Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Barfuss durch Hiroshima

Von Florian Vetsch

6. August 1945, 8.15 Uhr japanische Ortszeit: Aus der Höhe von 31 600 Fuss wirft das US-Flugzeug Enola Gay den «Little Boy» über Hiroshima ab und löst die grösste Simultanauslöschung von Menschenleben aus, die je verzeichnet wurde. Mit der wenige Tage später über Nagasaki abgeworfenen Atombombe zwingen die USA das Land definitiv in die Knie: Japan kapituliert am 15. August 1945 bedingungslos. Die Bilanz der Todesopfer der nuklearen Waffe beläuft sich auf über 200 000, die Zahl der Verletzten und lebenslänglich Gezeichneten auf mindestens noch einmal so viel.

Wie durch ein Wunder überlebte der damals sechsjährige Keiji Nakazawa. Seine Geschichte erzählt er im vierbändigen Manga «Barfuss durch Hiroshima» (1972). Im ersten Band fokussiert er auf die Zeit vor dem Abwurf. Wir lernen die Familie von Gen, Nakazawas Alter Ego, kennen: die schwangere, liebevolle Mutter, den lebensfrohen jüngeren Bruder, den älteren, der in den Krieg zieht, die engagierte ältere Schwester und den Vater, dessen Pazifismus eine Schlüsselrolle spielt. Über seine Figur übt Nakazawa Kritik am rassistischen Nationalismus, mit dem die japanische Regierung die Bevölkerung dem Krieg, dem Hunger und der atomaren Zerstörung aussetzte. Gens Vater, sein jüngerer Bruder und seine Schwester kommen im Flammenmeer um, das die Hitzewelle nach dem Abwurf auslöst. Gen und seine Mutter sterben nicht. Der Schock löst die Geburt eines Mädchens aus. Zehntausende von Toten, Verletzten, und mitten drin dieses kleine zappelnde Leben!

Band 2 schildert den «Tag danach», Band 3 den «Kampf ums Überleben», Band 4 endet mit dem Schimmer einer «Hoffnung»: Gen will stark wie der Weizen werden, der wieder aufsteht. Diese Haltung entwickelt er trotz all der Verzweiflung, Trauer und Wut wider den Starrsinn der Regierung und die Masslosigkeit der US-Waffe. «Barfuss durch Hiroshima» erzählt mehr als jedes Geschichtsbuch; die Graphic Novel sollte zur Pflichtlektüre an unseren Schulen werden.

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