Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Innenansichten der verlorenen Seelen

Von Eva Pfister

«Die Zeit ist gekommen. … Seid gewarnt, ihr Bürger: Eine Horde Wilder, Verlassener wird über euch herfallen, ohne Glauben. Aber mit einem unsäglichen Hunger.»

Dieser Aufruf findet – vorerst – nur im Kopf statt. Ein Türsteher hält sich damit wach, er fantasiert im Rausch seiner Müdigkeit, die ihn am frühen Morgen überfällt, kurz bevor der Club schliesst. Der Türsteher heisst Alen und ist der Protagonist des ersten Romans von Nuran David Calis. In der deutschen Theaterszene ist der Autor schon seit einigen Jahren präsent, als Regisseur, Dramatiker und Leiter von Projekten, in denen er Jugendliche aus «Problembezirken» auf die Bühne holt. Auch Calis hat als Türsteher sein Geld verdient, wie sein Held Alen ist er im Arbeiterviertel einer westdeutschen Grossstadt aufgewachsen. So beschreibt er authentisch eine Vorstadt zwischen Müllverbrennungsanlage und Klärwerk, aus der die Menschen schwer wegkommen, allein schon deshalb, weil der Bus fünfzig Minuten bis ins Zentrum braucht.

«Der Mond ist unsere Sonne» bietet Innenansichten der Seele der verlorenen Generation. Es sind Klagegesänge von jungen Männern über ihre Chancenlosigkeit, die Entfremdung von den Eltern, ihre Heimatlosigkeit. Es sind Hasstiraden, die an Hip-Hop erinnern und manchmal auch in Songtexte übergehen. Wer Türsteher wird, ist schon ein Aufsteiger. Wer gar keine Arbeit findet, landet beim Drogenhandel, wie Alens Cousin Karim. Diesem kann er nicht helfen, doch sich selbst zieht er am Schopf aus dem Sumpf. Dabei unterstützt ihn seine Freundin, die aus einer bildungsbürgerlichen Familie kommt und ihm eine andere Welt öffnet. Sie regt ihn auch an, seine Wünsche aufzuschreiben, und so beginnt Alen, sich Sätze auf Bierdeckeln zu notieren, nachts an der Tür zur Disco. «Ich bemerkte, wie mich dieses Aufschreiben meiner Wünsche plötzlich hellwach machte. Sich seine Wünsche vorstellen, versuchen, sich seine Wünsche zu erfüllen, brachte mein Blut zum Kochen.»

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