Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Lebewesen sind ineffizient

Wer versucht, die Landwirtschaft zu einer Industrie zu machen, handelt sich grosse Probleme ein, schreibt WOZ-Redaktorin Bettina Dyttrich im neuen «Widerspruch».

Von Bettina Dyttrich

Anfang November 2013 besuchte das Schweizer Radio SRF die Geflügelverarbeitungsfabrik Tilly Sabco in der Bretagne. Jeden Tag schlachten, waschen und verpacken ArbeiterInnen dort 250 000 Hühner; tausend Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Fabrik ab. Ein grosser Teil des Pouletfleisches wird exportiert.

Doch der Fabrik geht es schlecht. Die Nachfrage sinkt wegen der Wirtschaftskrise, und nun fallen ab Januar 2014 auch noch die Exportsubventionen der EU weg. Ohne diese Subventionen, sagt der Direktor, sei Tilly Sabco nicht konkurrenzfähig gegenüber der brasilianischen Hühnerindustrie. Ab Januar drohen Entlassungen. Darum trägt der Direktor wie viele andere BretonInnen eine rote Zipfelmütze – als Protest gegen Präsident François Hollande und seine Schwerverkehrsabgabe, als Protest auch gegen den wirtschaftlichen Niedergang der Region, die von der intensiven Tierproduktion abhängig ist.

Aus gewerkschaftlicher Sicht möchte man sich solidarisieren mit den ArbeiterInnen von Tilly Sabco, die ihre Jobs nicht verlieren wollen. Aus tierschützerischer Sicht kommen allerdings sofort Zweifel auf. Und wie sieht es unter dem Blickwinkel der internationalen Solidarität aus? Ist es nicht ohnehin fairer, das Pouletfleisch aus Brasilien zu beziehen und damit ein Schwellenland bei seiner Industrialisierung zu unterstützen?

Das Beispiel zeigt, wie kompliziert und widersprüchlich die heutigen globalen Nahrungsmittelsysteme geworden sind. Schon im 19. Jahrhundert spezialisierten sich die Landwirtschaftsbetriebe an der westeuropäischen Atlantikküste auf Milch- und Fleischproduktion auf der Basis von importiertem Futter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie intensiviert und industrialisiert: Die Wege zu den Häfen, wo das Futter – Getreide und Soja – aus Nord- und Südamerika ankommt, sind nicht weit. Die räumliche Trennung von Futteranbau und Fütterung hat jedoch problematische ökologische Folgen: Die Futterkalorien verwandeln sich in Mist und Gülle, die in Europa zu Überdüngung führen, während sie im Futteranbaugebiet fehlen und durch Kunstdünger ersetzt werden. Mit der Konkurrenz aus Brasilien droht nun ein neuer Globalisierungsschub die bisherigen globalisierten Strukturen zu zerstören. Ob industrielle Hühnermast in Brasilien oder Frankreich sinnvoller ist, darüber lässt sich streiten. Problematisch ist sie auf jeden Fall, nicht nur aus Tierschutzgründen. Der Versuch, aus der Landwirtschaft eine Industrie zu machen, hat überall auf der Welt zu grossen Problemen geführt.

Was ist eigentlich Landwirtschaft? Die Frage scheint banal, aber das täuscht. Anders als die Industrie nutzt die Landwirtschaft Lebewesen. Damit hat sie in einer industrialisierten Wirtschaft einen gewichtigen Nachteil, denn Lebewesen sind «ineffizient»: Sie sind angewiesen auf Boden, Wasser und Sonnenenergie. Davon gibt es nicht unbeschränkte Mengen und nicht das ganze Jahr gleich viel. Eine Fabrik kann das ganze Jahr rund um die Uhr produzieren – zumindest wenn Energie und Rohstoffe verfügbar sind und die ArbeiterInnen nicht streiken. Eine Kuh oder ein Gemüsefeld kann das nicht. Und während ein industrielles Produkt dank technischem Fortschritt immer schneller hergestellt werden kann, gilt das nicht für Milch oder Äpfel.

Die Grenzen der Züchtung

Aber die Landwirtschaft ist doch auch immer effizienter geworden! Das stimmt, es gab seit dem 19. Jahrhundert enorme Fortschritte in der Pflanzen- und Tierzucht. Ein Biobauer kann heute mehr Getreide pro Hektare ernten als ein Bauer in der Zwischenkriegszeit, der die damals neuen Möglichkeiten – Spritzmittel und Kunstdünger – ausreizte. Doch der Züchtungsfortschritt hat Grenzen. Beim Getreide ist es schlicht die Physik: Irgendwann wird die Ähre zu schwer, der Halm fällt um. Konventionelle LandwirtInnen helfen dem ab, indem sie Chemikalien einsetzen, sogenannte Halmverkürzer. Eine nachhaltige Lösung sieht anders aus.

Auch bei den Nutztieren hat der Züchtungsfortschritt Grenzen: Es gibt heute zwar Kühe, die pro Jahr 10 000 Kilogramm Milch und mehr geben. Um solche Leistungen zu erreichen, müssen sie allerdings mehr Getreide und Soja fressen, als ihren Wiederkäuermägen guttut. Das macht sie anfällig für Verdauungsprobleme und Fruchtbarkeitsstörungen. Viele werden früh geschlachtet.

Der Züchtungsfortschritt macht nur einen Teil der Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft aus. Wichtiger ist etwas anderes: das Erdöl. Ein grosser Teil der Handarbeit wurde im 20. Jahrhundert durch Maschinenarbeit ersetzt, zumindest in den Ländern, die es sich leisten konnten. Herbizid spritzen statt Unkraut jäten, Mähmaschine statt Sense, mit hohem Energieaufwand hergestellter Kunstdünger statt (oder zusätzlich zum) Mist: «Das Fundament des bäuerlichen Familienbetriebs bestand fortan, bildlich gesprochen, aus Erdölfässern», schreiben die Historiker Peter Moser und Werner Baumann. Auch Melkroboter gibt es inzwischen.

Effizienzsteigerung heisst Zeitersparnis, und das kann in der Landwirtschaft zu neuen Problemen führen. Vor allem in der Tierhaltung, denn sie hat viel mit Beziehungsarbeit zu tun, ähnlich wie in Dienstleistungsberufen: mit Care-Arbeit. Auch Nutztiere brauchen für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit Zeit und Zuwendung. Vieles, was früher Zeit brauchte, wird heute medikamentös «gelöst». Ein typisches Beispiel sind Euterentzündungen, eines der häufigsten Gesundheitsprobleme von Milchkühen. Eine simple Behandlungsmethode besteht darin, das kranke Euter alle paar Stunden auszumelken. Doch dafür hat heute niemand mehr Zeit. Dafür gibt es heute Antibiotika. (…)

Freihandel: Fast alle verlieren

Die Mehrheit der Bauern und Bäuerinnen der Welt arbeitet heute noch von Hand. Nicht mit Zugtieren, mit Traktoren schon gar nicht, sondern mit Hacke, Spaten, Machete. Mit solchen Werkzeugen kann eine Bäuerin etwa eine Hektare Land pflegen – ein hundert Meter langes und hundert Meter breites Feld. Ein mit den modernsten Maschinen ausgerüsteter Landarbeiter kann dagegen mindestens 200 Hektaren bewirtschaften. Vorausgesetzt, das Land ist flach.

Bei solchen Vergleichen wird klar, dass ein offener Weltmarkt niemals auch nur ansatzweise gerecht sein kann. Von offenen Grenzen profitieren nur die, die am billigsten produzieren können. Dafür müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Das Land muss flach, fruchtbar und gut erschlossen sein, es braucht Kapital für Maschinen und Vermarktung sowie grossflächige Besitzstrukturen. Wichtig sind auch tiefe Lohnkosten und tiefe ökologische Standards, also keine strengen Gesetze, die die Gentechnik oder den Pestizidverbrauch einschränken oder Vorgaben zur Fruchtfolge machen. Nur auf wenige Länder der Welt treffen alle Bedingungen zu, eigentlich nur auf Argentinien, Brasilien und Paraguay. In anderen klassischen Agrarexportländern wie den USA oder Kanada ist das Lohn- und Kostenniveau bereits zu hoch; sie sind nur mit Exportsubventionen international konkurrenzfähig. In der Ukraine und Teilen Russlands, die ziemlich ideale Voraussetzungen bieten, mangelt es zurzeit noch an der Infrastruktur – doch in den letzten Jahren haben Agrokonzerne dort im grossen Stil investiert.

Aber auch in den wenigen international konkurrenzfähigen Agrarexportländern profitiert nur eine kleine Minderheit von GrossgrundbesitzerInnen, denn die industrialisierte Landwirtschaft braucht nur wenige Arbeitskräfte. (…) Noch mehr verlieren die Menschen in den ärmeren Ländern der Tropen, die keine Maschinen besitzen, empfindliche Böden bewirtschaften müssen und kaum auf Infrastruktur zur Vermarktung ihrer Produkte zählen können. In den reichen Ländern sind dagegen die Arbeitskosten zu hoch, um wirklich billig produzieren zu können, in gebirgigen Staaten wie der Schweiz kommt noch die schwierige Topografie dazu. Während die reichen Länder es sich jedoch leisten können, einen Teil dieser Nachteile mit Direktzahlungen auszugleichen, haben die armen diese Möglichkeit nicht. (…)

Heute stehen sich zwei Modelle von Landwirtschaft gegenüber, die wenig miteinander zu tun haben. Das eine Modell geht von einem Mengenproblem aus. Seine VertreterInnen glauben, der Hunger lasse sich mit höheren Erträgen aus der Welt schaffen. Sie setzen also auf Ertragssteigerungen – und sei es mit hohen Pestizideinsätzen, Gentechnik und der damit verbundenen Abhängigkeit von Grosskonzernen. Auf dieser Denkweise fusste die sogenannte Grüne Revolution, das grosse Intensivierungsprojekt, das US-WissenschaftlerInnen während des Kalten Kriegs in den Ländern des Südens vorantrieben. Angelika Hilbeck, Pflanzenökologin an der ETH Zürich, kritisiert: «Man hat die Besonderheiten der lokalen Landwirtschaftsformen vernichtet und versucht, überall das gleiche industrielle Agrarsystem einzuführen. Und wenn es nicht passte, wollte man das mit externen Inputs wettmachen: mit Chemie und grossen Maschinen.» (…)

Lokal statt grosstechnisch

Das andere Modell weist grosstechnische Ansätze zurück und orientiert sich an lokalen Bedürfnissen und ökologischen Methoden. Markus Arbenz, Geschäftsführer des Weltbioverbands IFOAM, plädiert für eine «Ökointensivierung»: «Wir wollen die Produktion intensivieren, aber mit der Natur, nicht gegen sie.» Auf schlechten Böden in den Tropen werfe Biolandbau sogar mehr ab, weil er Humus aufbaue. Auch der Weltagrarbericht hat 2008 betont, dass ökologischer Landbau Umweltprobleme löse und die Produktivität erhöhe. Der gleiche Bericht kritisierte die einseitige Ausrichtung auf Ertragssteigerungen.

Doch die Ökologisierung stösst im Kapitalismus an Grenzen. Angelika Hilbeck meint nüchtern: «Wir werden keine ökologische Landwirtschaft hinbekommen, solange wir das bestehende ökonomische System erhalten. Denn es belohnt jene, die Raubbau betreiben und alle Umwelt- und Gesundheitskosten externalisieren, und bestraft jene, die ökologisch wirtschaften.»

Darum tut auch eine Neuordnung der Handelspolitik not. Die globale bäuerliche Bewegung La Via Campesina fordert seit den neunziger Jahren Ernährungssouveränität: das Recht der Bevölkerung von Ländern und Regionen, ihre Agrarpolitik selbst zu bestimmen, das Verbot von Preisdumping durch Exportsubventionen, den Vorrang kleinbäuerlicher Landwirtschaft für die regionale Versorgung, Zugang zu Land, Wasser, Saatgut und Krediten.

Die Ernährungskrise von 2008 hat gezeigt, dass Weltmarktabhängigkeit schnell zu Hunger führt. Doch die Konsequenzen sind nicht gezogen worden: Die vielen bilateralen und multilateralen Freihandelsabkommen, die in den letzten Jahren lanciert wurden, treiben die Liberalisierung weiter voran. Genau wie die WTO, die im Dezember 2013 auf Bali zum ersten Mal seit ihrem Bestehen ein Abkommen zustande brachte, funktionieren sie nach der Ideologie: Je mehr Handel, desto besser.

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