Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Freie Liebe und lakonische Texte

Die Biografie über die weitgehend vergessene Lotte Schwarz (1910–1971) beleuchtet ein Stück Schweizer Emigrationsgeschichte – und ein paar Grotesken der Nachkriegsjahre.

Von Rea Brändle

Ihre Biografie ist auch ein Stück hiesiger EmigrantInnengeschichte: Lotte Schwarz mit
 Besuchern des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich, 1942. Foto aus dem besprochenen Band

Es ist immer wieder erstaunlich, wie lange spannende Nachlässe unbemerkt bleiben. Im Fall von Lotte Schwarz ist dies besonders frappant, weil kurz nach ihrem frühen Tod im Jahr 1971 von den Angehörigen eine schön gemachte Gedenkschrift herausgegeben wurde: mit Textproben und ausführlichem Verzeichnis ihrer verstreuten publizistischen Arbeiten, dazu Fotos, das Faksimile des Arbeitsvertrags mit dem Schweizerischen Sozialarchiv und die Abdankungsreden zweier enger Freunde; die eine stammt vom Publizisten François Bondy, die andere vom Bildhauer Hans Aeschbacher. Seitens der Familie soll damals die Absicht bestanden haben, weitere Veröffentlichungen folgen zu lassen. Dazu aber ist es nie gekommen.

Es brauchte deshalb den schönen Zufall, dass eine Aussenstehende auf den Nachlass aufmerksam wurde. Als promovierte Historikerin hatte Christiane Uhlig für die Bergier-Kommission gearbeitet, ehe sie sich in den letzten Jahren biografischen Themen zuwandte. Es sind die Brüche in den Lebensläufen von Frauen, die sie als Buchautorin interessieren, nachzulesen in «Frau Rabbiner Teichmann erzählt» und «Ginkgobäume in der Fremde» über das Leben der Koreanerin Duk-Won Lee in Europa.

Nissim Nachtgeist

Über diese Vorlieben unterhielt sich Uhlig mit einer Jugendfreundin und erfuhr spannende Dinge: dass die Grosseltern ihrer Freundin aus Russland kamen und in den Dreissigern am Fuss des Zürichbergs die Pension Comi betrieben. Dass dort viele Flüchtlinge wohnten und eine Emigrantin aus Hamburg einen Roman darüber geschrieben habe. Und dass sie, die Freundin, dieses Manuskript besitze.

«Die Brille des Nissim Nachtgeist» heisst der Text. Er war ausschlaggebend dafür, dass Uhlig sich auf die Suche nach der Autorin machte. Bald kam sie mit deren Familie in Kontakt, dem mittlerweile über neunzigjährigen Ehemann Felix Schwarz und den beiden Söhnen. Sie gaben ihr den Nachlass zu lesen und unterstützten sie mit Informationen. So hatte Uhlig genügend Material, um sich für ein Stipendium einer privaten Stiftung bewerben und die Arbeit auf wissenschaftlicher Basis fortsetzen zu können.

Sie recherchierte in rund einem Dutzend deutscher und schweizerischer Archive, befragte über zwanzig Bekannte ihrer Protagonistin und recherchierte ausführlich zu Namen und linken Organisationen, um den Kontext einer breiteren LeserInnenschaft verständlich zu machen. So ist diese Biografie zugleich ein Stück hiesige EmigrantInnengeschichte.

Solidarität und Flügelkämpfe

Die Protagonistin hiess ursprünglich Lotte Benett und wurde 1910 in der Nähe von Hamburg geboren. In Gross Borstel erlebte sie eine proletarische Kindheit, wie man sie höchstens noch aus der Literatur kennt. Der Vater hatte es vom Arbeitersohn zum Schriftsetzer gebracht und mithilfe der Guttempler seine Alkoholprobleme überwunden; als Sozialdemokrat war er 1918 an der Novemberrevolution beteiligt, den Demonstrationen gegen die Monarchie. Die Mutter hatte mit Näharbeiten mitverdient, auch die Kinder trugen mit regelmässigen Verdiensten zum Familieneinkommen bei. Trotz aller Plackerei aber reichte es nur knapp dafür, dass die beiden Söhne eine Lehre machen konnten. Als Ausbildung der einzigen Tochter musste die obligatorische Schulzeit genügen.

Mit der Abschlussnote «sehr gut» im Sack wurde Lotte Dienstmädchen, auf der anderen Seite der Chaussee, wo die Reichen wohnten. Stipendien gab es keine, Weiterbildungsmöglichkeiten eröffneten linke Organisationen. Lotte brachte es so zur Bibliotheksgehilfin und fand zu den Roten Kämpfern: gelebte Solidarität, so wird einem beim Lesen dieser Biografie bewusst. Als versierte Historikerin freilich will Uhlig das Arbeitermilieu nicht weichzeichnen; immer wieder erwähnt sie die Flügelkämpfe zwischen den linken Fraktionen, die ein antifaschistisches Bündnis verhinderten.

Am 1. Juli 1934 emigrierte Lotte nach Zürich. In Sicherheit aber war sie erst, nachdem sie eine Scheinehe eingegangen war und deshalb nicht mehr ausgewiesen werden konnte. Und wie zuvor in Hamburg gab es auch in Zürich hilfreiche linke Persönlichkeiten. Lotte arbeitete erneut als Dienstmädchen, dann als Aushilfsverkäuferin an der Bahnhofstrasse, als Vertretung in der italienischen Buchhandlung von Ignazio Silone und Gabriella Seidenfeld an der Langstrasse und auf dem Sekretariat der Büchergilde. Schliesslich bekam sie eine Anstellung am Schweizerischen Sozialarchiv, das damals noch im düsteren Predigerchor untergebracht war. Dort wurde sie zu einer wichtigen Bezugsperson von versprengten Flüchtlingen.

Frische Stimme, frecher Ton

Auch in diesem Teil schafft es Uhlig, mit ihrem Wissen und zahlreichen Detailrecherchen verschiedene Szenen der EmigrantInnen zu veranschaulichen. Selbst wer sich im Thema auszukennen glaubt, wird recht viel Neues finden. Zum Beispiel, dass neben besagter Pension Comi auch die sogenannte «Hölzliburg», geführt von Gustava Reichstein, ein wichtiger Treffpunkt war. Dort wohnten Robert Jungk, Peter Weiss, Hans Josephsohn, Trudi Gerster, Albert Ehrenstein und Fritz Hochwälder. Ein Hort von kreativen Köpfen, der noch viel Stoff für weitere Biografien liefern könnte. Hochwälder etwa soll sich mit Jungk komisch-ernste Dialoge mit dem fiktiven Polizeikommissär Bleiker ausgedacht haben.

Weitaus mehr überraschte mich der letzte Teil der Biografie. Die freie Liebe mit dem jüngeren katholischen Architekten Felix Schwarz aus Bremgarten führte nach ein paar Jahren und einer Abtreibung doch noch zur Eheschliessung. Mit ihren zwei Söhnen zogen die beiden ins selbst gebaute Einfamilienhaus nach Brüttisellen. Eine Weiterarbeit im Sozialarchiv war bei den damaligen Verkehrsverbindungen undenkbar. Stattdessen fand Lotte neue Beschäftigungen: Sie fertigte Objekte aus Holzabfällen, verfasste Texte zu sozialen und feministischen Themen, schrieb Vorträge fürs Radio, war ehrenamtlich tätig und kandidierte – während der Chemotherapien bereits – für die SP um einen Kantonsratssitz.

Von den literarischen Arbeiten wurde «Tagebuch mit einem Haus» 1956 veröffentlicht. Es bekam gegen dreissig Rezensionen, aber bis heute keine Neuauflage. Leider, denn zu entdecken wäre ein frischer Ton, der in seiner lakonischen Art sehr frech wirkt. Über den eigenen Ehemann zum Beispiel, den Architekten, der eine unpraktische Küche baute, mit Ecken überall, die eine gebückte Haltung erforderten. Und dass eine falsche Bewegung lebensgefährlich sein könnte. Er allerdings, heisst es weiter, «unterbricht diese Vision mit der Bemerkung, er habe noch nie den Kopf an den Schrankecken gestossen». Darauf Lotte: «Das ist die volle Wahrheit, denn er hantiert dort nur selten.»

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