Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

Villigers Charmeoffensive

Die UBS hat erstmals die Erklärung von Bern empfangen

Von Oliver Classen

Am Mittwoch empfing die UBS eine Delegation der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern EvB. Oliver Classen, Mediensprecher der EvB, fragt sich, was dahinterstecken könnte.

Der Exchefredaktor des «Tages-Anzeigers» wird neuer Sprecher von UBS Schweiz: In Journalistenkreisen sorgte diese Meldung Ende Mai für mehr oder minder amüsiertes Kopfschütteln, bei vielen Nichtregierungsorganisationen (NGO) hingegen für blankes Entsetzen. Schlimm genug, dass sich der renommierte Exschriftleiter eines linksliberalen Leitmediums als Konzernkommunikator schamlos vergolden lässt. Warum aber wechselt Peter Hartmeier ausgerechnet zur UBS, wo er als Oswald Grübels Bauchrednerpuppe – vom Monetären abgesehen – nur verlieren kann?

Die Erklärung von Bern (EvB) als Schweizer UBS-Watchdog kann diesem Seitenwechsel jedoch auch eine positive Seite abgewinnen. Grund dafür ist eine kurz vor den Hartmeier-News bei uns eingegangene Mail, in der wir vom Chef der Nachhaltigkeitsabteilung offiziell zu einem «Gedankenaustausch» mit Kaspar Villiger eingeladen wurden. Was für Aussenstehende unspektakulär klingt (schliesslich reden NGO regelmässig mit Wirtschaftsvertretern), ist tatsächlich bahnbrechend. Denn erstmals überhaupt hat die notorisch unzugängliche UBS gestern ihre hierzulande wohl frühesten, sicher aber hartnäckigsten KritikerInnen empfangen.

Seit 2001 werden die Schweizer Grossbanken von der EvB mit den Auswirkungen ihrer Geschäftspraktiken auf Umwelt und Menschenrechte konfrontiert. Ob die Audienz beim VR-Präsident bloss Teil einer Charmeoffensive ist – für die Hartmeier freilich ein brillanter Botschafter wäre – oder ob sich beim viel gescholtenen Elefanten von der Bahnhofstrasse nicht doch ein Sinneswandel vollzieht, bleibt abzuwarten. Diese erste kommunikative Öffnung lässt Letzteres zumindest hoffen. Mal sehen, ob Villigers UBS im Umgang mit zivilgesellschaftlichen Akteuren ähnlich lernfähig ist, wie sie es in anderen Bereichen zu sein vorgibt.

Auslöser des unerwarteten Gesprächsangebots war die aktuelle EvB-Untersuchung der finanziellen Verbindungen von UBS und Credit Suisse (CS) zu Firmen, die in Kontroversen um gravierende Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind. Auf diese neue Kampagne hat die gegenüber NGO-Argumenten sonst aufgeschlossenere CS bislang nicht reagiert. Auf öffentlichen Druck war die CS 2008 immerhin aus der Finanzierung einer giftigen Goldmine in Indonesien ausgestiegen. Die UBS hat also noch einigen Nachholbedarf.

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