Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Am Lagerfeuer der Nation

Welch ein Märchen! Drei Generationen von Kindern hat Trudi Gerster via Schrecken Geborgenheit vermittelt. Steckte darin sogar emanzipatorisches Potenzial?

Von Stefan Howald

Rotkäppchen zum Beispiel. Die erwachende Sexualität eines jungen Mädchens. Der Wolf als männlich Dräuendes. Die Grossmutter als hingesunkene, durch patriarchale Demütigung und Ausbeutung zum Welken gebrachte Jugendblüte.

1972 hat der Publizist Iring Fetscher das Buch «Wer hat Dornröschen wachgeküsst?» veröffentlicht. In diesem «Märchen-Verwirrbuch» interpretiert er bekannte Märchen mit psychoanalytischen und historisch-materialistischen Ansätzen, ironisch und nicht immer ganz subtil. «Hans im Glück» als subversive antikapitalistische Parabel. «Dornröschen», ein weiteres Mädchen, das mit den Verlockungen und Bedrohungen der Sexualität konfrontiert wird. «Die Bremer Stadtmusikanten» als Selbstverwaltungskommune armer, entrechteter Handwerker.

Trudi Gerster hat diese und zahllose andere Märchen bloss in den Dialekt übersetzt. Aber radikale Umdeutungen mögen ihr nicht ganz unbekannt gewesen sein. So harmlos ist das ja alles nicht, was sie ein Leben lang gemacht hat.

Mündliche Tradition

1939 in St. Gallen geboren, wurde die Schauspielerin Trudi Gerster schon mit neunzehn Jahren dank ihrer Stimme zur «Märchenfee». Nun hat das St. Gallische nicht immer den besten Ruf. Doch bei ihr mutierte das Helle, Scharfe zur Deutlichkeit, und das Schnelle wurde in einem eigenen, prägnanten Rhythmus verlangsamt.

Ihr ästhetisch-handwerkliches Können stand ausser Frage. Ihre Stimme war unverwechselbar, sofort erkennbar und doch ganz biegsam der Vorlage angepasst. So tönt Gott, der die Welt erschafft, ähnlich wie der Müller, der den Esel der Bremer Stadtmusikanten zum Schlachten schicken will: autoritär. Aber unterschiedlich autoritär: gelassen machtbewusst der eine, knarrend kompensatorisch der andere. Unerschrocken begab sich Gerster auch in die Niederungen: die Märchenkönigin als grunzendes Schwein oder als quakender Frosch. Wir Kinder, drei Generationen, erkannten darin die vielfach belebte Welt, die uns umgab.

Ihre Karriere und ihr Ruhm starteten nicht ganz zufällig mit der Landesausstellung 1939. Die wurde als nationales Ereignis zelebriert, in düsterer Zeit scharte man sich ums Herdfeuer, erlebte, wie selbst durch Furcht und Schrecken hindurch ein glückliches Leben bis zum Ende möglich schien.

Als Erzählerin steht Trudi Gerster in einer langen mündlichen Tradition. Zugleich hatte sie teil an den Glanzzeiten des Radios, als «Spalebärg 77a» mit Margrit Rainer und Ruedi Walter nach dem Mittagessen die Familien zusammenhielt. Gerster blieb populär, als sich die Nation (na ja, die deutschsprachige, «einheimische» Nation) um das Fernsehen als das neue Lagerfeuer versammelte und das wohlige Gruseln in den Krimis von Francis Durbridge die Strassen leer fegte. Auch Trudi Gerster war einer dieser nationalen Fixpunkte, ständig präsent in den wechselnden Ton- und Bildträgern.

Seit eineinhalb Jahrzehnten ist das mündliche Erzählen als Slam Poetry und Stand-up-Comedy wiedergekehrt. Mit einigen der Jungen absolvierte Gerster kurze Gastauftritte.

Märchen unterhalten Kinder ohne Ende, aber sie lehren sie auch manches. In Gersters Werk gibt es zeitbedingte Klischees (von YouTube ist das Stück «Vum dumme Negerli» entfernt worden, weil es gegen das «Verbot von Hassrede verstösst»). Das Niedliche, Putzige war ihr nicht fremd, kam in Tiergeschichten über «Elefäntli», «Chatze» und «Drache» zum Ausdruck, die wie bei Walt Disney stereotype menschliche Eigenschaften ins Tier verlegen. Aber ihre Hauptstücke sind doch die klassischen Märchen: die Brüder Grimm, Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff, dazu James Barries «Peter Pan» oder Hugh Loftings «Doktor Dolittle», auch Astrid Lindgren. Und die sind tiefgründiger, auch wenn man sie nicht direkt umdeutet.

Die ganze Welt beseelt

Die Begriffe von Märchen und Fabel, Sage und Mythos flirren in ihrer Bedeutung, gehen ineinander über. Meist sind Märchen allerdings begrenzter, privater als die anderen Formen. Es geht nicht um weltgeschichtliche Dramen oder um lokalpolitische Auseinandersetzungen in archetypischer Form. Im Märchen ist die ganze Welt beseelt. Tiere können reden, Fabelwesen tauchen auf. Zugleich bleiben realistische Partikel erkennbar und reale menschliche Beziehungen. Selbstverständlich, es gibt auch hier die Guten und die Bösen, und die Ersteren siegen zum Schluss. Aber das ist kaum moralisch überformt. Gott existiert nicht. Trotz des Zauberischen, das durch die Märchen weht, sind sie auf ihre Weise säkularisiert. Alles ist möglich. Auch der Sieg für die Kleinen und Schwachen. So sind sie gelegentlich, mit einem Erwachsenenbegriff: emanzipatorisch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch