Nr. 48/2006 vom 30.11.2006

Leben so Unternehmer?

Warum wir alle BäuerInnen werden sollten.

Von Bettina Dyttrich

Avenir Suisse hat ein Buch veröffentlicht - und alle Medien berichten darüber. Sogar die WOZ. Natürlich liest niemand das Buch. Das ist auch nicht sein Zweck. Es ist vor allem dazu da, seriös und wissenschaftlich auszusehen mit seinen vielen Diagrammen. Aber doch nicht zu trocken. Darum gibt es darin acht Porträts von «Bauern im Aufbruch». Bezeichnend sind die Bilder zu diesen Porträts. Die Bauern, lauter Männer, stehen da vor ihren Höfen und Silos, zwischen Kühen und Wollschweinen: allein, unabhängig, Unternehmer eben. Ohne die Frauen, Kinder, Schwiegereltern, Zivildienstleistenden, Praktikanten aus Polen und Haushaltshilfen aus Rumänien, ohne die die Landwirtschaft nie funktionieren würde. Die Porträts sind von Al Imfeld - schade, dass einer, der immer intelligent und differenziert über Bäuer-Innen geschrieben hat, jetzt an ihrer Abschaffung mitarbeitet. Denn darum geht es der Avenir Suisse in ihrem Buch «Der befreite Bauer», sie sagt es nur etwas komplizierter: «Sowohl der Abbau des Grenzschutzes als auch die Reduktion von flächenbezogenen allgemeinen Direktzahlungen ist vor allem für die Produzenten von pflanzlichen Massenprodukten eine nur im Ausnahmefall zu bewältigende Herausforderung.»

Überleben werden im Avenir-Suisse-Plan einige «Unternehmer» - Dienstleistungsbauern, die eine Idylle an TouristInnen vermarkten, und hoch spezialisierte Grossproduzenten, die Fleisch und Käse exportieren: «Die wichtigsten Wachstumsmärkte für höherwertige Nahrungsmittel sind heute die grossen und rasch wachsenden Schwellenländer.» Wir liefern also Delikatessen an die indische Oberschicht, während die hungernden indischen BäuerInnen unsere Grundnahrungsmittel anbauen - Letzteres passiert zum Teil heute schon. Aber woher das Essen kommt, das der «befreite Bauer» in der Schweiz nicht mehr produziert, interessiert Avenir Suisse nicht. Der Thinktank von Nestlé, Novartis, Swiss Re und elf weiteren Schweizer Multis geht davon aus, «dass in der Regel den Marktkräften ein möglichst weiter Spielraum eingeräumt werden sollte». Die Landwirtschaft, die die Grundlagen aller menschlichen Aktivität liefert, ist einfach eine defizitäre Branche wie irgendeine andere. So wird sie - völlig absurd - mit dem Gastgewerbe verglichen; dort habe die «schöpferische Zerstörung», sprich Liberalisierung der Gesetzgebung, auch eine Belebung gebracht.

Aber eben, keinE JournalistIn hat den «Befreiten Bauern» gelesen. Es gibt ja zum Glück die pressefreundliche Kurzmitteilung mit den wichtigsten drei Forderungen: Abbau von Marktstützungen und Grenzschutz, Aufhebung der allgemeinen Direktzahlungen, Aufhebung des bäuerlichen Pacht- und Bodenrechts - freier Markt auch in der Landwirtschaft. Das Timing von Avenir Suisse ist gut: Im Dezember debattiert der Ständerat über die Landwirtschaft, im Frühling dann der Nationalrat. Natürlich werden die meisten die Vorschläge als zu radikal ablehnen - aber etwas davon wird dennoch hängen bleiben. Die übliche Taktik des Thinktanks; bei der Berggebietspolitik hatte sie Erfolg.

In der Ratsdebatte geht es um die Agrarpolitik 2011 - die Vorlage wird unter anderem von der BäuerInnengewerkschaft Uniterre und vom Ökonomen Hans Christoph Binswanger scharf kritisiert (siehe WOZ Nr. 44/06). Die AP 2011 hat gute Elemente, etwa die Abschaffung der Exportsubventionen, die entwicklungspolitische Organisationen schon lange fordern (vgl. Seite 4), und die Weiterführung der Direktzahlungen. Gleichzeitig soll aber die Hälfte der heute noch 65000 Höfe verschwinden, die übrigen sollen grösser, exportorientierter, «wettbewerbsfähiger» werden. Eine globale Tendenz. Die Landwirtschaft wi rd erdölabhängiger, unsinnige Transporte nehmen zu, immer mehr Arbeit wird von LandarbeiterInnen unter prekären Bedingungen geleistet. Diese Hilfskräfte, deren Zahl niemand kennt - viele sind illegal in Europa -, kommen in der Botschaft zur AP 2011 nicht einmal vor.

Wohin soll die Schweizer Landwirtschaftspolitik? Sicher nicht zurück zur subventionierten Überproduktion. Bis in die neunziger Jahre waren die Produktpreise garantiert, die BäuerInnen wirtschafteten hochintensiv - zulasten der Umwelt und der armen Länder. Aber es gibt auch andere Wege. Einer, den KleinbäuerInnen auf der ganzen Welt propagieren, ist die Ernährungssouveränität: Jedes Land soll die Möglichkeit haben, seine Grundnahrungsmittel selber anzubauen und mit Zöllen vor Dumpingimporten zu schützen. «In der Landwirtschaft ist der Graben zwischen Nord und Süd gar nicht so gross, wie viele denken», sagt Marianne Hochuli von der Erklärung von Bern.

Und wir brauchen nicht einige wenige Grossbauern, im Gegenteil: An der Landwirtschaft sollten so viele Menschen beteiligt sein wie möglich. Die ProduzentInnen-KonsumentInnen-Ge-meinschaften, wie es sie etwa in Genf gibt, haben ein grosses Potenzial. Menschen, die einen Bezug zu ihren Ernährungsgrundlagen bekommen, können unheimlich viel lernen: über Ökologie, Organisationsformen, fairen und unfairen Handel, letztlich die Abhängigkeit der Menschen von der Erde - die, so banal sie auch ist, viele heute vergessen haben. Das Ziel wäre eine regionale Versorgung, ergänzt durch Importe aus fairem Handel. Die AP 2011 geht nicht in diese Richtung.

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