Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Er hat das menschliche Handeln ganz aus dem Diesseits erklärt

Baruch de Spinoza (1632–1677) erfährt in den letzten Jahren eine Renaissance. Zwei Neuerscheinungen zeigen, wie sehr er aktuelle Debatten zur Macht- und Herrschaftskritik inspiriert.

Von Raul Zelik

Eine der grossen Fragen kritischer Theoriedebatten lautet, ob Poststrukturalismus und Marxismus miteinander vereinbar seien. Während die einen darauf verweisen, dass sich Poststrukturalisten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze in den siebziger Jahren klar aufseiten der (überwiegend marxistischen) radikalen Lin

ken verorteten und für die entpolitisierte Rezeption ihrer Arbeiten nicht verantwortlich gemacht werden können, heben andere die methodischen Gegensätze hervor: Der Marxismus will Herrschaftsverhältnisse vom zentralen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit herleiten, PoststrukturalistInnen hingegen geht es vielmehr darum, die vielfältigen Entwicklungslinien der Macht anhand von Körperregimen, Selbstwahrnehmungen, Diskursen oder Wissensformen nachzuzeichnen.

Spinoza als Materialist

Tatsächlich liegen schon sprachlich Welten zwischen den beiden Theorieschulen. Während der Marxismus auf apodiktische Realitätsbeschreibungen setzt, sind poststrukturalistische Darstellungen oft von einer programmatisch bewusst gewählten Unschärfe geprägt. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Neben dem eher allgemeinen Interesse an der Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse ist da beispielsweise der Bezug auf den Philosophen Baruch de Spinoza.

Der 1632 in den Niederlanden geborene Aufklärer ist in den letzten Jahren von verschiedener Seite neu entdeckt worden. Marxistische und linksliberale Theorien interessieren sich für ihn, weil er als früher Religionskritiker die Gesellschaft aus sich selbst heraus (also immanent, ohne Rückgriff auf höhere Mächte) zu erklären versuchte, gleichzeitig aber auch – ganz dem politischen Realismus verpflichtet – nach der faktischen Machbarkeit demokratischer Staatsformen fragte. In diesem Sinn kann man Spinoza, wie es der italienische Philosoph Antonio Negri tut, durchaus materialistisch lesen. Auf der anderen Seite ist Spinoza aber auch für das poststrukturalistische Denken attraktiv, da er mit seinen Abhandlungen über die Affekte emotionale und identitätsformende, also biopolitische Aspekte der Gesellschaft thematisierte.

Ein Raum zum Handeln

Diese Aktualität Spinozas als Begründer gesellschaftskritischer Theorie steht auch bei den Neuerscheinungen von Martin Saar und Christoph Dittrich im Mittelpunkt. Der in Frankfurt lehrende Sozialwissenschaftler Saar legt mit «Die Immanenz der Macht» eine äusserst kompetente Einordnung von Spinozas Schriften in die politiktheoretischen Debatten der Gegenwart vor. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei Spinozas Machttheorie, die in den letzten Jahren vor allem durch Antonio Negris und Michael Hardts Buch «Multitude» (2004) popularisiert wurde. Saar grenzt sich dabei allerdings klar von Negri ab. Während Negri bei Spinoza eine eindeutige Unterscheidung zwischen der schaffenden Potentia (analog zu Negris «Multitude») und der unterbindenden Potestas (Negris «Empire») erkennt, insistiert Saar, dass Macht bei Spinoza stets ambivalent gedacht sei.

Die besondere Leistung Spinozas bestehe darin, eine zugleich ontologische und vielschichtige Machttheorie entwickelt zu haben. Soll heissen: Bei Spinoza ist menschliches Sein untrennbar mit Macht, verstanden als Vermögen (Potentia), verbunden. Diese Macht besitzt drei grundlegende Eigenschaften: 1. Sie ist keine feststehende Struktur oder Essenz, sondern konstituiert sich dynamisch mit den AkteurInnen auf einem gesellschaftlichen Feld. 2. Sie beschreibt stets ein Verhältnis, weil Macht immer auf anderes bezogen sein muss. 3. Sie ist in einem Spiel von Kräften verortet, das heisst das Vermögen, etwas zu tun, wird unablässig gesteigert oder verringert.

Für Saar ist diese Theorie einer ambivalenten – vermögenden und untersagenden – Macht deshalb so attraktiv, weil es dementsprechend weder «den einen Ort der Macht» noch eine «reine Abwesenheit von Macht» geben kann. Zwischen «Machtbesitzern und Machtlosen» sei letztlich nicht eindeutig zu unterscheiden. Dieser Ansatz führe, so Saar, aber nicht in die Beliebigkeit, weil gleichzeitig immer auch die Frage nach den unterschiedlich grossen Handlungsspielräumen der AkteurInnen aufgeworfen werde.

Saar gelingt es in seinem Buch nicht nur, Spinozas Machttheorie anschaulich herauszuarbeiten. Er zeigt auch die Anknüpfungspunkte für poststrukturalistische, linksliberale, kritisch-marxistische und feministische Debatten auf. Manchmal schlingert er dabei etwas unentschlossen zwischen einer subversiven und einer herrschaftsimmanent-machttechnischen Interpretation hin und her. So passt sein Interesse an Negri, Judith Butler oder Louis Althusser nicht recht zu dem von ihm formulierten Angebot, Spinozas Machttheorie für die (herrschaftskonforme) Governance-Forschung der Mainstreampolitikwissenschaften nutzbar zu machen.

Einen ganzen anderen, begrenzteren, jedoch nicht minder intelligenten Ansatz verfolgt Christoph Dittrich in «Weder Herr noch Knecht». Der Kölner Philosoph und Übersetzer rekonstruiert die von Gilles Deleuze 1980/81 in Vincennes gehaltenen Vorlesungen zu Spinoza und legt dabei die Herrschaftskritik von Deleuze frei, bei der Macht als niedrigste Stufe des Vermögens interpretiert wird. Deleuze arbeitete in den Vorlesungen zunächst heraus, wie Spinoza die Abkehr von der Philosophie seiner Zeit betrieb und welche Rolle der Begriff der Immanenz dabei spielte. Wenn Menschen und Gesellschaft aus sich selbst heraus erklärt werden sollen, dann gilt es zu verstehen, wer diese «vermögenden» Körper eigentlich sind. In diesem Sinn wandte sich Deleuze in einem zweiten Schritt den unterschiedlichen Schichten der Individualität zu und gelangte schliesslich zu der Fragestellung, was die ihr Vermögen unterdrückenden Individuen (sowohl Knechte als auch Herren) eigentlich bewegt. Es geht also um die autoritäre Existenzweise und Auswege daraus.

Mit «Weder Herr noch Knecht» legt Dittrich den Blick auf den politischen Deleuze frei, der hinter wuchernden Reflexionen zu Literatur, Musik, Anthropologie und Botanik manchmal verloren zu gehen droht. Dabei skizziert er, dass der spinozistische Deleuze auch zu einem kritischen Marxismus einiges zu sagen hätte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch