Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Blinde Flecken

Der österreichische Autor beschreibt im Roman «Der fliegende Berg» einmal mehr eine menschenleere Schneewelt. Das tut er grandios - und scheitert dennoch.

Von Rachel Vogt

Einst verschwand einer im ewigen Eis der Arktis, dann einer in den kahlen Steinhängen einer Insel im Schwarzen Meer, nun bleibt einer zurück unter Schutt und Schnee, am Fuss eines tibetischen Bergs. Die Figuren des österreichischen Autors Christoph Ransmayr bewegen sich in seinen Romanen «Die Schrecken des Eises und der Finsternis», «Die letzte Welt» und nun «Der fliegende Berg» entlang den Rändern der Welt. Sie verirren sich in Landschaften aus Stein und Eis und Wasser, und bisweilen fallen sie für immer aus der Welt. Auch sein neuer Roman spielt in einer kargen Gegend, auf den Hochebenen im Osten Tibets, durch die im Sommer lediglich einige Nomaden ziehen. Es ist die Geschichte der einsamen Brüder Liam und Pad, die sich aufmachen von einer einsamen, irischen Insel, um einen einsamen, noch nicht kartografierten Berg zu besteigen. Es ist die Leere, die sie reizt. «Menschenleere», sagte der österreichische Autor einmal, «ist keine Traumwelt, sondern der Normalzustand im Universum.» Ein Normalzustand, den Ransmayr als Spektakel für die Sinne beschreibt: «Und die Sterne erloschen auch nicht, / als über den Eisfahnen die Sonne aufging / und mir die Augen schloss, / sondern erschienen in meiner Blendung / und noch im Rot meiner geschlossenen Lider / als weiss pulsierende Funken.»

Ransmayr ist ein Perfektionist, und wie alle Perfektionisten verfügt er über einen starken Formwillen. Die Form seines neuen Romans ist dementsprechend kühn: «Der fliegende Berg» ist über die vollen 360 Seiten in Langversen geschrieben, er sei so gedruckt worden, damit er einfacher vorgelesen werden könne, erklärt Ransmayr. Diese Parforcetour gelingt. Das Riesengedicht lässt sich wie ein Roman lesen. Und zugleich sind die Sätze dicht, wie gemeisselt und aufgeladen bis zum Pathos. Das ist harte Arbeit; an seinem «Fliegenden Berg» schrieb Ransmayr elf Jahre lang.

Schrift, in Stein gehauen

In Ransmayrs erstem erfolgreichen Roman, «Die letzte Welt», macht sich der Römer Cotta auf die Suche nach dem in die Verbannung geschickten Dichter Ovid und nach dessen verloren geglaubtem Werk, den «Metamorphosen». Er findet es schliesslich in Stein gehauen. In seinem neuen Roman beschriftet ein Einsiedler einen Felskessel mit Gebetsformeln, und der Erzähler Pad durchwatet mit seiner tibetischen Geliebten einen Fluss, steigt über «tausende, hunderttausende» beschrifteter Steine, die von nach Lhasa ziehenden Pilgern versenkt worden waren. Überall bei Ransmayr verwandelt sich Natur in Kunst.

Natur, schroffe, unberührte Natur, ist das Ziel der Sehnsucht so gut wie aller Figuren von Ransmayr. Er ist der späte Dichter der leeren Fläche auf der Karte, dem Ort, der über Jahrhunderte Entdecker und Eroberer anzog. Seine Reisen führen zielsicher ans Ende der Welt, ins «Unbekannte», «Unbetretene», «Unversehrte», in Eis und Ödland von weltgeschichtlicher Dimension. Es sind stille, einsame, oft verbotene Gebiete, Ovids Verbannungsinsel etwa oder das von China besetzte Tibet.

In einer solchen Kulisse können Menschen leicht verloren gehen. Oder sie kommen erst gar nicht vor. Wenn Liam auf einer einsamen Insel in seiner Heimat Irland (wo Ransmayr lange Zeit lebte und auch diesen Roman schrieb) versucht, die Vergangenheit durch die Restauration seines Hauses wieder herzustellen, vergisst er das Personal. Das Haus wird zu einer «Rekonstruktion, in der am Ende / nur die Darsteller fehlten».

Selbst wenn Ransmayr Figuren gestaltet, bleiben diese maskenhaft. Merkwürdig grob geschnitzt und linkisch stehen sie in den aufwändig gezeichneten Landschaften. Kraftvoll sind bei Ransmayr nur Stürme, berstendes Eis, Wolkenwirbel. So gross sind sie und so erhaben, dass die Menschen daneben sehr, sehr klein werden (so klein wie Menschen eben werden, wenn sie alleine auf einem Hochplateau sind, in einer Wüste, auf einem Meer). Die Fähigkeit, Landschaften zu gestalten, ist Ransmayrs grösste Stärke - und sie ist seine grösste Schwäche.

Digitaler Nachlass, vernichtet

Im «Fliegenden Berg» reisen die Brüder Liam und Pad um den halben Erdball. Unklar bleibt, was die beiden, die schicksalhaft aneinander gekettet scheinen, ausser Kindheitserinnerungen miteinander verbindet. Kurz bevor sich die beiden zum Gipfel des Berges Phur-Ri aufmachen, von dem Liam nicht zurückkehren wird, gesteht sich der Erzähler Pad ein, dass sie nie über Leidenschaften gesprochen haben, nie über die Liebe. Was der Erzähler über seinen älteren Bruder weiss, erfährt er nach dessen Tod aus dem digitalen Nachlass, den er sogleich vernichtet. Damit vernichtet Ransmayr zugleich die letzte erzählerische Möglichkeit, den Brüdern ein Leben zu geben. Sie bleiben «Zufallsgefährten» und Fremde, sich selbst gegenüber und auch für die LeserInnen. Als die beiden sich kurz vor dem Ende näher kommen, wird das Unvermögen Ransmayrs, Charaktere zu schaffen, besonders augenfällig: Diese Zeit vor Liams Lawinentod, so der Erzähler, sei «durchdrungen / von völlig anderen Gefühlen, die, / so reich und widersprüchlich / sie auch gewesen sein mochten, / doch unter keinem anderen Namen / zu versammeln waren als dem alles beschreibenden, / alles verschweigenden Wort Liebe.» Redet der sonst so souveräne Stilist Ransmayr über die Liebe, verheddert er sich in Platittüden. Denn seine Figuren tun einfach zu vieles nicht: lachen, sich raufen, verschlafen, sich aufrappeln und sich schämen, essen und dumm sein, ungerecht, heiter, langweilig - all die Kleinigkeiten also, die Menschen liebenswert machen und interessant. Ransmayr erklärte einmal, dass ihn die kleinen Momente nicht interessieren: «Eine Geschichte, die von ihrem Ende nichts wissen will, verdient diesen Namen nicht, denn die bleibt gebannt von den Dimensionen des Augenblicks und daher starr, hineingenagelt in die Sekunde.» Er mag recht haben darin, dass Sekunden nicht das Zeitmass eines Romans sind. Doch Jahrtausende sind es ebenso wenig.

Ransmayrs Roman zeigt das Drama eines Autors, der Eis, Luft und Gestein wie niemand sonst zum Leben erwecken kann, seine Figuren aber nicht. Bei aller Furchtlosigkeit seiner Entdecker bleiben riesige leere Flecken auf Ransmayrs Karte. Es sind: Schlafzimmer, Bars und Büros, Vorortszüge, Einkaufszentren. Seine Terra Incognita ist die Mitte der Welt.

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