Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Selbstoptimierte Versehrte suchen Liebe

Ein einziger Tag in London: «Süsser Ernst», der Roman der schottischen Autorin A. L. Kennedy ist ein fulminanter Versuch, die Bedingungen der Liebe im Zeitalter einer entfesselten Konsumkultur und erkalteter Gefühle auszuloten.

Von Ulrike Baureithel

Wer immer du bist, ich liebe dich: Meg und Jon treffen sich in «Süsser Ernst» erst nach Hunderten von Seiten zum ersten Mal. Foto: Alamy

Von der Seitensprungbörse übers Onlinedating bis hin zu Cybersex: Die «neue Kultur der Lieblosigkeit», von der Eva Illouz in ihrem neuen Buch «Warum Liebe endet» spricht, ist grenzenlos. Die Bestandsaufnahme, mit der die israelische Soziologin ihre Trilogie in Sachen Sex und Liebe abschliesst, könnte nicht niederschmetternder sein. Hemdschneller PartnerInnenwechsel, berechenbarer Sex, erkaltete Gefühle und galoppierende Bindungsunfähigkeit attestiert sie dem postmodernen Subjekt, das in den sechziger Jahren einmal aufgebrochen war, moralische und familiäre Fesseln abzuwerfen.

Doch das grosse Befreiungsprojekt hat sich auf den entfesselten Märkten, die auch die menschlichen Beziehungen aufgesogen haben, in sein Gegenteil verkehrt: in «negative Beziehungen», die vor allem auf Vermeidung ausgerichtet sind, die Vermeidung von Dauer, Bindungen und tiefen Gefühlen. «Das moderne Subjekt», schreibt Illouz, «will keine Beziehungen oder ist nicht in der Lage, Beziehungen aufzubauen.» Das ist nicht unbedingt neu, man kennt das von Michel Foucault bis Volkmar Sigusch, doch Illouz macht es mittels soziologischer Feldstudien empirisch evident.

Paradoxerweise wirkt sich das, was einmal ein Entlastungsversprechen für die Frauen war – Entlastung von ungewollter Schwangerschaft und ehelicher Ewigkeit – in der Sphäre der Konsumkultur geradezu negativ aus. Denn der Liebes- und Sexmarkt hat die «Ökologie von Intimbeziehungen» durcheinandergewirbelt. Die dort vorherrschende Währung ist auf den Körper fokussiert, die Auf- und Abwertungen erfolgen in schnellem Wechsel, und das, was die Märkte fordern – bedenkenloses Handeln, Distanzierungsgesten und schneller Konsum –, entspricht der sozialen Rolle der Männer. Der «skopische Kapitalismus» fordere, so Illouz, das «Spektakel» und die «Zurschaustellung von Körpern», die der Praxis des Bewertens und Vergleichens unterworfen werden. Am Ende bleibt es bei der Freiheit «der Wahl zur Nichtwahl», starke Bindungen auf Dauer erscheinen unmöglich.

Beschädigtes Leben

Ob A. L. Kennedy die gross angelegte Soziologie der Intimität Eva Illouz’ je zur Kenntnis genommen hat, sei dahingestellt. Jedenfalls wirkt der neue Roman der schottischen Autorin, der in der Öffentlichkeit vor allem als Zustandsbeschreibung Grossbritanniens unter dem Eindruck von Finanzkrise und drohendem Brexit wahrgenommen wird, wie eine Herausforderung. «Süsser Ernst» – im 2016 kurz vor dem Brexit erschienenen englischen Original umgekehrt als «Serious Sweet» tituliert – ist ein fulminanter literarischer Versuch, die Bedingungen der Liebe im postmodernen Zeitalter auszuloten, durchaus mit Blick auf das, worum es Illouz geht.

Schauplatz des Romans der 53-jährigen Schriftstellerin ist London, das als eigenständiger Akteur auftritt. Neben der britischen Hauptstadt schickt Kennedy zwei ungleiche ProtagonistInnen ins Rennen: Meg, insolvente Wirtschaftsprüferin, ist Mitte vierzig und Jon, ein hoher Beamter im britischen Innenministerium, Ende fünfzig, also in einem Alter, in dem man weiss, dass sich die eigenen Möglichkeiten schliessen. Erzählt wird ein einziger Tag, der 14. April 2015, der um 6.42 Uhr beginnt und zur gleichen Zeit am Tag darauf endet – und wer dächte da nicht an den grossen irischen Gewährsmann James Joyce! Oft danach gefragt, erklärt Kennedy, dass sie ihre beiden Figuren unter Druck setzen und «den schlimmsten Tag» habe erleben lassen wollen. Sie habe versucht, dabei weder an Joyce noch an Virginia Woolf zu denken, sondern habe sehen wollen, was sich dabei verändere.

Jon Corwynn Sigurdsson, Sohn skandinavischer Einwanderer und «Ergebnis einer unsentimentalen Erziehung» in einem schottischen Nest, und Margaret Williams, Londoner Apothekertochter mit alkoholgesättigtem sozialem Abstieg, sind zwei Königskinder, denen es ursprünglich nicht bestimmt ist, zueinander zu kommen. Der Politikberater in Westminster ist, wie er sich ständig selbst versichert, «kein schlechter Mensch», er gehört vielmehr zu den Guten, die keinem Menschen wehtun wollen, aber am Ende doch das Umgekehrte erreichen. Man begegnet ihm erstmals im Garten seiner Exfrau Valerie, wo er eine junge Amsel, die sich in einem Heidelbeernetz verheddert hat, zu retten versucht. Denn Jon ist ein Mann, der «die Aber beseitigt». Dass ihm die Amsel zum Dank die Hose vollkackt, wird – wie überhaupt Kleidungsstücke und Tiere – noch eine gewisse Rolle spielen an diesem Tag.

Meg ihrerseits verbringt den frühen Morgen in einem Park auf dem Telegraph Hill in der Nähe des elterlichen Hauses, das sie glücklicherweise noch nicht versoffen hat. Sie gehört zu denen, die «sich Gedanken machen»: eine Spezialistin für Schäden und höchst skrupulös, selbst wenn es darum geht, einen Kuchen für die KollegInnen in der Tierauffangstation, in der sie arbeitet, mitzubringen. Auch sie selbst ist mehrfach gefährdet an diesem Tag, ihrem ersten Geburtstag als trockene Alkoholikerin. Hinter ihr liegt eine Vergewaltigung und vor ihr ein unwürdiger Krankenhausbesuch zur Abklärung «krebsverheissender Veränderungen»: Schmerz, Kontrollverlust, sie ist «beschädigt».

Londoner Alltagsminiaturen

Mit Jon teilt Meg das Misstrauen, den Selbsthass und die Angst, die sich bei Jon vor allem auf die Frauen bezieht: «Ich bin dafür nicht gemacht.» Und sie teilt die Briefe, die er ihr als «Mr. August» seit einiger Zeit schreibt. Denn Jon hat ein eigenartiges Hobby, er verfasst massgeschneiderte, handgeschriebene Briefe an ihm unbekannte Frauen, «Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert», wie es in der Anzeige heisst. Er ist eine Dienstnatur, seine Heimat Westminster, trotz allem, was ihm dort das Leben vergällt und was im Verlauf des Tages an die Oberfläche schwappt.

Die beiden, trotz Dementi der Autorin, an ihre literarischen Vorbilder gemahnenden Figuren lassen sich treiben von – typografisch nicht sehr lesefreundlich kursiv gesetzten – unendlichen Bewusstseinsströmen, die Erinnerungen ebenso beinhalten wie aktuelles Räsonnement und in denen die Schicksale Jons und Megs aufgerollt werden. Dazwischengestreut sind Londoner Alltagsminiaturen, Situationen, in denen sich Menschen freundlich zeigen. Sie sei, berichtet Kennedy, durch die Stadt gefahren und habe nach Freundlichkeit zwischen den Menschen gesucht – und sie gefunden. Sie habe Gesten der Hilfe beobachtet oder einfach nur der Zuwendung, die die Metropole am Laufen hielten.

Dagegen das offizielle London, in dem Jon seine Rolle spielt und das er als scharfer Beobachter entlarvt. Jon ist ein Mensch der Daten und Fakten und muss feststellen, dass sich die britische Politik – schon lange vor Donald Trump – nicht mehr darum schert. Während er Politiker aus jedem Fettnäpfchen rettet, sieht er, wie das Land niedergeht. «Trottel muss man heute sein. Grossbritannien ist ein Land der leichtgläubigen Trottel.» In seiner Verzweiflung wird Jon zum Whistleblower, verrät schlechten Gewissens die Nation, obwohl ihm klar ist, dass er nicht «das Streichholz» sein wird, das das Pulverfass zum Explodieren bringt.

«Süsser Ernst» ist ein Roman über die soziale Spaltung der britischen Gesellschaft, eine völlig (bewegungs-)unfähige Politik, korrupte Medien und vor allem über tief verunsicherte Menschen, die auf der schwankenden Insel ohne Halteleinen in Deckung gehen. Doch unterhalb dieses hoch aufgespannten, luziden politischen Firmaments geht es vor allem auch um eine unmögliche, unglaublich betörende Liebesgeschichte unter den Bedingungen kapitalistischer Versehrungen. Verhinderte Anbahnungen – erst nach Hunderten von Seiten treffen sich Jon und Meg zum ersten Mal – und angstbesetztes Zurückschrecken, anrührender Mut und in Verzweiflung treibende Schwäche, Anfänge, die schon enden, bevor sie beginnen – das ist der emotionale Kitt, der diesen einen erzählten Tag zusammenhält. Vor der transparenten Szenerie wirken Jon und Meg wie TraumtänzerInnen: «Ich werde dich treffen», versichert sich Meg immer wieder. Und Jon: «Ich bin der Mensch, der nicht kann», ein «hoffnungsloser Fall».

Reissaus vor der Intimität

Vor dem von Eva Illouz vorgestellten Szenario der selbstoptimierten SexkonsumentInnen, vor dem Gebot der Selbstmaximierung und der moralischen Selbstvergessenheit wirken Kennedys Figuren fast ein bisschen altmodisch. Aber sie stehen für all jene Unglücklichen, die auf den neuen Beziehungsmärkten nicht mitkommen und den Machtspielchen nicht gewachsen sind; für die Sehnsüchtigen, die der Sicherheit bedürfen und wie Jon und Meg dennoch Reissaus nehmen, «wenn Intimität droht». In ihnen schlummert jenes «überflüssige Herz», das fähig ist und geneigt zu Freundlichkeit.

Wie Illouz ist auch Kennedy keine Apologetin einer romantischen Liebesideologie. Doch gegen alle Verdikte Adornos – «es gibt kein richtiges Leben im falschen» – besteht sie darauf, dass es auch im «falschen Leben» ein gutes und geglücktes gibt. Ihr berührender, wenn auch nicht unbedingt süffiger Roman macht hierfür die Probe aufs Exempel.

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