Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Ein gutes Beispiel für das ganze Wallis

Das Binntal hat enorme Veränderungen erlebt und sie souverän gemeistert. Gerold Koller legt ein umfassendes Werk über Geschichte und Gegenwart der abgeschiedenen Talschaft vor.

Von Bettina Dyttrich

«Äs zääis Wiberli bin i scho gsii»: Die Binntalerin Anna Zumthurm hat zwölf Kinder geboren – manchmal mitten in der Heuernte. Fotos: Nelly Rodriguez

Die Alpen sind nicht nur schön. Sie sind auch bedrohlich. Sie zeigen, dass wir die Natur nie ganz im Griff haben. Das sei etwas, was wir von den Alpen lernen könnten, sagt der Geograf Werner Bätzing (vgl. «Der Mensch hat die Natur nie vollständig im Griff»).

Im Binntal müsste er das niemandem erzählen: Hier kennen alle Geschichten von Vorfahren, Nachbarinnen oder Verwandten, die in Abgründe stürzten, vom Blitz getroffen wurden oder nur mit viel Glück einer Lawine entkamen. Naturgefahren prägen den Alltag bis heute – und sie haben geholfen, die einzigartige Landschaft des Walliser Seitentals zu bewahren. Der ehemalige Gemeindepräsident Karl Imhof bringt es auf den Punkt: «Wenn jeweils Auswärtige fragten, warum wir nicht grössere Bauzonen ausschieden, entgegnete ich ihnen: Wir haben die Bauzonen eingeteilt – durch Lawinen.»

Imhof ist einer der wichtigsten ProtagonistInnen des neuen Binntal-Buchs von Gerold Koller. Der pensionierte Gymnasiallehrer Koller knüpft mit seinem Buch an eine Chronik an, die der Binntaler Pfarrer Karl Jost 1946 verfasste. «Das Binntal» ist ein umfassendes, spannendes Werk über Geschichte und Gegenwart geworden.

Seltener Mineralienreichtum

Das Binntal liegt hinter der gefährlichen Twingi-Schlucht, eine einigermassen lawinensichere Strasse gibt es erst seit fünfzig Jahren. Trotzdem lebten die BinntalerInnen nicht schlecht: Anders als in vielen anderen Walliser Tälern war Wasser hier nie knapp, und die Alpen gaben so viel her, dass man Käse und Vieh nach Italien exportieren konnte. Und dann wurde das Tal berühmt: «Diese Gegend liefert in der Tat die aussergewöhnlichste Zusammenstellung von seltenen Mineralien, die man bisher gefunden hat», schrieb der französische Geologe Léon Desbuissons Anfang des 20. Jahrhunderts. GeologInnen entdeckten im Binntal Dutzende von zuvor unbekannten Mineralien, die Steine wurden für die Einheimischen zu einer wichtigen Einkommensquelle. In der Mineraliengrube Lengenbach tummelten sich bald auch TouristInnen und Kinder, fasziniert vom typischen «Zuckerdolomit» des Binntals, weiss mit goldenen Pyritkörnchen.

Gerold Koller lässt die BinntalerInnen ausführlich selbst zu Wort kommen. Etwa die Bäuerin Anna Zumthurm, die die Kindheit bei einer fremden Familie verbringen musste und die traditionelle Selbstversorgerwirtschaft noch miterlebte: «Man schlachtete Kühe, Schafe, Schweine. Hühner selber zu töten, da war ich Barbarin genug. Auch der Roggen kam von den eigenen Äckern.» Sie habe «mähen, Mist tragen, krüppeln» müssen, später gebar sie zwölf Kinder, war oft noch einen Tag vor der Niederkunft am Heuen und sagt dennoch, sie sei glücklicher gewesen, «als viele Frauen es heute sind».

Oder André Gorsatt, der als uneheliches Kind bei den Grosseltern aufwuchs, von klein auf in die Berge Kristalle suchen ging und später das Strahlen zum Beruf machte. Josef Mangold verlor seinen Vater in einer Lawine und trug schon als Fünfzehnjähriger fünfzig Kilo schwere Salzladungen auf die Alp. Es sind eindrückliche Lebensgeschichten, illustriert mit erstaunlich poetischen alten Privatfotos, die die Befragten dem Autor zur Verfügung gestellt haben. Die Fotografin Nelly Rodriguez hat die gleichen Menschen heute porträtiert, die Binner Holzarchitektur und überraschende Landschaftsausschnitte eingefangen.

«Trinkst es halt kalt»

Schade nur, dass Koller mit elf Männern, aber bloss drei Frauen gesprochen hat. Natürlich waren es bis vor kurzem vor allem Männer, die im öffentlichen Leben standen. Trotzdem gäbe es sicher mehr Frauen im Binntal, die etwas zu erzählen hätten.

Schöne Landschaft mit seltenen Steinen: Der weisse FIeck ist die Grube Lengenbach, wo vor hundert Jahren kommerziell Mineralien abgebaut wurden. Im Hintergrund der Scherbadung (3211 Meter).

Wie in vielen Teilen der Alpen, war und ist auch im Binntal vieles gemeinschaftlich organisiert, etwa die Alpwirtschaft. So war es für die Binner naheliegend, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts für die Mineraliengewinnung ein «Steinmännersyndikat» gründeten (später wurde eine AG daraus). Doch auch eine genossenschaftliche Wirtschaft schützt nicht vor Egoismus. Das zeigt Karl Imhof mit einem traurigen Beispiel: Waldarbeiten wurden früher oft öffentlich vergeben – an jene, die das billigste Angebot machten. «Einmal gingen junge Burschen mit dem Preis so tief hinunter, dass die betroffene Frau sagte, da verdiene man ja nicht mal das laue Wasser. ‹Dann trinkst es halt kalt›, bekam sie zur Antwort.» Auch er als Gemeindepräsident habe sich oft von den Gemeinderäten alleingelassen gefühlt.

Die Rettung der Schule

Von aussen wirkt das Binntal wie ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Doch das täuscht. Die BinnerInnen suchten immer wieder geschickt nach neuen Einkommensmöglichkeiten, etwa die im Buch porträtierten Imhof-Brüder, die Holzschnitzer wurden, als sie merkten, dass man davon leben konnte. Patchwork-Erwerbsbiografien gibt es hier schon lange: etwas Landwirtschaft, etwas Tourismus, etwas Handwerk, ein öffentliches Amt. Die älteren Porträtierten haben in ihrem Leben enorme Veränderungen erlebt und das offenbar souverän gemeistert.

Und wenn es darum ging, neue Lösungen für den Alltag zu suchen, ging man auch mal in die Offensive. Zum Beispiel Mitte der neunziger Jahre, als die Schliessung der Schule drohte, weil nur noch wenige Kinder in Binn lebten. Mit Inseraten suchte die Gemeinde in der ganzen Deutschschweiz Familien, die ins Tal ziehen wollten. Sie seien gut aufgenommen worden, erinnern sich Regina und Wanja Gwerder. Die Binner BäuerInnen traten der Bauernfamilie Gwerder Land ab und schenkten ihr einen Heuvorrat. Gwerders blieben trotzdem nur vier Jahre, weil sie einen Bauernhof im Prättigau kaufen konnten. Doch die Schule war gerettet.

Heute arbeiten auf den Binner Alpen Deutsche und Holländerinnen, auch die Tierärztin ist Deutsche, und ein Luzerner hat (zusammen mit einer Walliserin) einen Hof übernommen. Auch der Mann, der auf die Idee kam, das Binntal unter Schutz zu stellen, war ein Auswärtiger: der Appenzeller Willy Kraft. Damals, in den sechziger Jahren, gab es jede Menge abstruser Projekte, etwa eine Kette von Seilbahnen von Brig über den Saflischpass ins Binntal und weiter Richtung Gotthard. Zusammen mit Karl Imhof schlug Kraft den BinnerInnen vor, einen Teil des Tals unter Schutz zu stellen – zu seinem Erstaunen stimmten die Einheimischen nicht nur zu, sie schützten sogar das ganze Tal.

Heute ist daraus der Landschaftspark Binntal geworden. Die Pflege der Kulturlandschaft und eine angepasste Wirtschaftsentwicklung stehen dabei im Zentrum. Schreiner, Älplerinnen und Holzschnitzer können ihre Produkte heute mit einem eigenen Parklabel vermarkten. Im Wallis, das oft immer noch auf Beton setzt, ist das Binntal zu einem Beispiel geworden, dass es tatsächlich auch anders möglich wäre.

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