Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

«Ganz egal, wer was glaubt»

Um die Sehnsucht nach Heimat, die alltäglichen Schikanen der palästinensischen Bevölkerung und eine allgegenwärtige Vergangenheit dreht sich der erste Spielfilm der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir. Eine Begegnung.

Von Silvia Süess

Seit sechzig Jahren liegt das Geld von Sorayas Grossvater eingefroren auf einem Konto, nun möchte es die junge Frau abholen. Doch so einfach ist das nicht. Ihr Grossvater lebte in Jaffa in Palästina, von wo er 1948 fliehen musste. Da es die Filiale in Jaffa nicht mehr gibt, weigert sich die Bank, Soraya das Geld auszuzahlen. Die energische Frau, die aus Brooklyn zum ersten Mal nach Palästina gereist ist, weiss sich zu helfen: Mithilfe von Emad und seinem Bruder Marwan überfällt sie die Filiale in Ramallah und verlangt das Geld, das ihr zusteht.

«Uns ging es bei den Dreharbeiten von ‹Salt of this Sea› ähnlich wie Soraya», erzählt die Regisseurin Annemarie Jacir im Gespräch mit der WOZ: «Wir versuchten, den Film legal zu drehen, bemühten uns um Drehbewilligungen in Israel, doch wir erhielten keine. So holten wir uns illegal, was wir wollten, und filmten, bis wir angehalten und verjagt wurden.»

Jacirs erster Langspielfilm entstand unter schwierigsten Bedingungen. Sie nennt es ein Wunder, dass er überhaupt zustande gekommen ist: «Da wir sowohl in der Westbank wie auch in Israel filmten, mussten wir dauernd Checkpoints überschreiten. Als Mitarbeitende eines palästinensischen Filmteams brauchten alle eine Erlaubnis, diese Grenzen zu überschreiten, doch niemand erhielt sie - warum, wissen wir nicht.» So musste die Filmemacherin nach den Aufnahmen in Ramallah ein neues Team für die Aufnahmen in Jerusalem bilden.

«Ein dummes Klischee»

Um die täglichen Schikanen, wie sie das Filmteam zu spüren bekam, geht es auch in Jacirs Film. «Mich interessieren nicht die militärische Gewalt, die Panzer, die Armee, sondern der Alltag der palästinensischen Bevölkerung, der voller Schikanen und Demütigungen ist.»

Dies zeigt Jacir gleich zu Beginn des Films: Soraya (gespielt von der Dichterin Suheir Hammad) wird bei ihrer Einreise nach Palästina immer wieder mit denselben Fragen gelöchert, ihr Koffer wird aufs Genauste untersucht, sie selber muss sich bis auf die Unterhose ausziehen. Allein schon ihr Nachname - Tahani - macht sie verdächtig. Kleine Machtdemonstrationen des israelischen Militärs ziehen sich durch den ganzen Film. So muss sich Sorayas Bekanntschaft Emad (Saleh Bakri aus «The Band’s Visit», siehe WOZ Nr. 49/07) mitten in der Nacht vor einem Streifenwagen nackt ausziehen, bevor er wieder in sein Auto steigen darf.

Jacir betont, dass es in ihrem Film nicht um Schwarz-Weiss-Malerei gehe und dass sie auch nicht zeigen wolle, dass Israelis und PalästinenserInnen sich hassen. «Das ist ein dummes, lächerliches Klischee! Es ist nicht wahr, dass sich Juden und Araber von jeher hassen, dass das sogar genetisch bedingt ist oder so was in dieser Art. Araber und Juden lebten und leben schon immer zusammen, das ist unsere Geschichte.» Deswegen sieht sie als Lösung des Konflikts die Gründung eines einzigen Staates, in dem alle gemeinsam leben. «Wie dieser Staat heisst, ist mir egal. Juden, Muslime und Christen sollen da miteinander leben können. Es spielt überhaupt keine Rolle, wer was glaubt oder wer was zum Frühstück isst.»

Diese Vorstellung sei weder naiv noch idealistisch, sagt Jacir: «Es ist die Art und Weise, wie es fast überall auf der Welt funktioniert. Warum also hier bei uns nicht?» Sie finde es arrogant, wenn Leute aus New York zu ihr sagten, das würde doch niemals gehen. Zum ersten Mal im Gespräch wird Jacir richtig laut: «Wie können sie annehmen, dass das, was die Menschen in New York können, an einem anderen Ort nicht möglich ist?»

Wie die Protagonistin ihres Films ist Annemarie Jacir Mitte dreissig, hat dunkle Locken und ist eine energische Person, die weiss, was sie will, und die sich im Gespräch heftig gestikulierend und klar ausdrückt. Wie Soraya ist auch sie ein Kind von Vertriebenen: Ihre Eltern gingen 1967, als Bethlehem besetzt wurde, nach Saudi-Arabien. Wie Soraya hat auch Jacir in den USA gelebt und dort studiert. Doch sie sieht Soraya nicht als ihr Alter Ego: «Ich bin halb Soraya und halb Emad, sie sind meine beiden Hälften.»

Der Traum von der Rückkehr

Wie Soraya lebe sie im Ausland und habe diesen Traum, nach Palästina zurückzukehren. Doch ebenso sehr wie Emad kenne sie die palästinensische Realität, da sie als Kind in Saudi-Arabien aufwuchs und regelmässig mit ihrer Familie nach Palästina reiste. Mit sechzehn zog Jacir allein in die USA, machte in Texas die Highschool, studierte Literatur und später Film in New York. Immer wieder kehrte und kehrt sie nach Palästina zurück, unter anderem auch um Filme zu realisieren.

Wenn eine Palästinenserin Filmemacherin werden möchte, muss sie ins Ausland studieren gehen. Doch das ist nur den wenigsten möglich. In Palästina gibt es keine Filmschulen und keine staatliche Filmförderung wie etwa in Israel. Einen Austausch zwischen palästinensischen und israelischen FilmemacherInnen gibt es kaum: «Die israelischen Filmemacher haben ein Privileg, von dem niemand spricht: Sie können überall hingehen, wo wir keine Erlaubnis erhalten, hinzugehen.» Jacirs Stimme wird laut und energisch, es reibt sie sichtlich auf, was sie sagt: «Sie können in palästinensische Dörfer, in die wir nicht gehen dürfen, sie können Gefängnisse besuchen, die wir nicht betreten dürfen, und Dokumentarfilme über Palästinenser im Gefängnis machen. Sie haben ein grosses kolonialistisches Privileg, ihnen steht alles offen.» Die Konsequenz daraus sei, dass die palästinensischen Geschichten von Israelis erzählt würden. Es sei jedoch wichtig, dass die Geschichten auch von den PalästinenserInnen selbst erzählt würden. Wie Jacir es nun in «Salt of this Sea » macht.

Ramallah-Jerusalem-Jaffa

Nach dem Überfall flieht Soraya mit Emad und dessen Bruder Marwan (Riyad Ideis) nach Jerusalem; die beiden Brüder verlassen Ramallah zum ersten Mal. Sie tauchen in ein völlig anderes Leben ein, geben sich als Juden aus und leben eine Freiheit, die sie in Ramallah nie hatten. Doch frei sind sie nur so lange, wie sie unerkannt bleiben. Von Jerusalem aus fahren sie weiter nach Jaffa, dem Ort am Meer, wo noch das Haus von Sorayas Grosseltern steht.

Der Besuch in diesem Haus ist die Schlüsselszene von «Salt of this Sea». Mittlerweile lebt die israelische Künstlerin Irit (Shelly Goral) hier. Die sympathische Frau lädt die drei Reisenden ins Haus ein und bietet ihnen an, so lange bleiben zu können, wie sie wollen. Wie eine unruhige Tigerin im Käfig bewegt sich Soraya in der Wohnung und betrachtet alles genau, die Möbel, die Pflanzen, die wunderschöne Aussicht aufs Meer, die Tassen mit der Aufschrift «Peace Now - End the Occupation».

Plötzlich rastet sie aus: Es reicht ihr nicht, dass Irit nett und gastfreundlich ist und dass auch sie sich gegen Gewalt ausspricht. Sie will, dass Irit anerkennt, dass ihre Familie das Haus gestohlen hat und dass es Sorayas Haus ist. Doch dafür hat Irit trotz ihrer Offenheit überhaupt kein Verständnis. «Wenn du über die Vergangenheit reden willst, vergiss es», meint sie, worauf Soraya energisch erwidert: «Deine Vergangenheit ist mein tägliches Leben jetzt!»

Zuversicht trotz allem

Auch für Annemarie Jacir wäre die Anerkennung des Leids, das den PalästinenserInnen 1948 angetan wurde, wichtig: «Das dramatischste Ereignis unserer Geschichte wurde einfach ausgelöscht. Eine Anerkennung würde uns unsere Würde zurückgeben.»

Am meisten Angst macht der Filmemacherin, dass eine Generation heranwächst, deren Angehörige völlig getrennt voneinander aufwachsen. Hier die Israelis, dort die PalästineserInnen. Die achtjährige Tochter eines Freundes habe ihr mal gesagt, sie habe Angst vor den Juden, die einmarschieren würden. «Du meinst das Militär», habe sie gefragt, ja, die Juden, habe das Mädchen geantwortet. «Der Punkt ist, dass das Mädchen noch nie eine Jüdin oder einen Juden kennengelernt hat und dass sie für sie dasselbe sind wie die Militärs. Das finde ich sehr beängstigend.»

Auch wenn ihr Film kein Happy End hat und die momentane Situation im Land dramatisch ist, ist Jacir zuversichtlich: «Meine Eltern wurden in einem Palästina geboren, das multiethnisch und multireligiös war, sie wuchsen mit Muslimen, Juden und Christen auf. Das ist erst ein bisschen mehr als sechzig Jahre her, es gibt sogar noch eine Generation, die sich daran erinnert.» Und dies sollte, findet sie, auch in Zukunft irgendwann wieder möglich sein.

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