Nr. 32/2010 vom 12.08.2010

Warum Denken traurig macht

Von Adrian Riklin

Es gibt Bücher, die mich allein wegen des Titels ansprechen – und nicht mehr loslassen. So auch das Buch von George Steiner mit dem Titel: «Warum Denken traurig macht». In der französischen Originalausgabe heisst es: «Dix raisons (possibles) à la tristesse de pensée».

Seit einiger Zeit liegt das Buch bei mir herum: Manchmal auf dem Küchentisch, dann wieder neben dem Bett. Manchmal im Badezimmer, in seltenen Fällen auf dem Schreibtisch. Immer wieder nehme ich es in die Hand, beginne zu lesen – und lege es wieder beiseite. Selten verstehe ich, was der Kulturphilosoph und Literaturwissenschaftler meint.

Und doch: Da scheint etwas, selbst in der deutschen Übersetzung, zwischen den Zeilen hängen geblieben zu sein, das mich immer wieder anzieht. Das Buch ist in zehn Kapitel aufgeteilt, jedes findet einen weiteren Grund dafür, warum Denken traurig macht. Und tatsächlich ist es so, dass ich Steiners Sätze nur dann einigermassen verstehe, wenn ich angemessen traurig bin.

Mit «Denken» meint Steiner nichts Akademisches. Er geht davon aus, dass «wirkliche Originalität im Denken», das allererste Denken eines Gedankens, äusserst selten ist. Gedanken können einem in gemurmelter Form kommen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass Gedanken, die später von gebildeten Leuten schriftlich festgehalten werden, als wäre es ihre persönliche Erfindung, längst schon Menschen gekommen sind, die des Lesens und Schreibens unkundig, taubstumm oder geistig behindert sind.

Die existenzielle «Schwermut» (Steiner verwendet den deutschen Ausdruck), die Steiner meint, hat nichts mit Sentimentalität zu tun. Steiner bezieht sich dabei auf einen Satz des Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling (1775–1854), wonach «alle Persönlichkeit auf einem dunklen Grund ruht». Schelling meint damit diese «allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch