Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Kältere Schichten

Von Michael Saager

Sie haben genug vom Alltag, die AussteigerInnen, Unzufriedenen und Arbeitslosen, das Personal in Antje Ravic Strubels jüngstem Roman «Kältere Schichten der Luft». Deshalb nehmen sie teil an einem Kanucamp im schwedisch-norwegischen Grenzland. Ab jetzt betreuen sie Jugendgruppen. Die Idylle trügt. Die Enge dieses Mikrokosmos sorgt für Reibungen. Ich-Erzählerin Anja gehören die meisten Sympathien. Anja schaut genau hin, denkt viel nach und sucht nach Möglichkeiten. Vor nicht allzu langer Zeit hat sie im Osten Deutschlands als Theaterbeleuchterin gearbeitet, bis man sie vor die Tür setzte.

Anjas KollegInnen entpuppen sich als ignorante SpiesserInnen, die das «Andere» angreifen, weil es sich nicht selbstverständlich verstehen oder einverleiben lässt. Das «Andere» ist Anjas lesbische Beziehung zur elfenhaften Siri. Vielleicht ist es Ralfs beschädigte Persönlichkeit oder der Lagerkoller, der zur Verrohung beinahe aller beiträgt, gewiss jedoch ein narzisstisch gekränktes männliches Ego, das angesichts der Romanze zwischen Anja und Siri um seine Macht fürchtet - nach einer durchzechten Nacht versucht Ralf, Anja zu vergewaltigen.

Wichtiger als die Beschreibung dieser Begebenheit ist die Frage, inwieweit sich Grenzen überwinden lassen. Man muss nicht lange suchen nach Verweisen auf Judith Butlers Gendertheorie mit ihrer Kritik an der Differenz der Geschlechter und ihrem Infragestellen einer Festschreibung von Identitäten aufgrund biologischer Geschlechtlichkeit. Es ist befreiend zu lesen, wie sich Anja durch Siri von einer Frau Mitte dreissig in einen vierzehnjährigen Jungen verwandelt. Ein Jungenhemd dient ihr als rituelles Mittel zum Passieren des Übergangs. Schön, dass die Autorin die im Prozess spielerischer Verwandlung liegenden sinnlich-erotischen Momente nicht ausblendet.

«Kältere Schichten der Luft» handelt von vermeintlich sicheren Prinzipien des Zivilisatorischen, die im Verlauf der Handlung schmelzen wie Masken aus Wachs. Vor allem aber geht es um eine Liebe, die, wie Strubel in einem Interview gesagt hat, «Identität schafft, die körperliche Grenzen übersteigen kann».

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