Nr. 13/2010 vom 01.04.2010

Mit Marx aufs weite Meer

Ein Sammelband mit Positionen von den unorthodoxen Rändern des Marxismus kommt zum Schluss: Marx analysierte die Logik des Kapitals, aber kaum die Situation arbeitender Leute.

Von Mischa Suter

Es ist nicht lange her, da haben viele Bücher bang gefragt, was noch übrig bleibe von marxistischen Perspektiven. Übrig blieb auf jeden Fall Marx’ Problemstellung: die Widersprüche des Kapitalismus. Heute steckt der in der Krise, und die halbe Welt spricht deshalb von einer Rückkehr zu Marx. Nur: zu welchem Marx? Und zu was für einem Theoriegebäude?

Als Karl Marx 1867 den ersten Band des «Kapitals» veröffentlicht hatte, lief etwas schief. Seine Kritik der politischen Ökonomie war auf sechs Bände angelegt. Nach dem Buch über das Kapital plante er je eines zur Lohnarbeit, zum Grundeigentum, zum Staat, zum auswärtigen Handel und zum Weltmarkt. Aber schon die Vollendung des nächsten Teilbands des ersten Buchs zögerte Marx immer wieder hinaus, weil er angesichts der Wirtschaftskrise der 1870er Jahre seine Hypothesen überprüfen und erweitern wollte: das Theoriewerk als Buch in Echtzeit. Marx’ Wettlauf gegen die Zeit endete im rasenden Stillstand. Die Bände zwei und drei erschienen erst nach seinem Tod, herausgegeben von Friedrich Engels, der als Einziger die handschriftlichen Notizen lesen konnte. «Das Kapital» ist der gewaltige Torso aus dem Nachlass eines prekarisierten Privatgelehrten.

Das heisst nicht, dass hinter der fragmentarischen Aufzeichnung keine zusammenhängende Theorie steckte. Doch ist «Das Kapital» gerade für unorthodoxe MarxistInnen Anlass zum Weiterdenken gewesen. Die Sozialhistoriker Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth fügen sich nicht einfach in die herrschende Marx-Renaissance. Für sie bedeutet von Marx auszugehen vielmehr, «über Marx hinaus»zugehen, wie ein jetzt von ihnen herausgegebener Sammelband heisst.

Erfrischend und überrissen

Umrahmt von einem Problemaufriss und einer Bilanz, wird in achtzehn Beiträgen Marx als Startpunkt der Überlegungen genommen, wird seine Theorie inspiziert und geschichtlich situiert. Die Herausgeber hatten ihre Anfragen 2007, also noch vor Ausbruc h der aktuellen Krise, versandt. Die BeiträgerInnen stammen aus den linksradikalen Strömungen nach 1968: Manche kommen aus der neuen Frauenbewegung; andere sind geprägt vom Operaismus, einer mit den italienischen Fabrikkämpfen der 1960er Jahre entstandenen sozialen Bewegung, welche die Subjektivität und die Handlungsmacht der ArbeiterInnen ins Zentrum stellte. Wieder andere betreiben eine vom englischen Sozialhistoriker Edward P. Thompson angeregte «Geschichte von unten». Das Buch vereinigt ein weites Spektrum von Positionen, auch wenn die erfrischend selbstbewusste Behauptung der Herausgeber überrissen ist, hier werde (mit ganz wenigen Abstrichen) eine Gesamtschau des nichtorthodoxen Marxismus vorgelegt.

Mit dem «Kapital» steht ein Teil fürs Ganze. Damit bildete Marx’ Hauptwerk nur eine Seite des Gegensatzes kapitalistischer Gesellschaften ab, finden die Herausgeber des Sammelbandes. Das «Kapital» handelt im Wesentlichen von, nun, dem Kapital und nicht von arbeitenden Leuten. Zwar kommen darin ArbeiterInnen vor, in quellengesättigten Fussnoten und als schemenhafte Gestalten, die mit der Arbeitskraft ihre Haut verkauft und in der Fabrik nichts anderes zu erwarten haben als «die Gerberei», wie es im ersten Band heisst. Aber Marx, so die Herausgeber, habe die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Lebenslagen und Ausbeutungssituationen von ArbeiterInnen nicht zum Ausdruck gebracht.

Roth und van der Linden richten sich deshalb gegen eine beschränkte Auffassung von der ArbeiterInnenklasse, die einem bestimmten Segment eine privilegierte Rolle zuschreibt. Sie sprechen von «Arbeitsgeschichte» als der Geschichte wandelbarer, aktiver Tätigkeiten, statt vom (prototypisch männlichen) «freien Lohnarbeiter», der seine Ware Arbeits kraft auf dem Markt verkauft. So gehört die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit ebenso zur Arbeitsgeschichte wie die riesige Spannbreite unfreier Arbeit, die von Sklaverei über Schuldknechtschaft und Kontraktverhältnisse bis zur Kinderarbeit reicht.

Eine solche Arbeitsgeschichte entgrenzt Prozesse der Proletarisierung räumlich, zeitlich und begrifflich. Das entstehende Proletariat lässt sich in vorindustriellen Epochen finden. Der Blick wird dabei auf die ganze Welt und ihre Meere geweitet. Hierhin, auf die europäischen Kriegsschiffe des 18. Jahrhunderts, verschlug es etwa landlose junge Männer, als das Gemeindeland eingehegt wurde. Krieg und Gewalt waren nicht allein zur Unterwerfung der Bevölkerung in neue Produktionsverhältnisse zentral. Sondern die Gewalt selbst war «eine ökonomische Potenz» (Marx), ein Wirtschaftssektor, der den Kapitalismus anschob. Diese Perspektive lässt an weitere neuere Forschungen anknüpfen, welche die Rolle von Gewaltmärkten hervorheben. Doch die Ozeane eröffneten auch Horizonte proletarischer Solidarität über Herkunfts- und vormalige Statusgrenzen hinweg. Ideen und Kampfformen zirkulierten zwischen den Kontinenten. Und zudem bewegte sich auf den Meeren ein Strom von Menschen in die Neue Welt, zunächst versklavt, später getrieben von den Verhältnissen: die irische Hungersnot der 1840er Jahre, die Verelendung italienischer BäuerInnen, die Flucht russischer JüdInnen vor Diskriminierung und Pogromen. Heute schliesslich ist die grösste Binnenmigration der Industriegeschichte im Gang, wenn über hundert Millionen chinesische WanderarbeiterInnen, vor allem junge Frauen, in die Industriestädte der Südküste ziehen. Der globale Prozess eines sich immer wieder neu formierenden Proletariats nimmt kein Ende. Die Herausgeber schreiben deshalb von einem «Multiversum» der ArbeiterInnenklasse.

Die Logik der Revolten

Marx selbst verfolgte dabei einen Prozess mit, der seine Theorie tief geprägt hat: das Ende der europäischen Brotunruhen in den 1840er Jahren. Ahlrich Meyer betont in seinem Beitrag, dass Marx’ Theorie die Logik der «sozialen Forderungen von unten» nicht erfassen konnte. In den Hungerrevolten setzten die Massen «gerechte» Preise fest. Damit forderten sie ein Recht auf Existenz ein, das direkt mit den Marktgesetzen kollidierte. In Marx’ Modell aber bestritt der (männlich gedachte) Arbeiter sein Leben komplett unter Marktbedingungen. Marx war blind für die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit, für Formen der Familien- und Subsistenzökonomie: Bei ihm geschah Reproduktion allein durch das Kapitalverhältnis.

Doch zugleich nahm er mit seiner theoretischen Unterwerfung der ArbeiterInnen unter das Kapital etwas vorweg. Tatsächlich war nach den gescheiterten Revolutionen von 1848 auch die Zeit der Hungerrevolten in Europa vorbei. Dies hatte, sagt Meyer, wieder Rückwirkungen auf Marx’ Theoriebildung: «Das Pathos einer Theorie der Revolution war der nüchternen Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft gewichen.» Im «Kapital» hat Marx die Moderne begrifflich seziert, ohne der revolutionären Subjektivität einen systematischen Platz einzuräumen. Aber die Hungerrevolten kehren in spätmodernen Verhältnissen wieder: für Brot, Reis oder Benzin, wie 2008 in Ägypten, Haiti und Bangladesch.

Die Ausblendung der Reproduktionsarbeit hat der Marxismus von der bürgerlichen Geschlechterordnung übernommen. Heute wird die Pflegearbeit viel diskutiert, stets aber als reiner Kostenfaktor behandelt oder als unbezahlte Hausarbeit abgewertet. Silvia Federici, feministische Philosophin aus der Lohn-für-Hausarbeit-Bewegung der 1970er Jahre, erläutert dies in einem Artikel über Altenpflege und die Grenzen des Marxismus. Pflege- und Sorgearbeit als entstofflicht «immaterielle» oder «affektive» Arbeit zu verstehen, wie es heute manche DenkerInnen tun, würde nicht über diese Grenzen hinausgehen. Denn die Reproduktionsarbeit verlange ein umfassendes Sicheinlassen, das eben nicht «immateriell» genannt werden könne, sondern eine grundlegende Verbindung emotionaler und körperlicher Aspekte beinhalte. Für Federici gilt das auch in der politischen Arbeit: Sie vertritt die Position, dass eine politische Bewegung, die keine Antworten auf die Fragen der Reproduktion findet, letztlich sich selbst – politisch – nicht reproduzieren wird und zum Scheitern verurteilt ist. Federicis Beitrag ist ein gutes Beispiel, wie Überlegungen, die zum Teil vor Jahrzehnten angestellt wurden, eine heutige Debatte bereichern können.

Auch Detlef Hartmanns Text entzündet sich an einer aktuellen Auseinandersetzung. Anhand des Streiks der Flugzeug-Catering-Firma (und Ex-Swissair-Tochter) Gate Gourmet von 2007 zeigt er, wie ArbeiterInnen sich gegen den unternehmerischen Griff nach ihrer Subjektivität wehren. Herz und Verstand sind in der sogenannten Wissensgesellschaft verstärkt zu Schauplätzen des Klassenkampfs geworden. Um diese Kämpfe zu erfassen, hilft ein tätiger Begriff von Erfahrung, von einem alltäglichen Wissen in den informatisierten Kreisläufen des heutigen Kapitalismus.

Für die Kämpfe von heute

Solche Bezüge auf aktuelle Praxis bleiben in dem Buch aber die Ausnahme. Besonders deutlich wird das im Beitrag von Maria Mies. Es ist ein eigentlich erhellender Rückblick auf die feministische These der Hausfrauisierung der Arbeit, der aber um die Jahrtausendwende geschrieben und kaum überarbeitet wurde. Das heisst nicht, dass die grundsätzlichen Überlegungen veraltet sind, im Gegenteil. Aber Mies bezieht ihre Ausführungen direkt auf die Antiglobalisierungsbewegung der 1990er Jahre, in der sie die neuste und eine entscheidende Entwicklung sieht. Das geht an der zyklischen Dynamik sozialer Bewegungen vorbei: «Seattle» war vor elf Jahren, und auch die Zeit der Sozialforen scheint vorüber zu sein. Das Problem sind nicht überholte Begriffe, sondern vielmehr, sich damit in hier und heute stattfindende Auseinandersetzungen vorzuwagen. Da wird es rasch sehr blass. So sieht Carlo Vercellone mit viel Theorie heute den «kognitiven Kapitalismus» am Werk – und endet mit der sozialdemokratischen Forderung nach einer gemeinsamen Rückkehr zum Wohlfahrtsstaat.

Der Spruch von der Theorie, die als «Werkzeugkasten» taugen soll, mag im Digitalzeitalter nach veralteter Bastelei klingen. Er sei hier trotzdem riskiert: Aufs Ganze gesehen gibt das Buch wenig begriffliche Instrumente an die Hand. Es liefert kaleidoskopische Einblicke und gerade in den geschichtlichen Texten enorm interessante Erweiterungen. Eine Summe entsteht daraus aber nicht. So gesehen könnte man sagen, dass die AutorInnen zwar alle über Marx hinausgehen, aber kaum über ihre eigenen Positionen, die sie vor zwanzig, manchmal vor über dreissig Jahren entwickelt haben. Das macht die Aufsatzsammlung zu grossen Teilen selbst zu einem historischen Dokument, was völlig legitim ist. Aber es lässt jene, die Marx – oder einen bestimmten Zugang zu Marx – als «Wetzstein» (so Ben Diettrich in seinem Beitrag) für die Kämpfe der Gegenwart nutzen wollen, etwas ratlos zurück.

Das hängt damit zusammen, dass in diesem Buch über das globale Proletariat kaum etwas vom Multiversum und dessen politischen Formen steht. Man liest fast nichts von Programmen, Strategien oder Organisationsvorschlägen. Dabei sind es vor allem auch solche kollektiven Artikulationen, die das, was man «Marxismus» nennen kann, zu einer Einheit von Theorie und Praxis machen, an der Abermillionen kämpfender Frauen, Männer und Jugendlicher auf der ganzen Welt teilnehmen.

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