Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Manchmal bleibt nur Umkehren

Von Bettina Dyttrich

Als der Tierarzt auf den Hof kam, stand der Bauer mit dem Rücken zur Wand. Eine Mutterkuh stiess ihn gegen den Stall und hätte ihm wohl den Brustkorb eingedrückt, wenn sie nicht gestört worden wäre. Das zufällige Eintreffen des Tierarztes rettete sein Leben.

Der Mann, dem das vor Jahren passierte, war kein Anfänger, sondern erfahrener Landwirt. Später erfuhr er, dass die Aggression in der Familie der Kuh lag: Viele Tiere, die vom gleichen Zuchtstier abstammten, zeigten ein ähnliches Verhalten. Als man das merkte, hatte der Stier allerdings schon Nachkommen in diversen Ländern – die künstliche Besamung machts möglich.

Dass Rinder ihre Charaktereigenschaften vererben können, weiss man schon lange. Bei Mutterkühen kann ein kantiger Charakter allerdings dramatischere Folgen haben als bei Milchkühen: Mutterkühe leben mit ihren Kälbern zusammen und entwickeln einen starken Mutterinstinkt. Und weil sie nicht gemolken werden, haben sie oft weniger Kontakt zu Menschen – da werden auch sanfte Kühe wilder.

Das kann auf der Alp zum Verhängnis werden. Vor zwei Wochen wurde eine Wanderin in der Nähe von Laax totgetrampelt. Auch wenn es keine absolute Sicherheit gibt: Viele Unfälle liessen sich vermeiden, wenn alle einen Sicherheitsabstand von mindestens fünfzig Metern zur Herde einhalten würden. Manchmal geht das nicht, und es bleibt nur Umkehren. Aber darauf sollte man beim Bergwandern sowieso gefasst sein – auch ein Gewitter oder ein steiles Schneefeld kann zum Umkehren zwingen.

In der Nähe von Seilbahnstationen ist es sinnvoll, die sehr beliebten Wanderwege mit Zäunen von den Weiden zu trennen. Aber flächendeckend wird das kaum möglich sein. Dazu ist das Sömmerungsgebiet einfach zu gross: dreizehn Prozent der Schweizer Landesfläche, fast 5400 Quadratkilometer.

Verantwortungsvolle HalterInnen von Mutterkühen achten auf regelmässigen Kontakt zu den Tieren, damit diese nicht verwildern. Das braucht Zeit. Der Strukturwandel zu immer grösseren Betrieben, wie ihn das Bundesamt für Landwirtschaft propagiert, hilft da nicht: Es gibt Grenzen, wie viele Kühe eine Person seriös betreuen kann.

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