Nr. 41/2007 vom 11.10.2007

Von Nazis, Bigamisten und einem anderen Kapitalismus

Der Wirtschaftsjournalist und WOZ-Autor Gian Trepp hat eine Monografie über den Verlagskonzern aus Gütersloh verfasst. Bitte lesen.

Von Oliver Fahrni

Eine nette Ambiance muss am Familientisch der Mohns geherrscht haben, nach Dankgebet und Lobpreisung des Herrn, tief in der deutschen Provinz, wo Heinrich Mohn zu Gütersloh den renommierten evangelisch-theologischen Verlag C. Bertelsmann führte. «Ich wollte, du wärest nie geboren», schleuderte Mutter Agnes ihrer Tochter Ursula entgegen. Dabei hatte Ursula nur getan, was der Vater den jungen Frauen des Reichs in Büchern und Groschenheftchen mit Millionenauflage einhämmerte: Sie trat der NSDAP bei und wurde vollamtliche Spielscharführerin beim «Bund Deutscher Mädel».

Eher opportunistischer Rechner denn Nazi, hatte sich Heinrich Mohn nach Hitlers Machtergreifung 1933 sofort gleichgeschaltet. Sohn Reinhard, um den sich unsere Geschichte dreht, fünftes Kind der Familie, litt unter der Bigotterie zuhause. Er ging zur Hitlerjugend, später ins NS-Fliegercorps. Die Fliegerbücher, die der Vater verlegte, liessen die Kasse klingeln, seine Spenden an die Flieger förderten die Karriere des Sprösslings.

Was treibt einen listigen Autor wie Gian Trepp – den wir von seinen erhellenden Analysen zum Schweizer Finanzkapital kennen – dazu, uns in seinem Buch «Bertelsmann. Eine deutsche Geschichte» die Familiensaga der Mohns und des Bertelsmann-Verlags zu erzählen? Und warum jetzt?

Die Geschichtsfälscher

Vielleicht, weil es sicher nicht falsch ist, das Werden eines der weltgrössten Medienkonzerne zum ersten Mal in einer Gesamtschau darzulegen. Reinhard Mohn, der Pimpf von damals, der nach dem Krieg ein ausgebombtes mittelständisches Unternehmen übernahm, gebietet heute über fast 100 000 MitarbeiterInnen und neunzehn Milliarden Euro Umsatz, über den Verlag Gruner und Jahr («Stern» und rund 300 weitere Titel), über die grösste europäische TV- und Rundfunkveranstalterin RTL, über den grössten Buchkonzern der Welt, Random House, über Sony BMG Music Entertainment, über die politisch einflussreiche Bertelsmann-Stiftung ... und einiges mehr. (Nachtrag Oktober 2013: Reinard Mohn verstarb am 3. Oktober 2009.)

Vielleicht aber hat Trepp diesen epischen, akribisch recherchierten Wirtschaftskrimi geschrieben, weil Mohn die nationalsozialistische Episode der Familie bis vor wenigen Jahren kaschierte, wie etwa in der Firmenchronik «150 Jahre Bertelsmann 1835–1985». Trepp: «Geschichtsfälschungen zu betreiben wie in dieser Chronik, wagten nur wenige. Die Festschrift kolportierte die im Mai 1945 in die Welt gesetzte Legende vom evangelischen Widerstandsverlag, der von den Nazis aus politischen Gründen schikaniert und 1944 geschlossen wurde (...). Die Widerstandslegende haben die Bertelsmänner bis Ende 1998 aktiv verbreitet.» Da waren ihnen Trepp und einige Historiker schon auf der Spur. Mohn sah sich gezwungen, eine unabhängige historische Kommission unter Saul Friedländer einzusetzen. Seit deren Bericht, 2002 natürlich bei Bertelsmann herausgegeben, liegen die Fakten offen.

Gute Gründe, sich des Konzerns anzunehmen. Gütersloh hat dem Buch denn auch einige Steine in den Weg gelegt. Lesend entdecken wir aber, dass ein triftigeres Motiv den Autor leitete. Im letzten Satz notiert Trepp: «Möglicherweise ist der organisierte Interessenausgleich von Arbeit, Führung und Kapital ein geeignetes Modell, wenn nicht der Zweck des Geldverdienens die Mittel heiligen soll.»

Mit skeptischem Blick, doch fasziniert erkennt Trepp, wie der Patriarch ein eigenes Unternehmensmodell, seine «Unternehmenskultur», zum Motor des Aufstiegs im und gegen den neoliberalen Kapitalismus gemacht hat. Die Kontrolle der Familie über das Kapital befestigen auch die Berlusconis oder Murdochs. Mohn aber hat seinen Konzern nie an die Börse gebracht. In seiner Wirtschaftswelt musste der Faktor Kapital immer relativiert bleiben. Im Vordergrund stand die «betriebliche Partnerschaft»: Bertelsmann sei ein nach Wachstum und Kontinuität strebendes internationales Medienunternehmen, mit den vier Grundwerten Partnerschaft, Unternehmergeist, Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung. Die Arbeitskräfte sollen gerechte Arbeitsbedingungen, Aufstiegschancen und Gewinnbeteiligung bekommen. Die Führungskräfte dezentrale Entscheidungsgewalt und individuelle Erfolgsbeteiligung (jeder Manager ein Entrepreneur). Die Gesellschafter schliesslich eine risikogerechte Verzinsung des Kapitals. Im Finanzkapitalismus geht es um eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite, bei Bertelsmann soll ein ganzes Bündel von Werten das nachhaltige, sozialverträgliche Wachstum des Unternehmens steuern.

Wohltönende Firmenkonzepte haben Konjunktur, Ethik-Codices gibt es zuhauf (was nur die steigende Brutalität kapitalistischer Sitten spiegelt). Auch Bertelsmann hält sich nicht immer an die eigenen Regeln, meint Trepp. Doch er zeigt, wie Mohn seit sechs Jahrzehnten mit hoher Energie und manchmal harter Hand sein Modell kultiviert. Wie er etwa unter grossem finanziellem Einsatz die Börsianer fernhält. Wie er die Bertelsmann-Stiftung und ihre 300 WissenschaftlerInnen antreibt, der Reformmotor der Republik zu sein – und tatsächlich spricht man auf kritischen Internetsites schon von der «Schattenregierung in Gütersloh».

«Reinhard Mohn ortet das Energiezentrum seines Unternehmens in der leistungsbasierten, betrieblichen Partnerschaft von Arbeit, Management und Kapital», führt Trepp aus. «Er hat sie selbst einmal als Mischung von Kooperationsbereitschaft, Humanität, Einsatzbereitschaft und Selbstverwirklichung beschrieben.» Das Prinzip Wettbewerb sei der Treiber, das Prinzip Gemeinschaft der Träger, das Prinzip Sozialvertrag der Vermittler, schreibt Trepp.

Erfolg an der Börse vorbei

Neokorporatismus statt Neoliberalismus. Einige seiner Spitzenmanager haben Mohn dafür verhöhnt, das Kapital hat versucht, sein Modell zu knacken. Thomas Middelhoff etwa, 1998 zum Vorstandsvorsitzenden ernannt, betrieb gegen Mohn die Zentralisierung des Konzerns und seine Amerikanisierung, führte Bertelsmann in die New Economy (zuerst erfolgreich) und versuchte, die Börsenkapitalisierung zu erzwingen. Er war sich mit seinem Kumpel Jean-Marie Messier, CEO des Mediengiganten Vivendi einig, dass der Alte dem Kapital zweistellige Profite vorenthielt, Bertelsmann deshalb dem Tode geweiht sei. «Die Bertelsmann-Aktionäre», schrieb Messier und meinte die Mohn-Familie, «gefallen sich in der Rolle der Verteidiger des Rheinischen Kapitalismus und schwächen damit bloss ihr Unternehmen.» Es sei eine Frage der Zeit, bis Bertelsmann aus der ersten Liga falle. Mohn griff ein, schasste Middelhoff, wie er schon andere Spitzenleute gefeuert hatte. Mit goldenem Fallschirm. Im selben Jahr stürzte Messier tief. Vivendi wurde vom Finanzkapital zerschlagen, wie Time Warner und andere Medienweltkonzerne. Bertelsmann steht noch, stark wie lange nicht. Mohn baute die Zentralisierung zurück und betonierte die Kontrolle über das Kapital.

Es ist ein enormer Stoff, eine Epochenfreske, in der alles auftritt, intrigiert, haut und sticht, was in der europäischen Publizistik Rang und Namen hat(te). Episoden jagen sich. Die gefälschten Hitler-Tagebücher. Monumentale Übernahmeschlachten. Zusammenbrüche. Fusionen. Der glückliche Bigamist Reinhard Mohn, Padre Padrone und Liz, seine damalige Geliebte, die nun die Nachfolge sichert, als eine der mächtigsten Frauen des Kontinents. Wahn, Grosstaten und abrupter Fall des führenden Personals ... Gute Sachbücher greifen über ihren Gegenstand hinaus. Der Aufstieg des Hauses Bertelsmann war von Anfang an verzahnt mit dem Schicksal und den Katastrophen Deutschlands. Trepps Buch ist ein meisterliches Sittengemälde des Kapitals. Übrigens schreibt Trepp, was unserem Vergnügen zuträglich ist, eine klare, helle Sprache. Unter der Zurückhaltung im Urteil lodert ein Feuer.

Bei Mohn fügt sich das eine zum anderen. Wenn er das Kapital in der Bertelsmann-Stiftung konzentriert, stärkt er Konzept und Einfluss und erspart der Familie gleichzeitig Milliarden an Steuern. In der Stiftung sehen einige Bertelsmann-Kritiker die leitende Agentur zum neoliberalen Umbau Europas. Diese Behauptung hält Trepps Recherchen nicht stand. Vielmehr deckt er ein kapitalistisches Gegenmodell auf, das Zukunft haben könnte, wie Mohn hofft. In unzähligen Büchern und Schriften streitet er für die Betriebsgemeinschaft – deren Prinzipien er als Grundlage einer korporatistischen Gesellschaftsform sieht: «Das Ordnungssystem der Unternehmenskultur kann in allen Bereichen der Gesellschaft zur Anwendung gebracht werden.» Und: «Unsere Demokratie braucht Reformer, welche die Anliegen der Französischen Revolution ergänzen können durch die Ziele, die über den Erfolg im Wettbewerb entscheiden.»

Trepp urteilt nicht. Er bleibt skeptisch. Aber gibt zu spüren, dass es sich lohnen würde, diese Fortschreibung der sozialen Marktwirtschaft durch den «neokorporatistischen Wettbewerbskapitalismus» näher zu beschauen. Da schmeisst er, gleichsam en passant, einen dicken Stein in die Neoliberalismus-Debatte der Linken. Pflichtlektüre!

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