Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Möge Gott uns vor Tamedia bewahren

In der Romandie werden Printmedien heute unter fast «kriegswirtschaftlichen» Bedingungen hergestellt. Mit innovativen Strategien versuchen sie, der Krise zu trotzen – mit einigem Erfolg.

Von Helen Brügger

Niemand hätte dem «Vigousse» mehr als ein paar Monate gegeben. Doch die satirische Wochenzeitung feiert am 4. Dezember ihren fünften Geburtstag. Seit den Zeiten des 68er-Revoluzzerblatts «Tout va bien» hat die Westschweiz kein so erfrischend unbotmässiges, respektloses und mitunter auch derb kalauerndes Magazin mehr erlebt. Die Mischung aus Recherchen, Geschichten aus dem Alltag kleiner Leute, Satire und Karikatur vom Feinsten hat sich als dauerhaft erwiesen: Der «Vigousse» hat etwa 6000 AbonnentInnen und verkauft rund 2000 Exemplare am Kiosk.

Der Kioskerfolg hätte dem subversiven Projekt beinahe den Garaus gemacht: Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) befand, der «Vigousse» habe kein Anrecht auf die staatliche Presseförderung, da der verbilligte Postversand nur jenen Presseerzeugnissen zustehen würde, deren Auflage zu mehr als 75 Prozent aus Abonnements besteht. Erst das Bundesgericht stellte das Bakom in den Senkel und sprach dem «Vigousse» am 27. Oktober 2014 schliesslich die Förderung zu. Thierry Barrigue, Gründer, Chefredaktor und Pressezeichner, freut es: «Wir werden dieses Geld in journalistische Recherchen stecken.» Denn gerade die Enthüllungen sind es, die, ähnlich wie beim französischen Magazin «Le Canard enchaîné», aus den «Vigousse»-Fans eine eingeschworene Gemeinschaft machen.

Bedrohter «Courrier»

Auch die linke Tageszeitung «Le Courrier» zählt auf die Unterstützung einer treuen Gemeinde, seit Jahren sind es zwischen 8000 und 9000 AbonnentInnen. «Le Courrier» ist die «Stimme der anderen Romandie»: Berichterstattung und Analysen aus linker und humanistischer Sicht. Doch die Zeitung ist bedroht: Die Kosten steigen, die Redaktion überlegt sich, den «Courrier» nur noch fünf- statt sechsmal pro Woche erscheinen zu lassen oder auf einen Teil des 13. Monatslohns zu verzichten, um das Defizit zu begrenzen.

Bisher ist man mit hausgemachten finanziellen Schwierigkeiten immer fertig geworden. Was der Zeitung jetzt das Genick brechen könnte, ist die Erhöhung der Posttaxe, die die Zeitungen noch dieses Jahr bezahlen müssten, falls die hängigen Rekurse abgelehnt werden. Für den «Courrier» hiesse das, dass das Defizit um 120 000 Franken vergrössert würde: «Es würde uns existenziell bedrohen», bestätigt Ko-Chefredaktor Philippe Bach. Die Zeitung setzt deshalb auf eine politische Aktion: Sie führt den Westschweizer Widerstand gegen die Erhöhung der Posttaxe mit einem offenen Brief an Bundesrätin Doris Leuthard an (siehe WOZ Nr. 36/2014). Die Antwort aus Bern steht noch aus.

Branchenfremd, aber zukunftsfroh

Eine innovative Strategie zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit hat die unabhängige Freiburger Regionalzeitung «La Liberté» gefunden. «La Liberté» gehört den Sœurs de St-Paul, katholischen Ordensschwestern, die sich stets mit einer bescheidenen Rentabilität der Zeitung zufriedengaben. Doch weil bei ihnen der Nachwuchs und das Geld für ihre Pension fehlen, wurde das Kapital der Zeitung dieses Jahr erstmals geöffnet.

Die Schwestern, die auch heute noch die RedaktorInnen der Zeitung jeden Tag in ihr Abendgebet einschliessen, waren allerdings nicht bereit, das Blatt einem Grossverlag wie Tamedia oder dem französischen Pressemagnaten Philippe Hersant in den Rachen zu werfen – Gott bewahre! Sie mobilisierten die Öffentlichkeit und bereiteten umsichtig eine «Freiburger Lösung» vor: Am 24. September 2014 übernahmen die Freiburger Kantonalbank und die Elektrizitätsgesellschaft Groupe E, beide mehrheitlich im Besitz des Kantons, ein Drittel der Aktien. Chefredaktor Louis Ruffieux ist zufrieden: «Ich bin überzeugt, dass sich die neuen Aktionäre ebenso wenig wie die bisherigen in die Belange der Redaktion einmischen. Und ehrlich gesagt, habe ich lieber branchenfremde regionale Aktionäre, die an die Zukunft der Zeitung glauben, als einen Grossverlag, der das nicht tut.»

Seit April 2014 bereichert das Projekt «Sept» (sept.info) die Medienvielfalt der Romandie. Das Onlinemagazin, das einmal pro Woche auch auf Papier erscheint, stellt Recherche und Analyse ins Zentrum und beruft sich auf die Vaterfigur der JournalistInnen, Roger de Diesbach, der in der Romandie den Recherchierjournalismus gross gemacht hat und für den «eine belanglose Presse eine überflüssige Presse» war, wie er die Branche immer wieder mahnte. Sowohl Online- wie auch Papierausgabe von «Sept» sind nur im Abonnement erhältlich. Mit rund fünfzehn Angestellten, davon zehn JournalistInnen, ist die Zukunft des Projekts für fünf Jahre durch einen Geldgeber, den Freiburger Unternehmer Damien Piller, gesichert.

Unzimperlicher Ringier-Konzern

Auf Messers Schneide steht hingegen die Zukunft von «Le Temps». Die Zeitung, konzipiert als überregionale Qualitätszeitung mit eigenem Verlag, hat es geschafft, zum Referenzblatt des liberalen, weltoffenen Westschweizer Bürgertums zu werden. Wird sie auch im Alleinbesitz von Ringier die «Stimme der Romandie» bleiben? Der Transfer von Genf nach Lausanne ins Ringier-Hochhaus, die Einrichtung eines gemeinsamen Newsrooms mit der Ringier-Wochenzeitung «L’Hebdo» und dem Frauenmagazin «Edelweiss» – geplant für das Frühjahr 2015 – sind in dieser Hinsicht ein hohes Risiko.

Auch passt der wenig zimperliche Umgang von Ringier mit den Mitarbeitenden nicht zum bisherigen Selbstverständnis der Zeitung. Eine Mitarbeiterin berichtet: «Stellen Sie sich vor, Sie entdecken eines Tages, dass Ihr Job auf der Stellenplattform Jobup ausgeschrieben ist, ohne dass man Sie vorher auch nur über Ihre bevorstehende Kündigung informiert hat.»

Aus gut informierter Quelle ist zu erfahren, dass wegen des Newsrooms im nächsten Jahr rund fünfzehn Stellen im redaktionellen Bereich von «Le Temps» und «L’Hebdo» eingespart werden sollen – so viel, wie heute die Redaktion von «L’Hebdo» alleine beschäftigt. Die Zahl wird von Daniel Pillard, dem Direktor von Ringier Romandie, allerdings nicht bestätigt: «Wir kommunizieren keine Zahlen und wissen es selbst noch nicht genau», sagte er. «Aber es machen natürlich diverse Szenarien die Runde.» Die Einsparungen seien notwendig, um die Zeitungen zu retten. Ebenso wichtig sei jedoch die Wahrung der Identität der beiden Titel: «Weder der Verleger Michael Ringier noch der Markt würden einen Verlust der Vielfalt akzeptieren.»

An Ideen, wie der Krise zu trotzen ist, fehlt es den Westschweizer Gazetten offensichtlich nicht – im Gegensatz zu vielen Deutschschweizer Medien, wie Bundesrätin Doris Leuthard am 9. Mai 2014 am Swiss Medien Forum in Luzern kritisierte. Für Leuthard ist die Qualität der Zeitungen «derzeit in der Westschweiz höher». Die Westschweizer JournalistInnen dürfte das freuen – ihre Sorge ist vor allem die Abhängigkeit von Deutschschweizer und französischen Verlagshäusern. Und auch die Bedingungen, unter denen sie bei immer kleiner werdenden Redaktionsbudgets arbeiten: «Es sind unterdessen fast kriegswirtschaftliche Bedingungen», sagt ein Mitarbeiter der Hersant-Zeitungen «L’Express» und «L’Impartial».

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