimafreundlicher werden könnten – mithilfe des sogenannten Carbon capture and storage (CCS). Bei der CCS-Technologie wird das bei der Verbrennung frei werdende CO2 nicht an die Atmosphäre abgegeben, sondern in unterirdischen Höhlen gespeichert. Die Kohleindustrie spricht seit Jahren von «sauberer Kohle» dank CCS, so auch Glencore.

Allerdings deutet alles darauf hin, dass es sich dabei um PR-Geschwätz handelt. In Europa ist die Finanzierung von CCS-Projekten gestoppt worden, in den USA sind die meisten Projekte gescheitert. Eines der einzigen Kohlekraftwerke mit CCS-Technologie steht in Kanada und wird vom Unternehmen Saka Power betrieben. Saka Power schliesst inzwischen aus, weitere solche Projekte zu bauen. Das Problem liegt nicht nur in der technischen Machbarkeit, sondern vor allem auch in den Kosten: Es rentiert schlichtweg nicht, wenn zugleich der Strom aus anderen Quellen immer billiger wird.

So werden die neuen Kohlekraftwerke, die derzeit in Asien in grosser Zahl entstehen, Unmengen CO2 in die Atmosphäre blasen. Und weil es sich bei diesen Kraftwerken um Milliardeninvestitionen handelt, werden sie nicht ohne Weiteres wieder vom Netz genommen – auch wenn andere Stromquellen billiger werden. Schliesslich stehen dann wiederum viele Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Fossiler Industrie droht Klagewelle

Greenpeace hofft indes, die Kohlekraftwerke in Asien wirksam mit dem Argument des Gesundheitsschutzes bekämpfen zu können, sagt Klingler. Da die Kraftwerke zusätzlich Unmengen von Schwefeldioxid, Feinstaub und Schwermetallen in die Luft setzen, wirken sie sich auch negativ auf die Gesundheit der AnwohnerInnen aus.

Und die Kohleindustrie wird sich ganz generell auf mehr Gegenwind einstellen müssen: Gerichtsklagen von BürgerInnen, aber auch von Städten und Staaten gegen die fossile Industrie häufen sich. In Kalifornien klagen inzwischen acht Städte und Bezirke gegen eine Reihe von Konzernen wegen Sachbeschädigungen an ihrer Infrastruktur – ausgelöst durch den Klimawandel. Die Nachrichtenagentur Bloomberg konstatiert, dass die fossile Industrie mit einer Taktik konfrontiert sei, die schon die Tabakindustrie in die Knie gezwungen habe. Je stärker der Klimawandel spürbar werde, desto grösser werde der Druck. Das werde sich auch auf die RichterInnen auswirken.

Die Konzerne macht das vorsichtig. So weigerte sich kürzlich Bo Dudley, CEO des Ölkonzerns BP, an der Generalversammlung Fragen zu Klimarisiken zu beantworten. Man wolle damit doch nur Aussagen von ihm provozieren, um diese dann für Sammelklagen nutzen zu können. Auf diesbezügliche Fragen der WOZ antwortet auch Glencore nicht.

Ein Unternehmen in der Schweiz wegen des Klimawandels einzuklagen, sei ambitioniert, sagt Rechtsanwältin Cordelia Bähr: «Es muss bewiesen werden, dass zwischen dem Treibhausgasausstoss eines Unternehmens und dem Schaden einer Person ein Zusammenhang besteht.» Bähr vertritt die sogenannten Klimaseniorinnen, die den Bundesrat verklagt haben, weil dieser zu wenig gegen den Klimawandel unternehme. So eine Klage sei erfolgversprechender: «Der Bundesrat hat die Pflicht, die Bevölkerung zu schützen.» Dennoch will Bähr nicht ausschliessen, dass eine Klage gegen ein Unternehmen möglich wäre. Ob ein «klarer Zusammenhang» zu belegen wäre oder etwa eine «überwiegende Wahrscheinlichkeit» genügen würde, wäre vor Gericht zu klären.

In Deutschland versucht dies der peruanische Bergbauer Saúl Luciano Lliuya. Er wirft dem Kohlekonzern RWE vor, mit seinem CO2-Ausstoss dazu beigetragen zu haben, dass ein schnell wachsender Gletschersee in den Anden seine Familie, sein Eigentum und grosse Teile seiner Heimatstadt Huaraz gefährde. Lliuya hat bereits einen Etappensieg errungen: Das Oberlandesgericht Hamm hat vor einem Jahr die Klage zugelassen und eine Beweisaufnahme angeordnet. Versuche von RWE, die Klage abzuwürgen, sind bislang alle gescheitert.

Pensionskasse der Stadt Zürich

Klimasünder werden ausgeschlossen

Der Druck hat genützt. Noch vor drei Jahren wollte man bei der Pensionskasse der Stadt Zürich (PKZH) nichts davon wissen, die Aktien von besonders klimaschädigenden Firmen abzustossen. Die betroffenen Firmen würden sich schon von selbst den «veränderten Rahmenbedingungen» anpassen, war ein PKZH-Sprecher damals überzeugt (siehe WOZ Nr. 35/2015). Doch diese Sorglosigkeit provozierte: Im Stadtzürcher Gemeinderat wurde in der Folge ein Postulat überwiesen, das den Stadtrat auffordert zu prüfen, ob der PKZH eine klimafreundliche Anlagerichtlinie vorgegeben werden kann. Zudem verlangten auch Versicherte per Mail von ihrer Pensionskasse ein Deinvestment.

Jetzt hat die Pensionskasse eingelenkt. Laut ihrer kürzlich veröffentlichten Klimastrategie stösst die PKZH alle Beteiligungen von Unternehmen ab, die Kohle fördern. «Glencore-Aktien werden verkauft», bestätigt Geschäftsleitungsmitglied Jürg Tobler. «Wir machen das aus wirtschaftlichen Überlegungen. Kohle ist ein zu grosses Risiko.» Auch die Aktien von Stromkonzernen, die mehr als zwei Drittel ihrer Elektrizität mit Kohle produzieren, werden abgestossen. Zudem werden die Investitionen in Unternehmen aus CO2-intensiven Sektoren um die Hälfte reduziert.

Für Sandro Leuenberger, Projektleiter der Klima-Allianz, hat die PKZH mit ihrer Strategie «einen Schritt nach vorne gemacht». Er lobt auch die Transparenz der Kasse. «Andere Pensionskassen müssen jetzt dem Beispiel folgen», sagt er. Die Klima-Allianz betreibt mit «Renten ohne Risiko» seit rund drei Jahren eine Kampagne, die Pensionskassen dazu bringen will, ihr Geld aus dem fossilen Sektor abzuziehen.

Daniel Stern

www.renten-ohne-risiko.ch

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