Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Mythen, Ufos und Sterne

Mehr EinwohnerInnen oder nur mehr Luxushotels? Davos will sich weiterentwickeln, scheint aber noch nicht wirklich zu wissen, wohin.

Von Sina Bühler

Davos – die höchstgelegene Stadt Europas. Als «Top of the World» ist zwar St. Moritz bekannt, aber daran kann Davos ja noch arbeiten. Schliesslich hat man dort schon länger Erfahrung mit dem Basteln von Mythen. So wurde der weltweit erste Bügelskilift 1934 am Davoser Bolgen gebaut, die SkifahrerInnen zwängten ihre Hinterteile damals in J-förmige Holzhaken. Die Weiterentwicklung in Form eines umgedrehten T, die eine Verdoppelung der Kapazität bedeutete und Sie-und-er-Bügel genannt wurde, hat ebenfalls ein Davoser erfunden. Aus Davos kommt der erste Skiweltmeister, Walter Prager. Dann hat Davos die grösste Natureisbahn Europas. Der HC Davos, der längst in einer Halle spielt, ist mit 27 Titeln Schweizer Rekordmeister. Und schliesslich die Davoser Pionierleistung in Sachen Gesundheit: Als der deutsche Arzt Alexander Spengler (nach dem heute noch der Spengler-Cup benannt ist) entdeckte, dass das gesunde, staubmilbenarme Klima von Davos heilsam für Lungenkrankheiten ist, wurde Davos bei ÄrztInnen bekannt. Spengler eröffnete 1863 die erste Höhenklinik, die Spengler-Holsboer. Die Freiluftliegekur, bei der die Kranken den ganzen Tag auf Bettchen in der Sonne lagen, wurde zur Standardtherapie gegen Tuberkulose und Davos zum Luftkurort, der mit dem morbiden Werbespruch «Davos, das neue Mekka der Schwindsüchtigen» die Kranken zu Berge lockte. Ein Sanatorium nach dem anderen wurde in den folgenden Jahren gebaut. Verschiedene Schweizer Kantone oder gar Länder Europas bauten ihre eigenen Kliniken, und zwar in einem besonderen Stil; dem Flachdachstil, der vom selbst an Tuberkulose erkrankten Architekten Rudolf Gaberel entwickelt wurde. Möglichst viel Licht und Luft sollte bis zu den Kranken gelangen und möglichst wenige Dachlawinen die Gesünderen beim Promenieren behindern. Fast fünfzig Jahre lang plante und baute der Berner Gaberel in Davos. Die Flachdächer gehören heute zum Markenzeichen des Ortes und sind bei Neubauten Gesetz.

Der Sanatorien Erfolgsgeschichte ist kürzer: Als um 1950 das Penizillin aufkam, verloren die jahrelangen Sanatoriumskuren an Bedeutung, und Davos musste sich nun stärker als Wintersportort vermarkten. Heute sind von ehemals 24 Sanatorien nur noch die Hochgebirgsklinik, das Niederländische Asthmazentrum und die Alpine Kinderklinik (die sich, um zu überleben, zusammenschlossen) sowie die Zürcher Höhenklinik in Betrieb. Die meisten stillgelegten Sanatorien wurden nach und nach in Hotels umgewandelt. Oder sollen es noch werden, am liebsten fünfsternig, am liebsten modern und am liebsten ganz hurtig.

Ein Raumschiff

Ein Beispiel ist die Basler Höhenklinik. Der Davoser Architekturstudent Jürg Grassl hat früher ein Zimmer im alten Sanatorium in Davos Dorf gemietet. Die Fensterscheiben sind jetzt eingeschlagen, über der obersten Fensterreihe steht «World Economic Farce». Vor der Abbiegung zur Baslerstrasse passiert man ein handgezimmertes Wachtürmchen, das sekundiert wird, von einer gelben Containerburg und von – mittlerweile typisch Landwassertal – Stacheldraht umgeben ist: Der Heliport fürs Wef im Innern dieser Festung ist bereits in Betrieb. Und die Soldaten sind bereits im Einsatz. «Fotografiert wird hier im Fall nichts», die Bilder sollen dann auf dem Heimweg gelöscht werden, «und die Identitätskarten, bitte». Jürg Grassl zeigt sie sofort. Wer wie er mit seinen blonden Rastalocken während des Wef alle hundert Meter kontrolliert wird, hat jeden Widerstand gegen diese Massnahme aufgegeben.

Doch zurück zur Basler Höhenklinik, die 1985 geschlossen wurde. Zwischendurch war das Hotel ein Durchgangszentrum für AsylbewerberInnen. Dann kam eine Rehabilitationsklinik für Drogenabhängige, und zuletzt wurden die Patient-Innenzimmer als Wohnungen genutzt, die grösseren Räume als Ateliers – alles ziemlich günstig «und damit ziemlich unüblich für Davos», sagt Grassl. Dann wurden die Umbaupläne konkret, und im März 2005 mussten die MieterInnen ausziehen. Die Stilli-Park AG kaufte die Immobilie und legte ein Projekt für ein Fünfsterne-Wellness- und -Kongresshotel vor. Das Sanatorium soll abgerissen werden, 5662 Quadratmeter Wald werden gerodet, und für 165 Millionen Franken will der Mailänder Architekt Matteo Thun dort ein zwölfgeschossiges, eiförmiges Hotel der Intercontinental-Kette hinstellen. Obwohl der Heimatschutz gegen das geplante «Ufo» Sturm lief, stimmten die DavoserInnen Ende November dem Sondernutzungsplan zu. Für Jürg Grassl ist es ein fadenscheiniges Projekt von einem selbst ernannten Stararchitekten, der bis heute eher als Designer bekannt ist.

Aber Davos sagt eben gerne Ja. Und zwar schnell. Das ehemalige Alexanderhaus beispielsweise bekam vor wenigen Tagen die Ausnahmebewilligung, sich ab sofort als «Grand Hotel Alexander» anzubieten und sogleich beim Werben um die Wef-Gäste mitzumachen. Das Hotel Derby an der Promenade schliesst in wenigen Tagen und soll, sobald InvestorInnen auftauchen, ebenfalls in ein Fünfsternehaus umgebaut werden. Auf InvestorInnen wartet auch noch die Schatzalp. Die Bewilligung für den über hundert Meter grossen Turm der Basler Architekten Herzog und de Meuron hoch über Davos wurde bereits erteilt. Der Verkauf von Zweitwohnungen im neuen Gebäude soll die dringend notwendige Renovierung des alten Hotels daneben finanzieren. Wenn denn jemand den Turm finanzieren wird. Im Gegentrend zu den luxuriösen Grossumbauprojekten ist einzig das ehemalige Sanatorium Albula übrig geblieben, das vor vier Jahren als Jugendherberge oder vielleicht doch nicht so gegentrendig als «Youthpalace» wiedereröffnet wurde.

In welche Richtung entwickelt sich Davos? Für Jürg Grassl ist das ziemlich wirr. «Mir scheint, als ob das nicht sehr klar angegangen wird», sagt er. Und doch deute vieles darauf hin, dass der Schwerpunkt in Sachen Tourismus auf die Wef-Klientel gelegt werde. Die Fünfsterneluxushotels seien nur ein Zeichen davon. «Und dass das Ausbleiben des einzigen Events untragbare Umsatzeinbussen für diese Betriebe bedeutet, hat sich ja 2002 gezeigt, als das Wef nach New York abwanderte. «Das Wef ist ja nicht an Davos gebunden», sagt Grassl.

Auch der uneingeschränkte Bau von Zweitwohnungen ist Jürg Grassl ein Gräuel. Mitten im Winter stehen noch an die zehn Baukräne im Dorf: «Ein Zeichen, dass grad jeder freie Fleck zugeklotzt wird.» Und die Rollläden sind an fast jedem Block unten.

Neues Leitbild

Laut Rolf Marugg, dem einzigen Landrat der Grünen in Davos, weiss die Stadt zwar, wie sie sich entwickeln möchte, aber kaum, wie das funktionieren soll. «Im Herbst hat das Parlament ein neues Leitbild verabschiedet», sagt Marugg. Darin wird festgehalten, dass die Gemeinde im Ortskern städtischer werden wolle und eine Erhöhung der Einwohnerzahl anstrebe. Wie das? «Ein frommer Wunsch», glaubt Marugg, denn mit den hohen Mieten und Liegenschaftskosten würden kaum NeuzuzügerInnen angelockt.

Die rasende Entwicklung hin zu teuren Luxushotels beobachtet auch Marugg. Er glaubt allerdings nicht unbedingt, dass das nur mit dem Wef zusammenhängt. «Einige Hoteliers und Politiker eifern vielmehr dem Luxusskiort St. Moritz nach.» Aber auch das sei ziemlich lachhaft.

Wenn Rolf Marugg allein entscheiden könnte, würde er vielmehr in die Kultur, in die Bildung und in die Forschung investieren. Davos ist nämlich auch «Wissensstadt». Das Weltstrahlungszentrum, das Institut für Allergie- und Asthmaforschung, das AO Forschungsinstitut (für chirurgische Knochenforschung) und das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) haben ihren Standort hier. «Aber das reicht wohl nicht», sagt Marugg. Das SLF jedenfalls habe in den letzten Jahren einige Stellen abgebaut.

Immerhin finden über das Jahr verteilt einige Forschungskongresse in Davos statt, das Kongresszentrum allerdings hat fast nur für das Wef wirklich Bedeutung.

1969 wurde das Kongresszentrum gebaut, in den drei miteinander verbundenen Häusern haben 2500 Menschen Platz. Das reicht schon längst nicht mehr für den wichtigsten Anlass der Stadt, das Wef. Vor zwei Monaten appellierte der Davoser Tourismusdirektor Armin Egger wieder einmal eindringlich, die Erweiterung endlich anzugehen, die KongressveranstalterInnen würden sonst abwandern. Neunzehn Millionen Franken hat die Gemeinde in den letzten Jahren ins Kongresszentrum gesteckt, und obwohl Landammann Hans-Peter Michel im letzten Frühling noch verkündete: «So wird es auch bleiben, denn wenn wir nicht ganz vorne dabei sind, werden wir nach hinten gedrängt», sehen die Touristikfachleute Handlungsbedarf. Im September 2006 war nämlich ein 700 000-Franken-Planungskredit vom Parlament um die Hälfte gekürzt worden. Einer der wichtigsten Gründe allerdings, warum die seit Jahren geplante Erweiterung auf sich warten lässt, gilt mittlerweile kaum noch. In einer Studie, die 2002 publiziert wurde, rieten die VerfasserInnen nämlich von einer Erweiterung ab: Solange eine Verfügbarkeit von Hotelbetten «auf gehobenem Niveau» nicht sichergestellt werden könne, sei das Projekt «nicht realisierbar».

Der Skiort serbelt

Und wie gehts dem Skiort Davos? Dem geht es weniger gut. In den meisten Gegenden sind die Skigebiete miteinander verbunden, und die FahrerInnen können sich bequem von Berg zu Berg tragen lassen. Die Bergbahnen in Davos und Klosters hingegen haben erst vor drei Jahren fusioniert – das heisst als Aktiengesellschaft und nicht physisch. Die Gäste müssen heute noch aus den Bindungen steigen, um vom Jakobshorn nach Parsenn zu kommen. Doch auch der Zusammenschluss löste die Finanzprobleme nicht: An der Generalversammlung im letzen November sprach der Verwaltungsratspräsident von «100000 fehlenden Tagesgästen». Das Gebiet Pischa schreibt seit Jahren nur rote Zahlen, genauso wie das Rinerhorn, das sich nur dank der Schlittelbahn über Wasser halten kann. Die Anlagen sind veraltet. Die Nachfrage der SchneesportlerInnen nach Freeride-Gebieten könnte nun zumindest Pischa retten. Auf diese Saison hin hat die Davos Klosters Bergbahnen AG beschlossen, das Gebiet zu markieren und zu sichern, die Pisten allerdings nicht mehr zu präparieren. Falls das nicht klappt, ist auf der Pischa Schluss. In das Rinerhorn hingegen, das entlegenste Gebiet der Gemeinde in Davos Glaris, wollen die Bergbahnen investieren: Eine Seilbahn für zwanzig Millionen Franken soll in zwei Jahren das Gebiet «bequem in fünfeinhalb Minuten Fahrzeit» mit dem Jakobshorn verbinden. Die DavoserInnen sagen wahrscheinlich ganz schnell Ja.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch