Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Das Monster, das nicht lebt und alles verschlingt

Im neuen Science-Fiction-Roman «Der Schnitt durch die Sonne» des deutschen Autors und Journalisten Dietmar Dath wird viel über Mathematik, Musik oder das Kochen gesprochen.

Von Raul Zelik

Dietmar Dath ist sicherlich einer der interessantesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart: Niemand sonst beschäftigt sich mit so unterschiedlichen Fragen, kein anderer erreicht eine vergleichbare Tiefe. Der 47-jährige Redaktor der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ist mit Mathematik und Kommunismus ebenso vertraut wie mit Horrorfilmen, Heavy Metal, Hollywood, Science-Fiction und der Philosophiegeschichte der Aufklärung. Jetzt hat der Vielschreiber Dath einen neuen Roman veröffentlicht, in dem er – nicht zum ersten Mal – versucht, Mathematik in Literatur zu verwandeln.

Vera, prekär beschäftigte Antiquarin und eine der Hauptpersonen von «Der Schnitt durch die Sonne», umreisst das Vorhaben, als sie gegen Anfang des Buchs einer Kollegin erklärt, was gute Science-Fiction-Literatur auszeichne: Das Entscheidende sei «das Wissenschaftliche, aber nicht die wissenschaftlichen Einzelheiten». Die Autoren «nutzen die Mathematik, um ihre Stoffe zu organisieren. Das kann man sehr raffiniert machen. Ein Mathemodell unter ein Erzählkonzept legen und dann die Handlung und die kleinsten sprachlichen Einzelheiten dem anschmiegen. Es geht eben nicht um Wissensvermittlung, es geht um bestimmte Haltungen zum Wissen, die da erprobt werden.»

Hyperdimensionaler Wald

Daths Geschichte ist reichlich bizarr und streng betrachtet erst einmal Blödsinn: Auf der Sonne leben viele Tausend Grad heisse intelligente Wesen. Wie das möglich sein soll und woraus sie sich zusammensetzen, weiss man nicht, so genau will es Dath auch nicht erklären. Ihm geht es vielmehr um Grundfragen menschlichen Daseins und gesellschaftlicher Verhältnisse heute, die wiederum auf der Sonne gespiegelt sind: Unter den SonnenbewohnerInnen ist nämlich über die Frage, ob man Kontakt zu weit entfernten Zivilisationen aufnehmen soll, ein Bürgerkrieg entbrannt, und aus einem Grund, der sich einem ebenfalls nicht gänzlich erschliesst, benötigen die SonnenbewohnerInnen nun die musikalischen, geschmacklichen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der Menschen.

Also wird ein kleines Mädchen namens Teiresias vorgeschickt: «Guten Abend. Sie kennen mich nicht, und ich kenne Sie nicht. Aber die Sonne kennt uns beide und braucht uns. Darf ich reinkommen.» Schliesslich reist eine Gruppe von sechs Erdlingen – zwei Musiker, ein Physiker, eine Mathematikerin, eine Schülerin und ein Koch – auf die Sonne, was nicht als realer körperlicher Prozess, sondern mittels einer Übertragung funktioniert.

Die Einsatztruppe greift ins Geschehen ein, doch anders, als das Wort des «Bürgerkriegs» vermuten lässt, geht es eher beschaulich zur Sache. Die Gäste von der Erde wohnen in schönen zwanzigflächigen Unterkünften, sogenannten Ikosaedern, und obwohl durchaus Gefahr droht, weil ein Monster namens «Einhundertsechsundneunzigtausendachthundertdreiundachtzig», das nicht lebt, aber alles verschlingt, durch den hyperdimensionalen Wald streift, wird in erster Linie über Mathematik, Musik oder das Kochen gesprochen. «Vier Gänge, assoziativ unter Verknüpfung. Das Mahl beginnt als Zweierlei von Felsenaustern, mit Whisky zubereitet, dann Tatar mit Schaumkrone aus Austernwasser, Fine de claire mit Sojaschaum.»

Es ist leicht, Daths Roman zu denunzieren. Manche Ausführungen scheinen unmotiviert und für die Geschichte unwesentlich, andere sind für die meisten LeserInnen völlig unverständlich. Wer beispielsweise begreifen will, was Dath über Funktionen und Morphismen schreibt, braucht fortgeschrittene Kenntnisse der Mathematik. Zudem hat man den Eindruck, dass vieles ausgebreitet, dann aber nicht zusammengebunden wird.

Das stimmt auch für die Personen, die auf den ersten hundert Seiten sehr ernsthaft eingeführt, dann aber kaum weiterentwickelt werden. Dabei sind ihre Geschichten durchaus interessant, denn es handelt sich um Miniaturen des gesellschaftlichen Lebens. Die sechs Erdlinge haben Migrationsgeschichte, sind vom Kapitalismus aussortiert oder politisch aktiv – man könnte sagen, Dath unternimmt hier eine kritische Vermessung der sozialen Wirklichkeit im Kapitalismus, der ähnlich wie das Monster auf der Sonne «nicht lebt, aber alles verschlingt» und «sich nur noch wiederholt».

Tiefe Sehnsucht nach Transzendenz

Bei der Übertragung auf die Sonne verwandeln die Erdlinge ihre Identität, der Physiker wird eine Frau, die verarmte Musikschaffende ein Mann, und ihr Umfeld verschwindet. Diese Wandlung wird auch nicht wirklich auserzählt. Für Dath scheint sie nur ein Verweis auf die Möglichkeit von Veränderung zu sein. Dementsprechend besitzt sein Personal wenig Profil, es wirkt wie ein amorpher Körper, der die Vielfalt kognitiver und sinnlicher Fähigkeiten des Menschen abbilden soll.

Man könnte das als erzählerische Faulheit Daths gegenüber seinen Personen interpretieren, aber es ist eben auch ein Statement, dass es beim Schreiben um etwas radikal anderes geht: «um bestimmte Haltungen zum Wissen», wie Dath es am Anfang des Romans postuliert. Genau das macht Daths Literatur einzigartig: Sie ist ein Türöffner, sie ermöglicht, Fragen anders zu stellen, und bemerkenswerterweise entwickelt sein Roman dabei durchaus so etwas wie Spannung. Er erzählt nämlich bizarre Situationen, die gleichermassen alltäglich und völlig fremdartig sind.

Die grösste Kraft bezieht der Roman allerdings aus einem anderen Widerspruch: Dath ist ein begeisterter und im besten Sinn altmodischer Aufklärer, der den Naturwissenschaften eine zentrale Rolle bei der Emanzipation der Menschheit beimisst. Gleichzeitig allerdings wohnt seinem Roman eine tiefe Sehnsucht nach so etwas wie Transzendenz inne. Das religiöse Motiv, um das Daths letzter Roman «Leider bin ich tot» (2016) kreiste, spielt auch diesmal eine Rolle. «Der Schnitt durch die Sonne» erzählt von höheren Wesen, anderen Dimensionen. Doch seltsamerweise führt die Reise aus dem Hier ins Dort bei Dath – im Übrigen ganz ähnlich wie beim radikalen Aufklärer Baruch Spinoza – ins Innerste der menschlichen Sinne. Die Erdlinge, die auf die Sonne reisen, überwinden ihre materielle Existenz, um sich ganz dem Sinnlichen hinzugeben: Musikmachen, Mathematik, Sprechen, Schmecken, Lieben. Während draussen das Monster mit dem eigenartigen Namen tobt.

«Der Schnitt durch die Sonne» ist also ein sehr sinnlicher Roman. Es ist eigenartig, das über einen Roman zu sagen, der seitenlang abstrakte Mathematik referiert: Es ist ein schönes Buch.

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