12.02.2004

«Ich übertreibe meine eigene Paranoia»

In «John Henry Days» kommt der neue Star der New Yorker Literaturszene einem Mythos zwischen Pop und Legende auf die Spur.

Von Silvia Feist

Briefmarken, Provinzkäffer und tote Volkshelden haben ungefähr so viel Sexappeal wie Stützstrümpfe in Pflasterfarben. Deshalb bezweifelt der junge New Yorker Journalist Sutter, dass irgendwer Interesse an einer Geschichte über den ersten schwarzen Volkshelden Amerikas, John Henry, haben könnte. Der soll 1872 in einem mythischen Wettkampf eine Dampfbohrmaschine besiegt haben und 1996 in Talcott, West Virginia, mit einer Briefmarke geehrt werden.

Was Sutter keine achtzig Zeilen wert scheint, inspirierte Colson Whitehead zu 526 Seiten, die für den Pulitzer-Preis nominiert wurden und ihm ein mit 500 000 US-Dollar dotiertes Stipendium einbrachten, den so genannten Genie-Preis der MacArthur Foundation. Whiteheads Roman heisst «John Henry Days», und J. Sutter, der von allen nur «J.» (sprich: Jay) genannt wird, ist seine Hauptfigur.

Ironisch distanziert

Treffpunkt: Das Flying Saucer Cafe in Brooklyn, wo sowohl Whitehead, 34, als auch J. leben. Gross und schmal kommt er den Bürgersteig entlang, nicht im schnellen Mittagspausenschritt, sondern im erzwungenen Schlendergang der New Yorker, die auf dem Weg ihre Zigarette zu Ende rauchen müssen, seit der Bürgermeister ein Rauchverbot über alle Lokale verhängt hat. Drinnen zieht Whitehead seine braun-beige geringelte Häkelmütze vom Kopf. Er trägt kurze Dreadlocks, und der Bart auf dem jüngsten Autorenfoto, das seine Frau Natasha Stovall gemacht hat, ist ab. Auf allen offiziellen Bildern guckt er sehr ernst, wie auch jetzt über seiner heissen Schokolade. Wobei nicht gleich klar wird, ob das an seinen schweren Lidern liegt oder Selbstverpflichtung ist.

J. könnte aussehen wie er. Eine jungenhafte Hipster-Version von Denzel Washington. Tatsächlich gibt es in Whiteheads und J.s Leben einige Parallelen: Beide stammen aus der afroamerikanischen urbanen Mittelschicht; beide machten ihre ersten Schreibversuche bei einer linken New Yorker Wochenzeitung – Whitehead, der schon damals wusste, dass er Schriftsteller werden wollte, begann als Fernsehkritiker für die «Village Voice» (bei J. heisst sie «Downtown News»); beide sind ironisch distanziert. Eine Art, die Welt zu sehen, die es J. ermöglicht, alles so weit von sich wegzuhalten, dass er sich auf nichts wirklich einlassen muss. Weder auf seine Geschichten, die er oft genug nach der versprochenen Qualität des Buffets auswählt. Noch auf eine Beziehung: «J. und Monica, die PR-Frau, vögelten alle zwei Wochen miteinander ... Sie hatten ein Arrangement.»

Die Legende goes Pop

Whitehead spinnt um den selbst ernannten «Spesenritter» J. eine bösartig genau beobachtete Mediensatire. Die wird zum Hintergrund für eine Geschichte, die einen Bogen vom Anfang der Industrialisierung bis zum Beginn des Digitalzeitalters schlägt. Fast beiläufig und ganz unironisch stellt Whitehead dabei Fragen nach dem Sinn – wie wir arbeiten, lieben, leben, ob ein Sieg eine Niederlage sein kann und umgekehrt.

Er schickt J. auf die Spuren John Henrys, einer mythischen amerikanischen Figur, die es vielleicht nie gab. John Henry soll ein befreiter Sklave gewesen sein, der 1872 als Eisenbahntunnelbauer in einen Wettkampf mit einer Dampfbohrmaschine trat, sie besiegte und dann tot umfiel. Wenn es ihn nie gegeben haben sollte, dann haben ihn die 130 Jahre danach lebendig gemacht – in unzähligen Arbeiterliedern, in Broadway-Shows, in Balladen, gesungen von Johnny Cash, in Cartoons und schliesslich als Briefmarke, die tatsächlich auf dem John-Henry-Days-Festival im Juli 1996 herauskam. Die Legende goes Pop.

Whitehead verweilt in verschiedenen Zeiten, erzählt Geschichten um historische und fiktive Figuren, die alle auf ihre eigene Weise Facetten des Mythos zeigen. Da ist Jacob, ein Einwanderer aus Litauen, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Balladenschreiber Jake sein Glück in der neu entstehenden Musikindustrie sucht. Da ist der schwarze Broadway-Star Paul Robeson, der in den vierziger Jahren tatsächlich als John Henry in einem schlechten Musical auftrat. Als Schüler spielte er den Othello, um Geld für eine Klassenfahrt zu sammeln. Mitfahren konnte er nicht, «weil das Hotel es nicht zuliess, dass Schwarze mit der Bettwäsche in Berührung kamen». Da ist der John-Henry-Andenken-Sammler aus New York, der zum Leidwesen seiner Tochter Pamela das Zuhause in ein Museum verwandelt, das niemals von jemandem besucht wird.

Durchs Brennglas beobachtet

Whitehead erzählt diese Passagen ruhig und schafft immer wieder beeindruckende Szenen: «Der erste Schlag zertrümmerte dem Jungen die Hälfte der Knochen in seiner Hand, der zweite zertrümmerte den Rest. Er konnte unmöglich verhindern, dass sein Hammer ein zweites Mal herabsauste.» Die Mediensatire folgt dagegen über weite Strecken einem Stakkato. Das fängt Tempo und Kurzlebigkeit gut ein; aber manchmal rutscht in die atemlosen Betrachtungen so etwas: «Der Architekt der hinreissend Zauberhaften liess an diesem Abend jegliches Gefühl für das Perpendikulare vermissen und verlegte sich auf Iglus.» Den Architekten hätte niemand vermisst.

Whiteheads Blick ist oft sezierend. Er rückt seinen Figuren zwar ganz nah, aber er scheint sie eher durchs Brennglas zu beobachten, als dass er in ihre Gefühle eintaucht. Eine Spur distanziert eben. «Na, vielleicht sollte ich mit meinem Psychiater mal über mein Intimitätsproblem reden», kommentiert er mit seinem typischen Sarkasmus.

Als er für sein Buch zu recherchieren begann, arbeitete er bei einer Webfirma. «In den Anfängen der Eisenbahn hiess es, sie würde das Land revolutionieren, Informationen und Waren befördern – das war genau das, was auch über das Web gesagt wurde», erzählt er. Und ähnlich wie zu John Henrys Zeit die Arbeit des Bohrhauers ausstarb, weil sich die Dampfbohrmaschine nicht dauerhaft aufhalten liess, wird Pamela heute in einer Internetfirma überflüssig, weil ein neues Programm schneller arbeitet.

«Ich bin mit der Hysterie der siebziger und achtziger Jahre gross geworden, als die Angst vor dem Aufstieg der Maschinen in der Popkultur und im echten Leben um sich griff», sagt Whitehead, der schon in seinem ersten Roman «Die Fahrstuhlinspektorin» das Verhältnis von Mensch und Maschine untersucht hat. Auf John Henry ist er in der Schule gestossen, in einem Cartoon. «Heute würden Kinder den Film wahrscheinlich ziemlich schmalzig finden», sagt er, «aber für mich war er der erste schwarze Superheld.» John Henry, Muhammad Ali und ... – die siebziger Jahre boten wenig schwarze Identifikationsfiguren. Wie viel seitdem passiert ist, zeigt, dass der Rapper 50 Cents gerade seinen eigenen Cartoon bekommt.

Rassismus als Thema

Dennoch ist Rassismus längst nicht aus dem US-amerikanischen Alltag verschwunden. Nur spricht heute kaum einer der jüngeren Generation davon. Es klingt zu sehr nach Bürgerrechtsbewegung, nach gestern, nach überholt. Trotzdem macht Whitehead Hautfarbe und Rassismus zu einem der zentralen Themen seines Buchs: «Das ist die Linse, durch die ich die Welt sehe.»

Dass es auch die Linse ist, durch die ihn die Welt sieht, wird in den Reaktionen auf sein Buch deutlich. Der «Raleigh News Observer» erklärte ihn zur «grossen schwarzen Hoffnung der Literatur». Der Schriftsteller John Updike nannte ihn im Intellektuellenblatt «The New Yorker» den «jungen afroamerikanischen Schriftsteller, den man im Auge behalten muss». Whiteheads Stimme schaltet auf Spott: «Oh, Schriftsteller aus Indien sind gaaanz gross dieses Jahr. Wenn du auf exotische Sachen stehst, solltest du da unbedingt mal was lesen.» Schulterzuckend sagt er: «Der Diskurs lässt sich nicht ändern.»

Sein Job sei es, Themen zu nehmen und sie neu zu betrachten. «Du kannst heute nicht mehr über Rasse schreiben wie Ralph Ellison und James Baldwin», sagt er. Dass er dabei nie missionierend wird, liegt an einem geschickten Kunstgriff: Der Rassismus, dem J. an diesem Wochenende in Talcott ausgesetzt ist, findet ausschliesslich in seinem Kopf statt. Als der Taxifahrer arglos vorschlägt, eine Abkürzung zu nehmen, malt J. sich aus, wie ihn Hinterwäldler in einem Ritual ermorden. «Ich übertreibe da meine eigene Paranoia, die ist aber nicht ganz unbegründet», sagt er. Im Süden würde Whitehead selbst lieber auf den grossen Strassen bleiben.

Zum Genie erklärt

Seine Frau Natasha ist weiss. Darauf hat auch nach seiner Karriere niemand überrascht reagiert. «Vor uns liegt zwar noch ein langer Weg, aber es ist doch nicht mehr Memphis in den Fünfzigern», sagt er. Die Debatten daheim sind andere – seine Frau ist Vegetarierin, weil sie Fabriktierhaltung ablehnt. «Meine Fleischfressergelüste und ihre eher vegetarischen Instinkte geben durchaus Anlass zu Diskussionen», sagt er lachend.

Auch nach dem Stipendium, das ihm fünf Jahre lang 100000 Dollar bringt, putzen die beiden zu Hause noch allein. Obwohl jetzt mehr zu putzen ist – sie haben ein Haus gekauft. Wie fühlt es sich an, offiziell zum Genie erklärt worden zu sein? «Es ist schön, sich keine Gedanken mehr um die Stromrechnung machen zu müssen», feixt er. Er war erstaunt, geht jetzt aber ganz selbstbewusst damit um: «Ich stehe hinter meiner Arbeit und sehe den Preis als Ermutigung, weiter gute Arbeit zu leisten.»

Das Stipendium hat ihm ermöglicht, neue Sachen auszuprobieren. Er hat Literatur unterrichtet. Im Süden, in Houston, Texas. Seine Bedingung für den Job: ein Flugticket nach New York – jedes Wochenende. Warum, erklärt der erste Satz seiner kürzlich erschienenen Essaysammlung «Der Koloss von New York»: «Ich bin hier, weil ich hier geboren wurde und somit für jeden anderen Ort ruiniert bin.» Das Haus ist gross genug für Kinder, er hat ein Theaterstück in der Mache und einen neuen Roman. Worum es geht? Whitehead grinst: «Um Heftpflaster.» Ob Stützstrümpfe auch eine Rolle spielen, hat er nicht verraten.

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