Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Geschwänzt wird jetzt auch in der Fabrik

Seit mehr als zwei Monaten gehen Jugendliche in Belgien für das Klima auf die Strasse – nun solidarisieren sich auch die Gewerkschaften mit den Protesten.

Von Tobias Müller

Gegen ein System, das nicht funktioniert: Klimaaktivistin Anuna De Wever (links) auf der Demo vom 7. März im wallonischen Louvain-la-Neuve. Foto: Christophe Licoppe, Getty

Es begann kurz nach Neujahr unter dem Motto «Schwänzen fürs Klima»: 3500 SchülerInnen zogen an einem trüben Donnerstag durch Brüssel, einem Aufruf von «Youth for Climate» folgend, um gegen das unzureichende Engagement Belgiens bei der CO2-Reduzierung zu protestieren. «Wir wollen durchaus mitmachen in diesem System, aber dann muss das System stimmen», sagte Anuna De Wever, die die Proteste mit ins Leben gerufen hatte. «Im Moment stimmt es aber nicht. Wenn wir weiter die Umwelt so verschmutzen, dass ich keine Zukunft habe, warum soll ich dann in die Schule gehen?»

Seither hat die Bewegung eine bemerkenswerte Dynamik entwickelt. In den Wochen darauf demonstrierten in Brüssel erst 12 000 Jugendliche und dann 35 000. Inzwischen finden die Kundgebungen dezentral an wechselnden Orten statt. Auch während der Frühjahrsferien gingen sie weiter – inzwischen am neunten Donnerstag in Serie. Anfang März kamen etwa in der Universitätsstadt Louvain-la-Neuve knapp 4000 Menschen zusammen. WissenschaftlerInnen von der dortigen Katholischen Universität schlossen sich der Demonstration an, ebenso Familien mit Kindern und Grosseltern.

Was sich in der vergleichsweise kleinen Stadt Louvain-la-Neuve zeigte, ist bezeichnend: Schon früh strebte die belgische Klimabewegung nach einer breiten gesellschaftlichen Basis. Als das Bündnis «Rise for Climate» Ende Januar zu einer Grosskundgebung in Brüssel aufrief, kamen 70 000 Menschen. Einen Monat später nahmen etwa 10 000 an der Nachfolgeveranstaltung in Gent teil. Von einem Abflauen der Bewegung zeugt das nicht – vielmehr spiegelt es die komplexen belgischen Gegebenheiten wider, wegen deren nur die Hauptstadt als wirklich zentraler politischer Versammlungsort gilt. Frankofone BelgierInnen finden den Weg nach Antwerpen ebenso wenig wie flämische den nach Liège.

Auch der grösste Gewerkschaftsbund

Entsprechend gross sind die Erwartungen, wenn am 15.  März auch in Brüssel für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5  Grad demonstriert wird. Mehr als hundert Organisationen unterstützen den Aufruf von «Youth for Climate». In Anlehnung an die Jugendinitiative haben sich zahlreiche andere gegründet, so etwa «Teachers for Climate» oder «Workers for Climate».

Am bemerkenswertesten ist indes, dass auch der sozialistische Gewerkschaftsbund zur Teilnahme an den Protesten aufgerufen hat. Der Algemeen Belgisch Vakverbond (ABVV, auf Französisch: Fédération Générale du Travail de Belgique), die stärkste und politisch profilierteste ArbeiterInnenvertretung in Belgien, rief den 15.  März schon vor Wochen zum Streiktag aus. Der ebenfalls einflussreiche christliche sowie der deutlich kleinere liberale Gewerkschaftsbund schlossen sich, zur Enttäuschung von «Youth for Climate», nicht an.

Steven Marchand, ABVV-Sekretär der Provinz Flämisch-Brabant, wird am Freitag von Leuven aus in die Hauptstadt aufbrechen. Gegenüber der WOZ betont er die besonderen Umstände dieses Entschlusses: «Es ist das erste Mal, dass wir auf diese Art streiken. Normalerweise geht das auf eine Initiative innerhalb der Gewerkschaft zurück.» Wie viele Arbeitende dem Streikaufruf folgen, kann Marchand nicht einschätzen. Er weist aber darauf hin, dass ihnen die gängige Streikvergütung ausbezahlt werde.

Im Aufruf der Abteilung Metall heisst es, das Klima sei für Arbeit und Kapital gleichermassen bedeutend: «Es geht nicht darum, Betriebe lahmzulegen. Wir bieten unseren Leuten nur die Möglichkeit, an dieser Aktion teilzunehmen.»

Die ökologische Frage ist eine soziale

Sekretär Marchand weist darauf hin, dass der sozialistische Gewerkschaftsbund schon «einige Jahre auf diesem Feld aktiv» sei und es nicht darum gehe, sich nun einfach an eine Bewegung anzuhängen. Die ökologische Frage sehe man jedenfalls nicht zuletzt als eine soziale. «Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs», sagt Marchand, «und die ersten Opfer von Klimawandel sind die weltweit schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft.» In Belgien sehe man zum Beispiel, dass die ärmsten Personen oft in schlecht isolierten Wohnungen lebten. «Wir brauchen eine flankierende Sozialpolitik, um beim Thema Klima alle mitzunehmen», fordert der Gewerkschafter.

Besonders brisant ist diese Frage in Belgien, weil dort am 26.  Mai gleich dreifach abgestimmt wird: Neben dem Europäischen Parlament werden auch das föderale sowie die sehr einflussreichen Volksvertretungen der Regionen Wallonien, Flandern und Brüssel neu besetzt. Welche Bedeutung den Themen Ökologie und Klima zukommt, lässt sich angesichts der vergangenen Monate sehen: Zum Jahreswechsel stand der politische Diskurs noch völlig im Zeichen der gestürzten Regierung und der rabiat geführten Auseinandersetzung um Zuwanderung. Inzwischen haben Erderwärmung und Emissionsbeschränkung diese Rolle übernommen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch