Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Turbulenzen an der Luftschnittstelle

Von Johanna Lier

Es ist ein wenig wie in der Mathematik. Egal um welche Summe es sich handelt, sie besteht immer aus einer Abfolge von «Eins». Und werden die unterschiedlichsten Summen gesetzmässig aneinandergereiht, variiert oder einander gegenübergestellt, gelangt man zur Musik. Oder zu den Gedichten von Elisabeth Wandeler-Deck.

In ihrem neuen Gedichtband «Turbulenzen an der Luftschnittstelle» reihen sich scheinbar Wörter an Wörter, Satzzeichen, grosse und kleine Buchstaben: Es entsteht der Eindruck einer Partitur, die Sätze und angedeutete Sinnfragmente als Lockmittel auswirft - um einen dann gleich wieder auszusetzen und stehen zu lassen; unterbrechen, abbrechen, irreleiten, verwirren.

Über Inhalt reden zu wollen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Unzählige Andeutungen von Erzählanfängen blitzen in jeder Zeile auf - ein wenig wie in der Quantenphysik: je kleiner, umso zahlreicher und dichter. Es ist diese Dichte, die einem den Kopf verdreht, und so eher die Lust am Verstummen und Zuhören denn am Nacherzählen weckt.

Diese Wortkunstwerke, die so hochartifiziell und abstrakt erscheinen, überzeugen durch ihre Einfachheit und Sinnlichkeit. Da ist die Form des Buches, die an einen Abreisskalender erinnert, der Zeichenreichtum des Schriftbildes, da sind die unterschiedlichen Farben und Qualitäten des Papiers und nicht zuletzt die fragilen Zeichnungen von Yves Netzhammer. Das Erstaunlichste zeigt sich aber, wenn man Wandeler-Deck lesen hört. Denn ihre Gedichte, die einem gescheit von Mathematik, Physik und Musik reden lassen und auf den ersten Blick vor allem intellektuell herauszufordern scheinen, sind - beim Zuhören ist es körperlich spürbar - reinste, destillierte Emotion. Es ist ein wenig wie in der Homöopathie. Wirksam kann es erst sein, wenn es nicht mehr nachweisbar ist.

Und doch sieht man auf weissem Papier «es gibt verse es gibt hängend / da hängen die VERSE | ach, hängend, ach, die verse / und so weiter», und auf schwarzem Papier: «es gibt verse es gibt hängend».

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