Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Billie Idol

Die erst siebzehnjährige Billie Eilish begeistert und irritiert die Popwelt. Dass sie als Projektionsfläche gut funktioniert, weiss sie selber am besten.

Von David Hunziker

Abgeklärt ’nen Freund begraben: Düsternis ist bei Billie Eilish Programm. Foto: Kenneth Cappello

Sie tut keine anrüchigen oder skandalösen Dinge, aber etwas an Billie Eilish wirkt so subtil wie zuverlässig irritierend. Zum Beispiel auf JournalistInnen. Da schrieb etwa eine Autorin des «Magazins», dass weibliche Teenager zu wenig ernst genommen und als Projektionsfläche benutzt würden; trotzdem druckt sie ihr Interview mit Billie Eilish in der Du-Form und erzählt darin ständig von sich selber. Zum Beispiel, dass sie eines von Eilishs Videos auch nach dem zwanzigsten Mal noch nicht verstanden habe – worauf ihr die Siebzehnjährige kurz erklärt, wie Pop funktioniert: Sie wolle ihre Musik und ihre Videos gerade so mysteriös wie möglich lassen – «damit du dich genau so fühlen kannst».

Die Rede war vom Video zu «When the Party’s Over», zu finden auf Billie Eilishs Debütalbum «When We All Fall Asleep, Where Do We Go?» Als mysteriöses Element fungiert hier eine schwarze Flüssigkeit, die Eilish, weiss gekleidet und in einem weissen Raum sitzend, aus einem Glas trinkt, bevor sie ihr wie Tränen aus den Augen schiesst. Dazu singt sie eine schwermütige Ballade über eine Trennung, ihr Ausdruck verzerrt sich zu Schmerz und Trauer, während die zarte Stimme durch den Refrain wiegt: «Ich könnte lügen und sagen, dass es mir so gefällt.» Man kann das mysteriös finden, vor allem aber ist es gutes, plakatives Pophandwerk.

Vom Schlafzimmer ins Netz

Was an Billie Eilish als Erstes irritiert: dass sie mit siebzehn Jahren bereits einen voll entwickelten Popstar abgibt. Vom wolkigen Sound ihrer Songs über ihren Style mit den blauen oder weissen Haaren, den baggy Kleidern und viel Silberschmuck bis hin zur cleanen Ästhetik ihrer Videos – all das ergibt ein stimmiges Gesamtbild. Schon jetzt ist Eilish eine der kommerziell erfolgreichsten Sängerinnen dieses Jahres: Ihre Songs wurden auf Spotify Hunderte Millionen Mal gestreamt, auf Instagram hat sie siebzehn Millionen FollowerInnen. In Europa sah es so aus, als komme dieses neue Jugendidol (sie sei «das Jetzt», hiess es bei «Spiegel Online») aus dem Nichts.

Doch Eilish ist schon etwas länger im Geschäft. Vor über drei Jahren ging ihr Song «Ocean Eyes», den sie zusammen mit ihrem Bruder im Schlafzimmer produziert hatte, auf der Plattform Soundcloud viral, kurz darauf unterschrieb sie beim Mainstreamlabel Interscope. Es folgten eine EP und einige Singles, bevor nun das ersehnte Album erschien. Doch wenn man sich die Credits von «When We All Fall Asleep, Where Do We Go?» anschaut, dann könnte das auch ein Album aus der Indiesparte sein: Sie und ihr Bruder Finneas O’Connell, nur ein paar Jahre älter als sie, sind alleine für Songwriting und Produktion verantwortlich. Einige Songs sollen noch immer zu Hause entstanden sein.

Die Mischung aus Handwerk und schicksalhaftem Aufstieg wird eingebettet in eine mittelständische Erfolgsgeschichte. Die Eltern schauspielern mit mässigem Erfolg in Los Angeles, ihre Tochter unterrichten sie zu Hause, und sie fördern früh ihre musikalische Entwicklung. Es gibt ein Video, in dem die Elfjährige mit einem selber geschriebenen Song an einem Talentwettbewerb für Homeschoolingkinder auftritt. Der Bruder spielt in einer Band, schreibt und produziert Songs, aber erst das Charisma seiner Schwester beschert ihm ein grosses Publikum.

Geräusche wie Slapstick

All das wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht diese Songs wären: Immer wieder bestechen sie durch ihre auf wenige Elemente reduzierten Arrangements, und einige von ihnen sind richtig toll komponiert. Den verhangenen Charme in der Stimme hat sich Billie Eilish bei Lana Del Rey oder Lorde abgehört, manchmal funkten ihr auch, wie beim Klangtüftler Bon Iver, Verfremdungsgeräte dazwischen. Schön zur Geltung kommt Eilishs Gesang, wenn ihre Liebe für Hip-Hop durchdrückt und sie von eleganten Beats begleitet wird, wie in «Bad Guy» oder im grossartigen «Bury a Friend». Letzterer handelt von suizidalen Fantasien, doch der Beat treibt lebendig voran.

Die Düsternis ist Programm bei Billie Eilish. Auf Fotos lächelt sie aus Prinzip nicht, an ihren Fingern trägt sie Totenkopfringe, und ihre Texte seien von luziden Albträumen inspiriert, wie sie sagt. Immer wieder fragen sie Fans auf Social Media, ob mit ihr alles in Ordnung sei – klar, sagt sie dann, fast alles Fiktion! Tatsächlich ist diese Musik auch lustig. Die Geräuschsamples in «Bury a Friend» grenzen an Slapstick, zwischen Zahnarztbohrer und dem Klingeln eines Küchengeräts. «Xanny», ein Abgesang auf das als Droge beliebte Beruhigungsmittel Xanax, ist ein Augenzwinkern in Richtung suizidal veranlagter Trap-Kids. «All the Good Girls Go to Hell» albert mit einem Rockklischee herum, erzählt aus der Perspektive von Satan.

Innovativ sind dabei nicht so sehr die einzelnen Elemente, sondern die Art, wie sie kombiniert und in der Figur von Billie Eilish gebündelt werden. Wenn man daran etwas vom Zeitgeist der Jugend ablesen will, dann ist es vielleicht die Abgeklärtheit. Als Eilish in einem Videointerview erfährt, dass einer ihrer Clips in zehn Minuten gerade 50 000-mal angeschaut wurde, wirkt ihr erstaunter Gesichtsausdruck eher gespielt. Das kennt man ja von den Klimakids, die nach dreissig Jahren «Ende der Geschichte» mal schnell die Welt aus den Angeln heben wollen.

Vielleicht macht Billie Eilish das eines Tages mit der Popmusik.

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