Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Von Schmerz, Schuld und Zufällen

In ihrem neuen Roman «Schmerz» erzählt die israelische Autorin Zeruya Shalev von einem Familientrauma – und verliert sich leider an manchen Stellen im Kitsch.

Von Ulrike Baureithel

Diese Schmerzensfrauen! Eigentlich dachte man, sie gehörten der Vergangenheit an, jener neuen Subjektivität der achtziger Jahre, als das weibliche Personal zwischen zwei Buchdeckeln am Mann oder an sich selbst litt, sich häutete und seine Erlösung in Selbsterfahrungsgruppen inszenierte. Die israelische Erfolgsautorin Zeruya Shalev, der seit «Liebesleben» (2000) im deutschsprachigen Raum eine treue Lesegemeinde folgt, gehört zu den Nachfahrinnen jener leidenden Weiblichkeitsfraktion, deren besserer Teil den Sprung aus den subkulturellen Frauenverlagen und -buchläden geschafft hat.

«Schmerz» heisst programmatisch Shalevs neuer Roman. Dieser Schmerz, im ersten Satz nur als ein «er» eingeführt, das auf einen Mann zu verweisen scheint, kommt zurück, alles überschwemmend und so unerwartet wie das Attentat vor zehn Jahren, von dem er seinen Ausgang nahm. Als erfolgreiche Direktorin einer Jerusalemer Schule und verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder könnte die 45-jährige Iris eigentlich glücklich oder, nun ja, zufrieden sein. Sie hat sich eingerichtet in einem Alltag, in dem sie den körperlichen Schmerz überwunden glaubte. Die Zuneigung zu ihrem Mann Micki, dem introvertierten Nerd, der lieber mit imaginären Gegnern Blitzschach spielt, als sich mit Iris auseinanderzusetzen, ist zwar Respektlosigkeit und uneingestandener Abwehr gewichen, die in getrennten Schlafzimmern befriedet wird. Doch immerhin hat sich Omer, der Problemsohn, ganz gut entwickelt, und die wenig ehrgeizige Tochter Alma, die ihre Armeezeit mehr schlecht als recht hinter sich gebracht hat, glaubt das Paar in Tel Aviv vorerst gut aufgehoben.

Glauben an die zweite Chance

Doch wie schon in Shalevs früheren Romanen treten dann der Zufall und die mit ihm verbundenen Möglichkeitsformen des Lebens als Akteure auf. Im Krankenhaus trifft Iris auf ihre einstige Jugendliebe Eitan, der sie nach dem Tod seiner Mutter plötzlich verlassen hat. Der damalige Schmerz hatte fast tödliche Folgen, und Eitans Wiederauftauchen ruft Erinnerungen wach: an den abwesenden Vater, der im Sechstagekrieg umgekommen ist; an die zuwendungsunfähige Mutter, die ihr die Betreuung ihrer jüngeren Zwillingsbrüder aufbürdete; und an jene Liebe der Siebzehnjährigen, die dem sich verlassen fühlenden Mädchen Erlösung versprach.

Inzwischen ist Eitan Arzt und – ausgerechnet! – Schmerztherapeut. Bei Iris diagnostiziert er posttraumatische Schmerzen, die von nun an doppeldeutig durch den Roman mäandern. Will sich Iris, die so lange an den Folgen seines Treuebruchs gelitten hat, erneut in Eitan verlieben? Und was soll aus ihrer Familie werden, Alma vor allem, die, wie sich herausstellt, einem Guru hörig ist, der ihr Erlösung verspricht durch «innere Befreiung vom Ego», sie vor allem aber ökonomisch und sexuell ausbeutet?

Neben dem Schmerz wird der Roman aber auch von Schuldzusammenhängen dominiert. Die Schuld Eitans gegenüber Iris, die so lange hoffte, er möge sich entschuldigen, mischt sich mit derjenigen Mickis, der an jenem verhängnisvollen Morgen des Attentats zu spät dran war, um die Kinder zur Schule zu bringen. Dass Iris seinen Job übernehmen musste und just in der Minute an dem Bus vorbeifuhr, in dem der Selbstmordattentäter die Bombe zündete, hat sich als Familientrauma eingenistet, denn auch Alma und Omer machen sich Vorwürfe. Warum hat sich der Junge damals widerborstig in die Toilette eingeschlossen, warum das Mädchen auf das Flechten französischer Zöpfe bestanden? Das zufällige Zusammenwirken all dieser Umstände brachte sie für lange Zeit um die schwer verletzte Mutter. Andererseits hätte Iris ohne diese Katastrophe Eitan nicht wiedergetroffen. «Von dem Moment an, an dem die Willkür plötzlich das Gefühl der Zugehörigkeit und der Kontinuität unterbricht, wird alles belanglos.»

Für einen kurzen Augenblick, als Iris und Eitan noch einmal zusammenkommen und die nicht ausgelebte, mythisch überhöhte Jugendliebe nachzuholen versuchen, glaubt Iris an «die zweite Chance im Leben». Doch die Affäre, ohnehin nur heimlich und schuldbewusst ausgelebt, wird überwölbt vom Familiendrama, das von der Schoah bis in die Gegenwart reicht. Die Probleme mit Alma nehmen dramatische Formen an, Iris glaubt plötzlich, auf ihr Glück verzichten zu müssen, um Alma zum Verzicht zu bewegen.

Nicht immer rutschfest

Sie habe, sagte Shalev vor kurzem auf dem Literaturfestival in Berlin, eigentlich gar nie über dieses Attentat, das sie miterlebt hatte, schreiben wollen, und ihr Roman sei auch nicht als therapeutischer Versuch zu verstehen. Es gehe ihr vielmehr um archetypische Familien- und Beziehungskonstellationen, Traumata, die sich wie bei Iris über die Generationen hinweg fortpflanzen: Die Erinnerung an ihre Jugend, an ihre vollkommene Liebe, heisst es im Roman, hindere Iris daran, die Gegenwart tief zu erleben.

Um diesen unausgesetzten inneren Monolog, diesen Kampf mit uneingelösten Empfindungen und Hoffnungen in Szene zu setzen, greift Shalev auf ihren typischen Sound zurück, der Introspektion und ereignishafte Wahrnehmung fast ununterscheidbar ineinanderfliessen lässt, selbst dort noch, wo es um die Gefährdung des immer extremistischer werdenden Landes geht und um die Angst der Mütter, ihre Kinder zu verlieren.

In diesem Fall allerdings wirkt die «Familienaufstellung» ein bisschen wie das jederzeit verschiebbare Figurenensemble auf Mickis Schachfeld. Die Zufälle sind bis hin zur Wiederbegegnung mit Iris’ ehemaligem Schüler Sascha, der Alma aus den Händen des Gurus retten soll, so haarsträubend konstruiert und die Messages so unnötig explizit – «zum ersten Mal kommt ihr in den Sinn, dass auch sie von einem bösen Tyrannen versklavt war, einer Vergangenheit, die einen langen bitteren Schatten auf ihr Leben warf», sinniert Iris am Ende –, dass der Möglichkeitshorizont im Glaubwürdigkeitsdefizit verdampft.

Neu ist auch, dass die biblisch bewanderte und eigentlich so bildstarke Autorin sich an manchen Stellen im Kitsch verliert: «Ihr Kopf stösst sich durch das Laubwerk wie der Kopf eines Kindes durch den Geburtskanal», heisst es an einer Stelle, von Alma ist als «knospender Blüte» die Rede, und deren Glaube an die Liebe spielt «wie ein Heiligenschein» über aller Köpfe.

Der aufgerissene weibliche Schmerzraum, auch das eine Erfahrung der neuen Subjektivität, ist nicht immer rutschfest, und in einem Zuviel an Liebes- und Schuldverstrickungen lauern, selbst bei der schönen Übertragung durch Mirjam Pressler, ästhetische Fallen.

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