Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Von Bierbauchstrizzis und Edelpopulisten

Am Sonntag wird in Österreich eine neue Regierung gewählt. Trotz des Skandalvideos um ihren Exchef Heinz-Christian Strache hat die FPÖ gute Chancen, hinter Sebastian Kurz und der ÖVP zweitstärkste Partei zu werden. Streifzug durch ein Land, in dem immer die Anderen Schuld sind.

Von Cigdem Akyol, Wien

Am Ende könnte das «Schwiegerburli» doch wieder mit der FPÖ regieren: Sebastian Kurz bei einem Auftritt letzte Woche in der Nähe Wiens. Foto: Dagmar Schwelle, Laif

Der Journalist, den Heinz-Christian Strache nicht für eine «Hure» hält, ist sichtlich bemüht, diesem zweifelhaften Lob für seine Arbeit keine allzu grosse Bedeutung beizumessen. Und das gilt auch für das Video, in dem dieses Lob für Millionen zu hören war. «Zuerst einmal wollte ich es nicht glauben», erinnert sich Richard Schmitt an den Moment im Mai, als er die heimlich gefilmten Aufnahmen sah, die Österreichs Regierung zu Fall bringen sollten. «Das Zweite, was mir in den Sinn kam, war: Wer macht so etwas? Wer lässt so jemanden in eine Falle laufen? Mich hat die Art und Weise einer Zurschaustellung in einer Urlaubssituation, jemanden lächerlich zu machen, das hat mich sehr verwundert.»

Nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos platzte in Österreich die Koalition der rechten ÖVP und der noch rechteren FPÖ unter Jungkanzler Sebastian Kurz, Neuwahlen wurden angesetzt, der Nationalrat stürzte die Regierung via Misstrauensvotum, eine Interimsregierung übernahm die Geschäfte. Am Sonntag wird nun ein neues Parlament gewählt. Und trotz des gewaltigen Skandals, den ihre jahrelange Führungsfigur Strache produziert hat, hat die FPÖ Chancen, hinter Kurz und der ÖVP erneut zweitstärkste Kraft zu werden. Die Freiheitlichen liegen laut Umfragen bei 20 Prozent, knapp hinter der SPÖ, die auf 22 Prozent kommt. Wer sich fragt, wie es sein kann, dass diese Partei überhaupt noch politisch am Leben ist, muss sich aufmachen in ein Land, in dem der Rechtsnationalismus und Opfermythen eine lange Tradition haben. Und dort eben mit Leuten wie Richard Schmitt reden.

«Einer der Besten»

Schmitt war Onlinechef der «Kronen Zeitung», von Österreichs auflagenstärkstem Boulevardblatt. Der 51-Jährige war einer der einflussreichsten JournalistInnen des Landes – bis der damalige FPÖ-Chef Strache Kette rauchend und Wodka-Red-Bull trinkend über seine Vorstellungen von einer freien Presse schwadronierte. «Zack, zack, zack»: So müsse man unliebsame JournalistInnen austauschen, und so müsse auch der Umbau bei der «Krone» durchgeführt werden, prahlte Strache vor der angeblichen Nichte eines russischen Oligarchen, die vorgab, sie wolle Anteile an dem Blatt erwerben. «Journalisten sind sowieso die grössten Huren auf dem Planeten», sagte er. Schmitt allerdings sei einer «der besten Leute, die es gibt».

«Ich wäre nicht einer der Besten, wenn ich nicht krone.at geleitet hätte», sagt Schmitt Anfang September im Newsroom seines neuen Arbeitgebers nahe des Wiener Karlsplatzes. Wenige Stunden vor dem Gespräch mit der WOZ bejubelte er auf Twitter seine Reichweite: In einer Woche sei er 829 Mal erwähnt worden und habe 2270 Likes erhalten. Er spricht gedämpft, will nicht wie ein journalistischer Grenzüberschreiter wirken. Wer mit ihm redet, kann es kurz nicht fassen, für welche Schlagzeilen dieser Mann verantwortlich ist. «Sie fliehen vor Gewalt – und morden ihre Gastgeber» ist eine typische Schmitt-Überschrift über einem Kommentar, der Gewalttaten von Flüchtlingen thematisiert. «Während in Deutschland bereits die Gäste ihre Gastgeber abschlachten, ist es in Österreich – zum Glück – noch zu keinem Todesopfer gekommen», heisst es dann weiter im Text.

Schmitt ist ein «Krone»-Gewächs, sein Vater und sein Grossvater waren schon bei dem Verlag, er selbst musste diesen nun nach rund dreissig Jahren verlassen – oder wollte selbst schon länger gehen, je nach Erzählweise. Seit kurzem ist er Chefredaktor bei der Konkurrenz von oe24.at und oe24.tv, den Onlineausgaben der kostenlosen Boulevardzeitung «Österreich» des Medienmanagers Wolfgang Fellner. Über den hatte er 2013 noch getwittert: «Mein Gott, ist dieser Fellner widerlich.»

Schmitt und Strache spielten sich jahrelang gegenseitig die Bälle zu. Zwar musste Strache kürzlich die Administration seines Facebook-Accounts der Partei übergeben, sein digitales Kapital bleibt aber beträchtlich. Auf Twitter hat «HC Strache» 62 000 FollowerInnen, auf Facebook sind es nahezu 800 000 AbonnentInnen. «Wenn Strache einen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen», sagte Schmitt 2016 in einem Interview. Krone.at bediente mit hetzerisch aufgemachten Geschichten über Sozialhilfebezüger, Flüchtlinge, Migrantinnen und Muslime blaue Lieblingsthemen. Die FPÖ habe halt eine sehr gute Social-Media-Basis, was andere Parteien verschlafen hätten, erklärt er sich heute.

Seit der Veröffentlichung des Ibiza-Videos durch die «Süddeutsche Zeitung» («SZ») und den «Spiegel» lässt Schmitt keine Gelegenheit aus, über die KollegInnen zu ätzen. «Dieses Video hätte in dieser Kürze nicht veröffentlicht werden dürfen, es ist ein schwerer journalistischer Fehler», meint er: Solange die Aufnahmen nicht vollständig publik seien, könne eine Manipulation nicht ausgeschlossen werden. Er selbst ist daran, zu recherchieren, wer hinter dem Video steckt – und vermutet eine «hochkriminelle Organisation» als Urheber. «Wenn ich hehre Motive habe, dann schreibe ich in meinem Bericht auch dazu, von wem ich es habe», schimpft der Boulevardmann.

Aus dem Mund eines Journalisten ist das eine erstaunliche Aussage, immerhin gilt in der Branche der Quellenschutz als hohes Gut. «Wie jeder verantwortungsvolle Journalist schützen wir selbstverständlich unsere Quellen. Dazu gehört auch, dass wir nicht öffentlich über mögliche Motive unserer Informanten spekulieren», erwidert Bastian Obermayer von der «SZ», einer der Journalisten, dem das Video zugespielt wurde. Natürlich würden sie zur Motivlage recherchieren und diese in ihre Abwägung miteinbeziehen, und für die Veröffentlichung des gesamten Materials bräuchten sie das Einverständnis aller dort zu sehenden Personen.

Eine mediale Katastrophe

In Österreich publizierte das Nachrichtenmagazin «Falter» das Video. Eine Schmierenkomödie, die erst «der radikale Opportunist Kurz» so möglich gemacht habe, sagt Armin Thurnher. Der Journalist ist Herausgeber des «Falters» und erzählt im quirligen Café Korb in der Nähe des Wiener Stephansdoms davon, wie das Magazin zum publizistischen Gewinner dieser Politkrise geworden ist. Zurzeit werden nach eigenen Angaben rund 50 000 Zeitungen pro Woche gedruckt, es gibt einen Abozuwachs von zwischen 30 und 40 Prozent. Ansonsten aber hätten Österreichs Medien auf den Skandal in katastrophaler Manier reagiert. «Es wurde stark mit dem Akzent berichtet, ob dieses Material echt sei, wie es zustande gekommen sei, warum es über Deutschland veröffentlicht worden sei. Statt das unmögliche Verhalten der Protagonisten festzuhalten, sind die Kollegen stärker auf dem Zustandekommen des Videos herumgeritten», sagt Thurnher.

Das sei letztlich auch eine Folge des Drucks, den die Regierung auf die Medien ausgeübt habe – und dieser mache sich unter anderem bei der staatlichen Medienförderung bemerkbar; deren Verteilung sei «politisch gelenkt», so Thurnher. Die türkis-blaue Regierung sowie Länder, Gemeinden und staatliche Betriebe schalteten zwar im vergangenen Jahr mehr Inserate in den Medien als die Vorgängerregierung, das meiste Geld aber ging an den Boulevard. An die «Krone» gingen 18,8 Millionen Euro, «Heute» bekam 12,5 Millionen, an «Österreich» flossen 11,5 Millionen. Der «Falter» bekam nach eigenen Angaben weniger als eine Million. «Das ist Feudalismus pur: Wenn der Herr Kurz sagt, der ‹Falter› ist ein Feindmedium, die bekommen nichts mehr, dann schalten die Ministerien bei uns keine Anzeigen mehr.»

Überhaupt hätten sich die Arbeitsbedingungen nach dem Antritt der FPÖ-ÖVP-Regierung geändert: «Falter»-JournalistInnen werden nicht auf Wahlpartys der FPÖ gelassen, die ÖVP sperrt sie von Hintergrundgesprächen aus, der ehemalige Bundeskanzler gibt dem Blatt kein Interview. Dabei hatte einst sogar FPÖ-Übervater Jörg Haider mit diesem gesprochen. Seit Monaten berichtet der «Falter» nun über die leeren Kassen der ÖVP, deren kreative Buchhaltung und über eine mögliche Verschleierung der Wahlkampfkosten. Die ÖVP hat auf Unterlassung geklagt, ein Urteil ist aber erst nach der Wahl zu erwarten.

Hitler-Bilder per Whatsapp

Auf ihrem Parteitag Mitte September in Graz geriert sich die FPÖ so, als hätte es das Video nie gegeben – als hätte der alte Parteichef nie damit geprahlt, was er bei entsprechenden Gegenleistungen alles ermöglichen kann. Nach politischer Logik wäre eine Aufarbeitung des Skandals notwendig, nach FPÖ-Logik wird stattdessen aber gedroht und ein Opfermythos inszeniert. Und nach österreichischer Logik kämpfen die Rechtsnationalen gerade eben nicht um ihre Existenz, sondern um eine Regierungsbeteiligung.

Und so greifen die FPÖ-Vertreter an: Mit einer «Geraden oder einem rechten Haken» drohte der Exinnenminister Herbert Kickl auf dem Parteitag politischen GegnerInnen. Dem gestürzten Vizekanzler sei eine schlimme Falle gestellt worden, sagte Norbert Hofer, der in Graz die Parteiführung nach vierzehn Jahren Strache übernahm. Der abwesende Geschasste wurde derweil in den Reden mit Lobeshymnen bedacht, Hofer richtete ihm gar aus, er möge die Kraft finden, gestärkt zurückzukommen. Ibiza? War da was?

Die FPÖ ist eine Partei der rechten ScharfmacherInnen, die gerne im bürgerlichen Gewand daherkommt; doch sehr oft fällt die Fassade. Etwa wenn Martin Huber, niederösterreichischer Klubobmann, zu Adolf Hitlers Geburtstag Glückwünsche auf Facebook postet, wie 2014 geschehen. Huber wurde vor wenigen Tagen aus der Partei geworfen. Oder wenn ein Tiroler FPÖler via Whatsapp ein Foto Hitlers verschickt und dazu schreibt: «Vermisst – seit 1945», und: «Adolf bitte melde dich! Deutschland braucht dich!» Letzteres ereignete sich im vergangenen Jahr, der Mann ist mittlerweile aus der Partei ausgetreten.

Es ist Markus Abwerzger, dem Chef der Tiroler FPÖ, anzusehen, wie unangenehm ihm Fragen zu solchen Vorfällen sind. Abwerzger ist Jurist, zu seinen politischen Schwerpunkten gehören die Themen Sicherheit und Migration, er redet leise, will nicht durch Pöbeleien wie seine Parteigenossen, sondern durch Sachlichkeit auffallen. «Diese Nazikeule geht mir auf die Nerven. Einzelfällen von der linken Seite wird nicht solch ein öffentlicher Raum gegeben», sagt er etwas angespannt. Abwerzger empfängt an einem Dienstagmittag im FPÖ-Bürgerbüro in Innsbruck, der zwischen gewaltigen Gebirgszügen liegenden Tiroler Landeshauptstadt. Warum er laut Medienberichten «Gesindel» und «Nordafrikaner» in einem Satz gesagt habe? Darauf angesprochen windet er sich. Erst auf Nachfrage räumt er per Mail ein, die lokale «kriminelle Nordafrikanerszene» als «Gesindel» bezeichnet zu haben. Das Gedächtnis, entschuldigt er sich, und schiebt noch hinterher, dass es ihm wichtig sei, zu «differenzieren».

Differenzieren will er auch beim neuen wie auch beim gestürzten FPÖ-Chef: Hofer hatte auf dem Grazer Parteitag den ungarischen Präsidenten Viktor Orban als ein Vorbild bezeichnet. Taugt denn ein antisemitischer, islamfeindlicher, gegen MigrantInnen hetzender Politiker als Vorbild? «Orban ist weitaus mehr, und Hofer will seine Politik nicht direkt übernehmen. Er will seine Migrations- und Flüchtlingspolitik übernehmen», erwidert Abwerzger. Und das Ibiza-Video? Er kenne Strache seit vierzehn Jahren, sagt dessen Tiroler Parteikollege: «Die Politik, die er gemacht hat, hat nichts mit dem zu tun, was er in dem Video gesagt hat.»

Als Konsequenz aus dem Skandal legten dessen Hauptprotagonisten Strache und sein Parteifreund Johann Gudenus ihre politischen Ämter nieder. Bundeskanzler Kurz beendete die türkis-blaue Koalition, er selbst musste nach einem erfolgreichen Misstrauensvotum ebenfalls zurücktreten. Bei den Neuwahlen am 29. September will Kurz wieder zurück an die Spitze der Republik – und auch Strache ist wie üblich im Kampfmodus, eine Rückkehr schliesst er nicht aus. Bis es so weit ist, schickt er seine Frau vor, die als Tierschutzbeauftragte der FPÖ kandidiert. Auf einem Werbeplakat ist Philippa Strache zu sehen, im Hintergrund ist aber auch ihr Gatte verschwommen zu erkennen – wie ein Geist. Strache hatte immer wieder damit kokettiert, Wiener Bürgermeister werden zu wollen. Da er auf Bundesebene erst einmal aussen vor ist, könnte er nun tatsächlich bei den Wiener Wahlen 2020 antreten – und so einen ersten Schritt auf dem Weg zurück aufs Bundesparkett tun.

Ibiza-Affäre, Schreddergate, klamme Parteikassen, eine Kaufhauserbin, deren Millionenspende an die ÖVP auf dubiose Weise am Rechnungshof vorbeigeschmuggelt wurde, mögliche illegale Parteispenden an die ÖVP – seit dem Ende der Koalition reissen die Skandale in der Alpenrepublik nicht ab. Im zurückliegenden Sommertheater hatte aber auch das unterhaltsame Österreich einen Auftritt, als etwa die Schauspielerin Christiane Hörbiger in einem Video dem Exkanzler huldigte. Die Republik sei «doch froh und glücklich gewesen» mit Kurz, schimpfte sie über den Misstrauensantrag der SPÖ, der «völlig verblödet» gewesen sei.

Dass auch die FPÖ für diesen gestimmt hatte, blendete die Grande Dame des österreichischen Spielfilms in ihrer Werbebotschaft aus. Schnell distanzierte sich Hörbigers Grossnichte auf Twitter: «Grosse Familie, sehr unterschiedliche politische Meinungen.» Distanzieren mussten sich dieser Tage auch JournalistInnen von einer Kollegin, die eine Kurz-Biografie veröffentlichte, die zuvor von der ÖVP autorisiert worden war. Wenig überraschend handelt es sich bei dem Text um eine Heldenhuldigung, deren Verfasserin in ihrer Vita redaktionelle Anstellungen angab, was von den betroffenen Redaktionen nun bestritten wird.

Kanzler Kurz hatte im Wahlkampf 2017 einen neuen Stil angekündigt – tatsächlich gelang es ihm mithilfe der FPÖ, in siebzehn Monaten Regierung nahezu jede Woche einen neuen Skandal zu produzieren. Dazu kamen Attacken auf die Pressefreiheit, eine illegale Razzia des Innenministers Kickl beim Geheimdienst, eine Politik der Abschreckung für Arme, Flüchtlinge und Zugewanderte. Überdies wollte Kickl AsylbewerberInnen an einem Ort «konzentrieren», so hatte er es tatsächlich ausgedrückt.

«Kurz hat ohne Not dieses Land dieser Kamarilla ausgeliefert. Das, was die italienische Mafia mit dieser Koalition vereint, ist ein Losungswort: Unser Geld für unsere Leute», sagt Doron Rabinovici. Der in Tel Aviv geborene und in Wien aufgewachsene jüdische Schriftsteller ist einer der wichtigen Intellektuellen des Landes. Im Jahr 2000 organisierte er eine Demonstration gegen die erste ÖVP-FPÖ-Regierung, 300 000 Menschen kamen damals zusammen. Momentan ist sein Theaterstück «Alles kann passieren» auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen – eine Collage aus Reden von RechtsnationalistInnen aus ganz Europa. Die FPÖ ist für ihn eine «rechte rassistische Partei, ideologisch vom deutschnationalen völkischen Gedankengut durchdrungen». Dass Strache zwei Wochen nach «Ibiza-Gate» bei der Europawahl rund 45 000 Vorzugsstimmen bekam, überraschte ihn nicht: «Die Anhänger sehen der FPÖ sehr vieles nach, weil sie gegen Flüchtlinge und Ausländer ist. Wenn es dagegen einen Korruptionsskandal bei den Linken gibt, dann ist das ein grosser Skandal, weil sie ihrem eigenen Anspruch nicht entsprechen.»

Strache meldet sich via «Russia Today»

In seinem ersten TV-Interview nach seinem Rücktritt, das er dem deutschen Ableger von «Russia Today» gab, warf Strache Kurz Wortbruch vor. Dieser habe ihm versprochen, dass er die Regierung mit der FPÖ fortsetze, sollte er als Vizekanzler zurücktreten. Die FPÖ warb nach dem Ende der Koalition mit dem Slogan: «Wir lassen uns Österreich nicht zerstören. Jetzt erst recht FPÖ». Auch Strache postete wenige Tage nach der Veröffentlichung des Videos «Jetzt erst recht!» – einen Slogan mit besonderer Geschichte in der Alpenrepublik. «Waldheim – jetzt erst recht» lautete auch der Spruch des ÖVP-Kandidaten Kurt Waldheim im Präsidentschaftswahlkampf 1986. Damals hatten JournalistInnen aufgedeckt, dass Waldheim Mitglied der SA gewesen war. Er selbst stritt dies ab, stattdessen stilisierte die Partei ihren Kandidaten zum Opfer, und das mit Erfolg – Waldheim wurde mit 53,9 Prozent der Stimmen gewählt.

Und so sieht sich auch heute der geschasste FPÖ-Chef nicht als Täter, sondern verweist immer wieder auf die angeblich dunklen Machenschaften der unbekannten UrheberInnen des Videos. Möglicherweise seien ihnen Substanzen verabreicht worden, sagten sowohl Gudenus als auch Strache. Wegen einer Gesetzeslücke bleibt Strache eine Ermittlung wegen Vorteilsnahme erspart, denn zum Zeitpunkt der Entstehung des Videos im Juli 2017 war er kein Mandatsträger. Dennoch wird gegen ihn, seine FPÖ sowie gegen die ÖVP und auch die SPÖ wegen des Verdachts auf illegale Parteispenden ermittelt. Die Häuser von Strache und Gudenus wurden durchsucht. In die Bredouille bringen könnten Strache nun seine Spesenrechnungen. Kürzlich wurde bekannt, dass die FPÖ seine alten Belege überprüfen lasse, weil es Spekulationen über Unregelmässigkeiten gebe.

«Der Kern dieses Durchschwindelns liegt im Verhalten während der Nazizeit», sagt Anneliese Rohrer. Die Historikerin ist eine der profiliertesten AnalystInnen der österreichischen Politik, von ihr stammt das 2005 erschienene Buch «Charakterfehler. Die Österreicher und ihre Politiker». «Wir haben als Nation nie unseren Teil der Verantwortung für die NS-Herrschaft übernommen. Es ist immer jemand anderes schuld, das ist historisch bedingt. Das wird politisch instrumentalisiert, und damit können sich die Menschen identifizieren.» Identifizieren könnten sich viele auch mit dem Verhalten Straches. «Es wurde mehr darüber spekuliert, wer das Video gemacht hat, statt über den Inhalt. Stattdessen wurde relativiert: Der war halt besoffen, hiess es, und besoffen sind wir halt alle mal. Auch dumme Aussagen machen wir alle irgendwann. Schlawiner sind wir doch auch alle – und korrupt sind halt alle Politiker», deswegen sei die Empörung nicht so gross gewesen. Ihre Bilanz der siebzehn Monate ÖVP-FPÖ-Regierung: «Eine bösartige Verschärfung bei der Asylpolitik. Alles, was sie gemacht haben, richtete sich immer gegen Ausländer und zielte darauf, die SPÖ zurückzudrängen.»

Trotzdem liegt Kurz laut allen Umfragen bei rund 33 Prozent. «Kurz bekommt jetzt auch noch die Stimmen jener, die nicht mehr die Ibiza-Strizzis mit Bierbauch und Goldketterl wollen, sondern den Gentlemanrassisten, den Edelpopulisten, den Arsène Lupin der Politik», sagt Rabinovici. «Österreich ist zwar nicht das einzige Land, in dem man mit populistischem Rassismus punkten kann, doch es ist das Land, in dem Karl Lueger mit politischem Antisemitismus Bürgermeister Wiens wurde, in dem Adolf Eichmann es geschafft hat, die Judenpolitik des Deutschen Reichs zu revolutionieren, und Kurt Waldheim mit ‹Ich habe nur meine Pflicht in der deutschen Wehrmacht erfüllt› Bundespräsident wurde.»

Was Kurz so richtig nervt

Mit wem der «Schwiegerburli» Kurz aber nach einer Wiederwahl regieren wird, ist unklar. Es könnte für ihn eine Zusammenarbeit mit der SPÖ oder eine Dreierkoalition mit den Liberalen und den Grünen infrage kommen. Auch eine erneute Koalition mit den RechtsnationalistInnen liegt im Bereich des Möglichen – die FPÖ will unbedingt wieder politische Macht. In einem Wahlwerbespot der FPÖ sind zwei Schauspieler zu sehen, die als Hofer und Kurz zu erkennen sind, bei einem Gespräch mit einer Krisenberaterin. «Sie beide haben eine grossartige Beziehung, kommen gut miteinander aus, respektieren einander, haben dieselben Ideen», sagt die Frau. «Wollen Sie das wirklich riskieren nur wegen Ibiza?», fragt sie. «Oft ist es einem gar nicht bewusst, wie wertvoll das ist, was man wirklich hat.» Der fiktive Hofer nickt verständnisvoll und antwortet: «Oft braucht es nur einen kleinen Schubser, um gemeinsam weiterzumachen.» Zudem werben Kurz und Kickl beide mit demselben Slogan, «Einer, der unsere Sprache spricht» – ein Spruch, mit dem auch schon Haider warb. Die Parteien streiten sich darüber, wer den Slogan bei wem abgekupfert hat.

Eine erneute türkis-blaue Koalition hält Christian Ortner, Kolumnist bei der «Presse», trotzdem für unwahrscheinlich. «Sie müssen jeden Tag damit rechnen, dass irgendwo in der FPÖ eine Stinkbombe hochgeht», sagt der Autor, der neoliberale und konservative Standpunkte vertritt. «Für Kurz ist das unangenehm, es geht ihm unglaublich auf die Nerven, nicht auf seine politischen Erfolge, sondern auf FPÖ-Politiker angesprochen zu werden, die mit ‹Mein Kampf› im Nachtkasterl erwischt wurden.»

Der Schriftsteller Rabinovici ist da skeptischer: Er traut Kurz zu, dass dieser nach der Wahl erst Gespräche mit anderen Parteien führen wird, diese dann scheitern – und Kurz schliesslich erklären wird, keine andere Alternative als eine erneute Koalition mit der FPÖ zu haben. «Nach dem Motto: Wenn der Hofer es jetzt wirklich verspricht, dass es aufhört mit den Einzelfällen, dann versuchen wir es noch einmal – irgendwer muss ja dieses Land regieren.» Auch Anneliese Rohrer will dieses Szenario nicht gänzlich ausschliessen: «Ich habe nur nicht genug Fantasie, wie sie das dann rechtfertigen wollen.»

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