Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Staubsauger im Kopf

Karin Hoffsten hat Facebook jetzt doch ein bisschen gern

Von Karin Hoffsten

Inzwischen hab ich auf Facebook ein paar «Freunde», die ich mein Lebtag weder gesehen noch gesprochen habe, zum Beispiel A., dem ich die Freundschaft antrug, weil mein Finger auf dem Touchscreen verrutschte. A. kommuniziert seinerseits so vielfältig, dass es sich zeitweilig anfühlt, als sei ich auf einer Party mit Unbekannten.

Unter dem Titel «Staubsauger im Kopf» schrieb er kürzlich: «Habe die aktuelle ‹Titanic› mit dem Mohammed-Suchspiel unter der Fernsehzeitung verborgen, immerhin hält unsere Putzfrau den Ramadan und hat zwei kräftige Söhne. Wenn ich irgendwo arbeiten müsste und zu allem Überfluss an einer Überzeugung leiden würde, ich liesse mir auch nur unwillig vom Arbeitgeber darauf herumtrampeln.» Hier (sehr verkürzt) die Folgen:

B.: «Ich finde das für mich heuchlerisch.» A.: «Weshalb? Ich behaupte ihr gegenüber ja nicht, in irgendeiner Weise korantreu zu sein, sondern erspare ihr nur einen Anblick, der sie möglicherweise kränken könnte.» B.: «Warum liest Du dann was, wofür du dich vor deiner Putzfrau schämst?» C.: «Wo liest du denn, dass A. sich schämt?» A.: «Das Wegräumen der ‹Titanic› ist einfach ein Entgegenkommen, da wir ja inzwischen alle wissen, dass Muslime da gewisse Empfindlichkeiten haben können.» D.: «Meinst du nicht, dass du dich da rassistisch verhältst?» E.: «Irgendwie fehlt mir da der kausale Zusammenhang.» A.: «Da mag eine Spur Paternalismus mitschwimmen, einfach durch das Dienstherrschaftsverhältnis begründet – ich bestimme, was ich meiner Putzhilfe zumuten kann. Aber es ist mir ja gerade darum zu tun, auf ihren ethnokulturellen Hintergrund Rücksicht zu nehmen.» F.: «Interessant-absurde Ansicht.» B.: «Ich verstehe das für mich halt nicht. Ich habe allerdings auch keine Putzfrau.» G.: «Du wirfst mit deinen Ansichten alle Moslems in einen Pott. Du differenzierst weder zwischen den einzelnen Sekten, noch ziehst Du einen aufgeklärten Islam in Betracht.» A.: «Ich komme zu keinem schlüssigen Bild: Sie trägt kein Kopftuch, ist modisch gekleidet, geschieden, begeht aber die muslimischen Feste und spricht nicht gut Deutsch. Aber Satire ist ja schon für Muttersprachler oft schwer zu verstehen.»

C.: «Mann, wie seid ihr denn drauf heute am frühen Vormittag?» B. (dank einiger hier nicht erwähnter Beiträge inzwischen offenbar nervlich am Ende): «Ja, ich bin Faschistin. Ich verurteile per se alle und kann nicht verstehen, dass jemand rücksichtsvoll ist. Ende.» H. (aus Berlin): «Man muss doch nicht aus jedem Taktgefühl eine Weltanschauung machen, meine Jüte.» I.: «Gut gesagt. Wirft die Frage auf, ob sich ‹Taktgefühl› nicht als praktische Alternative zur Weltanschauung anböte.»

Ach! Die Welt wäre eine bessere, machten sich alle, die eine Putzkraft beschäftigen, derlei Gedanken.

Karin Hoffsten hat keine Putzfrau und 
liebt irre Diskussionen auf hohem Niveau 
zu jedem Thema.

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