Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Es geht ums Ankommen – und nicht mehr ums Weggehen

Fünfzig Jahre lang wurde über sie debattiert. Nun sind es die Zugewanderten selbst, die sich zu Wort melden. Die Schweizer Literatur profitiert.

Von Martin R. Dean

In den letzten Jahren sind immer mehr AutorInnen auf den Plan getreten, deren Bücher Demarkationslinien überwinden und neue Sichtweisen entwerfen. Man könnte sie Secondos nennen, «Schreibende mit Migrationshintergrund», Zugeströmte, Durchwanderinnen, Weltreisende mit Station in der Schweiz. Die Unmöglichkeit ihrer Bezeichnung ist grundsätzlicher Natur: Ihre Lebensgeschichten sind so verschieden wie ihr Stil und ihre Haltung.

Falsch wäre ebenso, das Besondere an ihnen zu übersehen. Nach fünfzig Jahren Debatten über die ZuwanderInnen sind es nun diese selbst, die sich zu Wort melden. Sie schreiben keine neue Sprache, aber sie durchmischen ihr Deutsch mit einem zuweilen fremd anmutenden Duktus. Sie leiten sich nicht von einer verbürgten Ahnenreihe à la Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt her. Aber was sie schreiben, ist so gegenwärtig, wie Literatur nur sein kann – sie gehen von der Frage aus, die Menschen auf der ganzen Welt beschäftigt: der Frage der Herkunft des Einzelnen auf einem Globus, dem jede Heimatlichkeit fehlt.

Geheime Ecken, tote Winkel

Woher kommst du? – «Diese Frage», schreibt Melinda Nadj Abonji in einem Essay, «wurde mir meistens gestellt, wenn jemand meinen Namen geschrieben sah oder ich meinen Familiennamen nennen musste – die Frage nach dem Namen und der Herkunft sind die ersten Fragen eines Verhörs, das habe ich später begriffen.»

Die Frage nach der Herkunft ist die Fremdenmacherfrage par excellence, mit der man UnschweizerInnen schafft. Auch in der Literatur. Sie etabliert eine Skala feinster Abstufungen, je nach der Fremdheit des Namens. Der deutsche Soziologe Mark Terkessidis bezeichnet das Befragtwerden nach der Herkunft als «Urszene»: «Solche Erlebnisse setzen bei den Befragten einen Prozess der Entfremdung in Gang.»

Diesem Urdrama gehen die Bücher von Abonji, Franco Supino, Monica Cantieni, Perikles Monouidis, Catalin Florescu und anderen nach. Sie erzählen die Geschichten ihres Ankommens, ihres Zögerns und der allmählichen Verschleifung der Fremdheit. Ihre Narrationen stellen ungewöhnliche Schärferelationen im trüben Teich der Heimattümelei her – Niederlassungsversuche in einem Land, das nicht immer das ihrer Wahl ist. Und sie geben der Antwort auf die Herkommensfrage immer neue Facetten: «Die Frage nach der Herkunft», schreibt Abonji, «ist sehr oft ein paternalistischer Akt. Der Fragende bindet den Befragten an das Land seiner Herkunft, wobei die Differenzierung keinen Platz hat, es soll nicht zu kompliziert sein.»

Differenzierung ist das Kerngeschäft des Romans, dem zu dieser Stunde eine neue Aufgabe zuwächst. Der Plattitüde, dass Literatur keinerlei Aufgabe hat, entkommt diese Literatur durch die Eindringlichkeit, mit der sie existenzielle Fragen nach der eigenen Behaustheit angeht. Sie entwirft gleichsam den Bauplan der Zwischenräume, in denen das Leben jenseits nationaler Zuschreibungen und Festlegungen stattfindet. Sie misst den Nationalraum nach seinen geheimen Ecken und toten Winkeln aus. Sie buchstabiert die Fremdzuschreibungen zurück und erzählt immer wieder vom Wunsch, frei und selbstbestimmt zu sein.

Es wird also in der Schweizer Literatur ein Perspektivenwechsel vollzogen. Es geht ums Ankommen in der Schweiz und nicht mehr ums Weggehen, wie dies noch bei Max Frisch, Adolf Muschg und Paul Nizon der Fall war. Seit Frisch hat niemand mehr die Schweiz so infrage gestellt, denn die Texte der Neuhinzugekommenen tragen, oft unscheinbar, eine politische Dimension in sich. Sie erzählen von jenen namenlosen Erfahrungen, die mit dem Wort Integration entstellt und politisch repressiv gewendet werden. Wer ankommt, hat zuerst einmal viel verlassen. Er muss sich neu finden und erfinden. «Dass etwas von vorn beginnen sollte, mit mir als Begründer, war mir kein freudiger, heller Gedanke, sondern eine Last, die ich vor mir herschob», heisst es in Monioudis’ «Junge mit kurzer Hose».

Solothurn liegt jetzt am Meer

Diese AutorInnen erleben die Schweiz anders als jemand, dem der Stammbaum eine lange Selbstverständlichkeit gewährt. Sie entwerfen ein abweichendes Bild der Schweiz, indem sie auch die Landesgeschichte als Teil einer persönlichen Geschichte erzählen. So überspringt Cantieni die hilflose Unterscheidung zwischen privater und politischer Literatur, indem sie ihre Ich-Erzählerin in den siebziger Jahren mit den Schwarzenbach-Initiativen und den Wellen der Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. So versetzt Supino seine «Heimatstadt» Solothurn ans Meer, weil sein Solothurn eben gar nirgendwo anders sein kann. Und weil sein Solothurn am Meer seit langem zur Schweizer Geografie gehört, nur hat es noch keiner bemerkt. «Unser Problem ist nicht», schreibt Supino, «dass wir zwei Kulturen zusammenbringen, sie sind schon zusammen. Unser Problem ist, wie wir den Schweizern begreiflich machen, dass sie zusammen sind.»

Ein Land wird neu ausgemessen, ersehnt, ja erwünscht. Und zugleich richtet man sich im Ortlosen ein, wo eine Autorin wie Zsuzsanna Gahse schon lange angekommen ist. An unzähligen Passagen, die von einer doppelten Wunschheimat berichten, entblösst sich der Unsinn eines SVP-Patriotismus, der zur permanenten Ausgrenzungswaffe umfunktioniert wird. «Heimat ist das Entronnensein», schrieb Theodor W. Adorno und setzte damit der universellen Unbehaustheit Heimat als Utopie entgegen, deren Glanz in den Büchern der Ein- und DurchwanderInnen auch auf die Schweiz fällt.

Netzkarte der eigenen Identität

In dem, was ihnen erstrebenswert und doch nie ganz erreichbar ist, formiert sich eine Heimatliebe, die sich nicht mehr an der nationalen Geografie, sondern an der Netzkarte der eigenen Identität orientiert. Heimat ist überall, und – folgt man dem Roman «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abondji– vor allem und immer wieder in der (Sehn-)Sucht nach den kleinen Dingen, die als unzerstörbare Liebe zum Detail wiederkehrt. Kein Wunder, dass diesen AutorInnen die Kindheit zur wunderbaren Zeit wird. Dabei geht es keineswegs um Verklärung, sondern vielmehr um die Darstellung einer Zeit, in der das Bewusstsein das Andere, Fremde, ebenso zulässt, wie es das Eigene noch nicht verfestigt. Wem die Identität nicht fraglos ist, dem wird die Reise durch die eigene Kindheit und Jugend zum Abenteuer, und er muss sich am Unbekannten ebenso berauschen wie am Fremden komplettieren.

Die Erfahrung, dass etwas am eigenen Leben unaustauschbar und also (wie Theodor Adorno sagt) glückverheissend ist, wird diesen AutorInnen zum Grund einer Selbstvergewisserung jenseits nationaler Zuschreibungen. Da diese Selbstvergewisserung schriftlich vor sich geht, müssen die Wörter, diese oft nationalstaatlich in Erz gegossenen Floskeln, instabilisiert werden. «Mit Leidenschaft», schreibt Abonji, «habe ich ungarische Redewendungen ins Deutsche übertragen. Schlechte Laune haben heisst dann, der Tag muss heute ohne mich auskommen, oder: Heute habe ich die Laune eines alten Hundes.»

Braucht die Schweizer Literatur einen Diversitätsschub? Gewiss, denn eine Taube macht noch keinen Frühling. Die hiesige Literatur kann nun aber von der Erweiterung der Erzählhorizonte und der Verrückung des Blickwinkels profitieren. Sie kann am Fremden den Kanon des Eigenen überprüfen.

Eine Verlockung

Mit wenigen Ausnahmen waren die fast dreissig Prozent der Bevölkerung, die ins Land gekommen sind, bis jetzt kaum ein Thema. Was diese AutorInnen neu einbringen in den Diskurs der Schweizer Identität, ist eine Wissensart, was die täglichen Ausgrenzungen, aber auch die verschärfte Implantierung nationalistischen Denkens für Folgen zeitigt. Sie bringen «interkulturelle Kompetenz» mit, die die Mehrheitsgesellschaft dazu verlocken könnte, das eigene Vorwissen zu verlernen und die eigenen Voraussetzungen neu zu buchstabieren.

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