Eine Parodie auf sich selbst

Sein neuer Roman «Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana» soll autobiografisch sein. Gelehrt und witzig, wie alle seine Schmöker, ist er auf jeden Fall.

Von Marcel Hänggi

Bescheidenheit ist nicht sein hervorragender Zug. Er sei gerade damit beschäftigt, den idealen postmodernen Roman zu schreiben, sagte Semiotikprofessor Umberto Eco seinen StudentInnen während der Arbeit an seinem belletristischen Erstling «Der Name der Rose». Es hätte sein einziger Roman werden sollen – einfach um zu sehen, ob er so was könne. Dann schrieb Eco doch einen zweiten («Das Foucault’sche Pendel»), weil er sich zeigen wollte, dass der erste Erfolg kein Zufallstreffer gewesen war. Ab dem dritten war es Sucht.

So hat denn der Sprachphilosoph, Literaturtheoretiker, Kunsthistoriker, Kolumnist einmal mehr getan, was er nicht lassen kann: Er spielt mit seinem enormen Wissen, ergeht sich in Zitaten, Anspielungen, Assoziationen. Yambo, Held in Ecos fünftem Roman, hat bei einem Unfall alle Erinnerungen an Erlebnisse verloren (aber die gute Laune und eine grosse Portion Selbstironie behalten). Er weiss nicht mehr, wer er ist; geblieben ist ihm einzig, was er erlernt und erlesen hat. Er spricht mit seinem Arzt in Klassikerzitaten wie ein bildungsbürgerlicher Prahlhans.

«Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana» sei autobiografisch, heisst es. Vielleicht. Auf jeden Fall hat Eco, von dem schon gesagt wurde, er wisse zu viel (Unsinn: Wer schreibt, kann gar nicht zu viel wissen), in Yambo eine Parodie auf sich selbst geschaffen. Ein «logorrhöischer Mystiker», wie Yambo sich selbst einmal nennt, der seine Dissertation über Hypnerotomachia Poliphili verfasst hat (wer immer jedes Wort verstehen will, das er liest, ist in Ecos Büchern noch nie weit gekommen).

Yambo macht sich auf seine Suche nach der verlorenen Zeit in einem piemontesischen Landhaus, in dem er seine Kindheit vor und während des Kriegs verbracht hat. Er rekonstruiert eine Welt aus faschistischen Schulbüchern, «italianisierten» US-amerikanischen Comics, katholischen Traktaten wider die Onanie und Klassikern der populären Literatur von Flash Gordon über die drei Musketiere zu Sherlock Holmes (der schon dem «Namen der Rose» Pate gestanden hat). Das Proust’sche Madeleine aber findet Yambo nicht einmal beim lustvollen Schiss im Weinberg.

«Idealer postmoderner Roman»: Das hatte damals vor allem geheissen, die Grenzen zwischen Trivialem und hoher Kunst niederzureissen. Schon als junger Akademiker hat Eco Ikonen der Massenkultur – Filme, Comics, Schlager – analysiert. Weil aber linke Kulturkritik elitär war (ist?), musste Eco als linker Kulturkritiker seine Liebe zur Massenkultur mit pejorativen Wertungen relativieren. Doch er liess sich die Liebe nicht nehmen und hat aus ihr gelernt. Es existiert ein früher Aufsatz Ecos über die James-Bond-Romane, in dem man lediglich die Namen auszuwechseln braucht, um eine fast perfekt passende Analyse von «Der Name der Rose» zu erhalten. Die Rahmenhandlung dieses ersten Romans begann übrigens mit dem Johannes-Evangelium, die eigentliche Geschichte mit einem Snoopy-Zitat: Hier wurde ein Territorium abgesteckt.

Das Territorium ist nach wie vor seines. Diesmal ist es abgesteckt durch Shakespeare in der Folioausgabe von 1623, der Yambo (zweifelhafte) Erlösung bringt, und einen Comic andererseits, dessen Titel der Ironiker Eco zum Romantitel gemacht hat – in Yambos Worten «die fadeste, dümmste Geschichte, die je ein menschliches Hirn sich hatte ausdenken können». In der spannendsten Episode – Sekundarschüler Yambo führt in Nacht und Nebel eine militärische Operation gegen die Nazi an – lässt der Autor erkennen, dass er durch die Dramaturgieschule der Abenteuerschriftsteller gegangen ist.

Wie das Buch endet? Grenzenlos kitschig, selbstverständlich. Schliesslich hat Eco schon vor dreissig Jahren, in einem Aufsatz über den Film «Casablanca», erkannt: «Wenn alle Archetypen schamlos hereinbrechen, erreicht man homerische Tiefen. Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend. Denn irgendwie geht einem plötzlich auf, dass die Klischees miteinander sprechen und ein Fest des Wiedersehens feiern.»