Nr. 19/2014 vom 08.05.2014

Schwungvoll und komplex

Von Franziska Meister

Dieses Buch als Liebesgeschichte zu beschreiben, greift viel zu kurz: Selten ist so tiefschürfend, sensibel und gleichzeitig entlarvend darüber geschrieben worden, wie die Hautfarbe in den USA nach wie vor Sein und Bewusstsein der Menschen bestimmt und was für ein Dasein Europa seinen Sans-Papiers aufzwingt. «Americanah», der neuste Roman der in den USA lebenden Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, hat das Format zum philosophisch-soziologischen Klassiker. Und überzeugt als literarisches Werk dank schwungvoller Dramaturgie und komplex gezeichneten ProtagonistInnen.

Mit den Augen von Ifemelu und Obinze führt uns die Autorin in das Nigeria der neunziger Jahre, wo sich die beiden Teenager verlieben. Doch das Leben unter der Militärdiktatur ist so perspektivlos, dass sich Ifemelu in die USA aufmacht, um dort zu studieren – was eigentlich der lang gehegte Traum ihres Freundes Obinze war. Doch als er ihr nachfolgen will, verweigert ihm das nach den Attentaten vom 11. September 2001 gezeichnete Land die Einreise, und er landet stattdessen in England. Während Ifemelu ihre Alltagserfahrungen in einem viel beachteten Blog reflektiert, gerät Obinze als Sans-Papier in London in einen Abwärtsstrudel aus Demütigungen, der ihn schliesslich zurück nach Nigeria katapultiert, wo er in den Dunstkreis eines neuen mafiösen Unternehmer-Establishments gesogen wird. Nach fünfzehn Jahren begegnet Obinze, inzwischen Familienvater, Ifemelu in Lagos wieder, und sein Leben gerät erneut aus den Fugen.

«Americanah» ist eben in deutscher Übersetzung erschienen – die eigentliche Entdeckung aber ist das Hörbuch in englischer Sprache, gelesen von der britischen Schauspielerin Adjoa Andoh. Wie sie es schafft, auch noch die kleinsten Nuancierungen in Dialekt und Aussprache aller Figuren zu artikulieren und damit Adichies Charakter- und Milieuzeichnung eine weitere Dimension zu verleihen, ist schlicht ein Erlebnis!

Chimamanda Ngozi Adichie liest am Mittwoch, 
14. Mai 2014, um 20 Uhr im Kaufleuten in Zürich aus «Americanah».

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