Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Kaum mehr als ein Gerücht

Von Martina Süess

Kaum mehr 
als ein Gerücht

Dass Mythen keine überholten Märchen aus alten Zeiten sind, sondern sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie in der Gegenwart wirken, hat der Philosoph Hans Blumenberg immer wieder betont. Was einen Mythos auszeichnet, ist, dass er in immer neuen Varianten erzählt wird, ohne dass es eine eigentliche Urform gibt. Erst die ständige Reaktivierung und Verwandlung macht den Mythos eben zum Mythos. Diese Wandlungsfähigkeit und Allgegenwart von mythologischen Stoffen hat der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr in «Die letzte Welt» (1988) auf grossartige Weise verarbeitet: Aus dem Projekt, Ovids «Metamorphosen» neu zu erzählen, entstand ein Roman, in dem das antike Rom und das 20. Jahrhundert ununterscheidbar ineinander übergehen. Neben den verwandelten, aber immer noch erkennbaren Gestalten – dem Wolfsmann Lycaon, Echo oder Argus mit seinen hundert Augen – ist nun auch Ovid selber zur mythologischen Figur geworden.

Im Mittelpunkt steht das Rätsel um Ovids Verbannung. Warum der populäre Dichter im Jahr 8 unserer Zeitrechnung von Kaiser Augustus nach Tomi am schwarzen Meer verbannt wurde, ist bis heute ungeklärt. Bei Ransmayr steht die Strafe im Zusammenhang mit den «Metamorphosen». Das Buch wird zum eigentlichen Mysterium: Es ist kaum mehr als ein Gerücht, niemand hat es gesehen, manche haben davon gehört, aber nun ist es, wie der Dichter selbst, verschwunden. Ransmayr lässt den fiktiven Freund Cotta ans Ende der römischen Welt reisen, um Ovid, vor allem aber sein Werk, zu finden. Dort, in der «eisernen Stadt» Tomi, erlebt er auf traum- und albtraumhafte Weise, wie sich der Text, nach dem er sucht, realisiert: «Keinem bleibt seine Gestalt» lautet einer der meistzitierten Sätze aus den «Metamorphosen». Menschen werden zu Wölfen, Vögeln, Steinen, Pflanzen. Überschwemmungen, Bergstürze und Klimaveränderungen verwandeln die Landschaften, Stürme zerstören Häuser und Strassen, und dauernd nagt der Rost an der elenden Stadt aus Eisen. Aber neben dem apokalyptischen Szenario sind es vor allem die Mythen selbst, die von der ewigen Metamorphose betroffen sind: Nulli sua forma manebat.

Christoph Ransmayr: «Die letzte Welt.» Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2012. 
288 Seiten. Fr. 18.60.

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