Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Feminismus? Terror!

Frauen wie die beiden Freundinnen Meral Cinar und Hatice Göz haben dem türkischen Patriarchat den Kampf angesagt. Das brachte die eine hinter Gitter und hat die andere ins Schweizer Exil getrieben.

Von Franziska Tschinderle (Text), Florian Bachmann und Diego Cupolo (Fotos), Zürich und Ankara

Die eine darf nicht in die Türkei einreisen, die andere das Land nicht verlassen: Hatice Göz in Ankara und Meral Cinar in Zürich.

Eine Dachgeschosswohnung in der Innenstadt von Ankara. Es ist Mitte Januar. Durch das Fenster fällt warmes Vormittagslicht. Dahinter: ziegelsteinrote Dächer, graue Häuserfassaden, Satellitenschüsseln und gläserne Bürotürme. Ankara ist die schmucklose, aber mächtige Verwaltungshochburg der Türkei. Hier laufen die Fäden von Politik und Wirtschaft zusammen. Hier residiert Präsident Recep Tayyip Erdogan in einem Palast mit über tausend Zimmern.

Hatice Göz – 25, dichtes, dunkles Haar und violetter Rollkragenpullover – ist diese Weite gar nicht mehr gewohnt. Monatelang sass sie im Gefängnis. Mit sechs Frauen teilte sie sich eine Zelle, in der eigentlich drei Personen Platz finden. Die Gefängnisse in der Türkei sind heillos überfüllt. Der Staat wirft mittlerweile so vielen Menschen vor, TerroristInnen zu sein, dass der Platz fehlt. Menschen wie Hatice Göz.

Göz sitzt auf der Couch, trinkt Filterkaffee und hebt eine Katze auf ihren Schoss. Sie wirkt auffallend entspannt für jemanden, dem in der Türkei wegen «Mitgliedschaft in einer Terrororganisation» bis zu sieben Jahre Haft drohen. Göz streichelt die Katze, während sie erzählt. Über ihre politische Arbeit als Feministin, wegen der man sie einsperrte. Und über ihre beste Freundin, Meral Cinar, mit der sie früher gemeinsam protestieren ging. Heute lebt Cinar 2000 Kilometer Luftlinie entfernt im Exil. «Meral ist für mich wie eine Schwester», sagt Göz, «ich vermisse sie sehr.»

«Entweder für uns oder gegen uns»

Ein Restaurant in der Innenstadt von Zürich. Meral Cinar – 28, Nasenpiercing, schwarze Haare – streut Tabak ins dünne Zigarettenpapier und dreht es zwischen ihren Fingern. 2016, kurz vor dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, beschloss sie, eine überzeugte Sozialistin und Feministin, das Land zu verlassen. «Ich hätte auch in der Türkei bleiben und ins Gefängnis wandern können, aber ich hatte das Gefühl, dass ich von Europa aus sinnvolleren Widerstand leisten kann», sagt Cinar. Am 8. März war sie auf der Frauendemo in Zürich. «Wie in Istanbul hat die Polizei die Demo unter fadenscheinigen Gründen blockiert.» Feminismus, so sagt sie es, sei ein «universeller Kampf», den man von überall auf der Welt aus führen könne. Die studierte Chemieingenieurin kommt aus einer kurdisch-alevitischen Familie und wuchs in einem Minderheitenviertel von Istanbul auf, in dem sie früh mitbekam, was Rassismus und Arbeitslosigkeit bedeuten. Das hat sie politisiert.

«In der Türkei heisst es: Entweder du bist für oder gegen uns», sagt sie. Cinar war gegen vieles. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit, das konservativer werdende Klima. Sie kritisierte die Verquickung von Patriarchat und Kapital ebenso wie die grassierende Gewalt gegen Frauen. 2013 gründet Cinar die Kampüs Cadilari (Campushexen), eine unabhängige Studentinnengruppe. Sie organisiert Diskussionsrunden, ermutigt Studentinnen, über sexuelle Belästigungen zu sprechen, und schreibt Posts in sozialen Netzwerken. «Die Polizei ist immer wieder zu mir nach Hause gekommen oder hat angerufen. Sie haben versucht, mich von meiner politischen Arbeit abzuhalten, die Justiz hat mehrere Verfahren gegen mich eröffnet, unter anderem wegen Terrorpropaganda und Widerstand gegen die Staatsgewalt», erzählt sie.

Während Cinar geht, bleibt Hatice Göz in der Türkei. Sie erlebt, wie während des Ausnahmezustands Tausende RegierungsgegnerInnen festgenommen werden, wie Professorinnen und Richter entlassen werden und JournalistInnen ins Gefängnis wandern. Am 11. September 2018 steht die Antiterroreinheit vor ihrer Wohnung in Ankara. Sie kommt zuerst auf die Polizeistation, dann ins Gefängnis. Monatelang weiss sie nicht, wessen man sie anklagt. Währendessen geht ihre Freundin Cinar in der Schweiz an die Öffentlichkeit: «Ich fordere, dass meine als Geisel gehaltene Schwester freigelassen wird. Der Angriff auf Hatice ist ein Angriff auf alle Frauen.»

Heute kann Hatice Göz die Türkei nicht verlassen, weil sie der Staat mit einer Ausreisesperre belegt hat. Cinar kann nicht einreisen, weil das Risiko zu hoch ist, verhaftet zu werden. Trotz Distanz eint die beiden eine enge Freundschaft. Und der Wille, Widerstand zu leisten, koste es, was es wolle.

Frauen als Hauptzielscheibe

Die Zahl der Frauen, die am 8. März, dem Internationalen Frauentag, auf den Strassen von Istanbul, Ankara und anderen türkischen Städten demonstrieren, wächst von Jahr zu Jahr. Zehntausende sind es mittlerweile – trotz Tränengas und Polizeigewalt. «In demokratischen Gesellschaften würde man Frauen, die friedlich für ihre Rechte kämpfen, zuhören. In der Türkei werden sie von der Polizei mit Tränengas attackiert», sagt die türkische Soziologin Betül Yarar. In der Zeit des Ausnahmezustands seien viele feministische Organisationen geschlossen und kritische AkademikerInnen, auch aus dem Bereich der Gender Studies, entlassen worden, erzählt die Professorin. Auch Yarar, die inzwischen an der Universität Bremen forscht, verlor ihren Job. Sie war eine der «Akademiker für den Frieden» – über tausend Intellektuelle, die mit einer Petition das militärische Vorgehen im Südosten der Türkei kritisiert hatten. Nachdem sie Morddrohungen von nationalistischen Schülern erhalten hatte, verliess Yarar das Land.

RegimegegnerInnen pauschal Terrorismus vorzuwerfen, gehört mittlerweile zum Standardrepertoire der türkischen Justiz. Längst trifft es neben JournalistInnen und Oppositionellen auch Feministinnen. Frauen aller Hautfarben. Mit oder ohne Kopftuch. Säkulare und religiöse. Linksliberale. Bildungsbürgerinnen. Arbeiterkinder wie Hatice Göz. Sie wurde in Elbistan geboren, einer mehrheitlich von Kurdinnen und Aleviten bewohnten Stadt im Südosten der Türkei. Ihr Vater ist Bauarbeiter, die Mutter Hausfrau. Göz studierte Psychologie. Den Master will sie in Gender Studies machen, aber momentan ist ihr die politische Arbeit wichtiger: «In der Türkei wird ein repressives System errichtet», sagt sie, «Frauen sind zu einer Hauptzielscheibe dieses Regimes geworden.»

Was treibt Frauen an, trotz der Repression Widerstand zu leisten? Zum Beispiel die Zahl 440. So viele Frauen wurden laut der Plattform Kadin Cinayetlerini Durduracagiz (Frauenmorde stoppen!) 2018 in der Türkei ermordet. Seit 2010 waren es fast 2000. «Diese Morde hätten verhindert werden können», so eine Sprecherin der Plattform. Es handle sich nicht um Einzelschicksale, sondern um Femizide, also Geschlechtermorde. Die Frauen sterben nicht, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind, sondern weil sie Frauen sind. Der Grossteil der Täter komme aus dem direkten Umfeld: «Männliche Verwandte, Liebhaber, Exmänner, Männer im Scheidungsprozess oder Brüder.» Sie erschiessen, erwürgen, zerstückeln oder verbrennen Frauen, weil sie eine Trennung nicht akzeptieren können, sich zurückgewiesen fühlen oder weil sich die Frauen gegen eine Vergewaltigung wehren.

Auch an den Universitäten komme es zu Gewalt gegen Frauen, erzählt Hatice Göz: «Die Frauenwohnheime sind weit vom Zentrum entfernt, die Wege dorthin schlecht beleuchtet. Die Frauen fürchten sich vor Übergriffen und sexueller Belästigung. Es gab Fälle, in denen Frauen vor ihrem Wohnheim entführt wurden.» Deswegen bieten die «Campushexen» Selbstverteidigungskurse an. Sie fordern, dass an den Universitäten mehr über sexuelle Gewalt gesprochen wird. Sie kritisieren, dass es zu wenig weibliches Lehrpersonal und ausgebildete Psychologinnen gibt, an die sich Frauen wenden können.

Die Staatsanwaltschaft wirft Göz vor, bei diesen Vernetzungstreffen Kader für den bewaffneten Kampf einer kommunistischen Terrorgruppe rekrutiert zu haben. Göz bezeichnet die Vorwürfe als «bizarr». «Die Türkei ist in einer neuen Phase angelangt», sagt sie, «inzwischen werden auch legale Aktivitäten wie das Verteilen von feministischen Newslettern und Stickern kriminalisiert.»

Kontrolle über den Körper

In der nach wie vor patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft werden Frauen, die sich für Geschlechtergleichheit starkmachen, immer mehr als Bedrohung gesehen. Abgeordnete, Minister und der Präsident selbst fallen immer wieder durch frauenfeindliche Rhetorik auf. «Erdogan rät Frauen, mindestens drei Kinder zu bekommen, um die Zukunft der Nation zu sichern», sagt Professorin Yarar. Die Politik der AKP ziele darauf ab, Kontrolle über die Sexualität und den Körper von Frauen zu gewinnen.

Um zu verstehen, was sie meint, muss man sich nur die öffentlichen Reden des Präsidenten anhören. Erdogan bezeichnet Abtreibung als «Mord» und kinderlose Frauen als «nicht vollwertig». Die Gleichstellung der Geschlechter ist seiner Meinung nach «gegen die Natur», und der Islam habe für die Frau nur eine Rolle vorgesehen, nämlich jene der Mutter. Für die AKP, die seit 2002 in der Türkei regiert, seien diese Töne nicht neu, sagt Cengiz Günay vom österreichischen Institut für Internationale Politik: «Die Partei vertritt ein konservatives Gesellschaftsbild, in dem jedem Geschlecht gewisse Rollen zugeordnet sind. Das Ideal ist die gläubige, moralisch konservative Frau, die sich zwar politisch engagieren darf, aber nur im Bereich der Familienpolitik.»

«Die regierende AKP ist ganz klar eine frauenfeindliche Partei», sagt die Juristin und ehemalige Abgeordnete Berivan Aslan. Sie ist die Tochter eines kurdischen Menschenrechtsaktivisten und eine der lautesten AKP-Kritikerinnen in Österreich. «In der Zeit nach dem Putschversuch wurden wichtige Errungenschaften wieder rückgängig gemacht», sagt sie. «Frauenhäuser wurden geschlossen, Telefonhotlines zur Gewaltprävention abgeschafft und Gesetze verabschiedet, die es Frauen erschweren, sich scheiden zu lassen oder eine Abtreibung vorzunehmen.» Obwohl viele Frauen physische Gewalt durch Ehemänner oder Partner erleben, gibt es in der Türkei laut offizieller Statistik nur 144 Frauenhäuser, die gerade einmal 3500 Frauen Schutz bieten können.

Im Oktober 2018 forderte der Europarat Ankara dazu auf, sich stärker für den Schutz von Frauen und Mädchen einzusetzen. Aber noch immer werden Minderjährige in Zwangsehen gedrängt. Noch immer bekommen Männer, die eine Frau vergewaltigt haben, eine Strafmilderung, wenn sie behaupten, von ihr beleidigt oder provoziert worden zu sein. Noch immer sterben Frauen wie Pinar Ünlüer (29). Sie wies einen Heiratsantrag zurück und wurde vom Mann, der das nicht akzeptieren konnte, erschossen. Oder Handan Askin (33), die heute von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Ihr Mann schoss sie auf offener Strasse an, weil sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Er wurde nicht wegen versuchten Mordes angeklagt, sondern wegen Körperverletzung.

Gleichzeitig, so Expolitikerin Berivan Aslan, würden Frauen gezielt aus politischen Ämtern gedrängt. Vor dem Putschversuch hatte die Oppositionspartei HDP über hundert Bürgermeisterinnen oder Vizebürgermeisterinnen aufgestellt – so viele wie noch nie zuvor in der Geschichte der Türkei. Während des Ausnahmezustands wurden die meist kurdischen Städte unter Zwangsverwaltung gestellt und die Ämter mit AKP-nahen Bürgermeistern besetzt. Viele HDP-Bürgermeisterinnen sitzen heute im Gefängnis.

Hatice Göz teilte sich mit drei von ihnen eine Zelle. «Sie erzählen, dass ihre wichtigste Identität die einer Feministin ist und nicht die einer Politikerin», sagt sie. Während die Studentin aus der Haft entlassen wurde, warten die Bürgermeisterinnen immer noch auf ihre Anklage.

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